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Schwappach, Adam: Forstpolitik, Jagd- und Fischereipolitik. Leipzig, 1894.

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Einleitung.

§ 1. Geschichtliche Entwicklung und volkswirtschaftliche Bedeutung
der Jagd
. Die Bedeutung der Jagd in volkswirtschaftlicher Beziehung
wird bedingt durch die Kulturstufe eines Volkes, dessen nationale
Eigentümlichkeiten und die Beschaffenheit seiner Wohnsitze.

Auf den niederen Kulturstufen bildet für alle in den gemässigten
und kälteren Gegenden lebenden Völker das Fleisch der jagdbaren
Tiere einen hervorragenden und vielfach sogar den bedeutendsten Teil
ihrer Nahrungsmittel, soweit nicht die Nähe des Meeres oder grösserer
Gewässer für den gleichen Zweck die Fische bietet.

Manche Völkerschaften treiben schon sehr frühzeitig neben der
Jagd auch Viehzucht und Ackerbau, während andere, wie z. B. die
Indianer Nordamerikas, dauernd aus der Jagd den wichtigsten Teil
ihres Unterhalts gewinnen.

Die arischen Völkerstämme haben bereits in vorgeschichtlicher Zeit
Getreide gesät, und schon vor ihrer Trennung neben Jagd auch Vieh-
zucht und Ackerbau, allerdings noch nicht sesshaft, betrieben.

Die Schwächung und Erschöpfung der Jagd- und Weidegründe
bildete auch die Ursache ihrer Wanderung, welche die Germanen
schliesslich in ihre gegenwärtigen Wohnsitze führte.

Auch nach ihrer Ankunft in Deutschland behielten sie die gewohnte
Jagd- und Weidewirtschaft mit geringfügigem, bloss im Vorüberziehen
betriebenem, höchst extensivem Ackerbau bei.

Zu Caesars Zeit (etwa 56 v. Chr.) hatte der Ackerbau nur geringe
Ausdehnung; Privateigentum und Sonderrecht an Ackerland gab es noch
nicht, dagegen sagt Caesar (lib. VI, cap. XXI): vita omnis in vena-
tionibus atque in studiis rei militaris consistit.

Erst als die Germanen im Westen und Süden in ihrem Vorrücken
durch die Römer gehindert wurden, trat eine grössere Sesshaftigkeit und
der Übergang zu intensiverer Wirtschaft ein. Bereits Tacitus (etwa 99
n. Chr.) berichtet, dass die Germanen überall feste, wenn auch noch
nicht definitive Wohnsitze eingenommen hatten und grösseres Gewicht
auf den Ackerbau legten.

Die altgermanische Vorliebe für die Jagd bewirkte indessen, dass
noch jahrhundertelang die Jagd in der Volkswirtschaft eine ganz hervor-

Einleitung.

§ 1. Geschichtliche Entwicklung und volkswirtschaftliche Bedeutung
der Jagd
. Die Bedeutung der Jagd in volkswirtschaftlicher Beziehung
wird bedingt durch die Kulturstufe eines Volkes, dessen nationale
Eigentümlichkeiten und die Beschaffenheit seiner Wohnsitze.

Auf den niederen Kulturstufen bildet für alle in den gemäſsigten
und kälteren Gegenden lebenden Völker das Fleisch der jagdbaren
Tiere einen hervorragenden und vielfach sogar den bedeutendsten Teil
ihrer Nahrungsmittel, soweit nicht die Nähe des Meeres oder gröſserer
Gewässer für den gleichen Zweck die Fische bietet.

Manche Völkerschaften treiben schon sehr frühzeitig neben der
Jagd auch Viehzucht und Ackerbau, während andere, wie z. B. die
Indianer Nordamerikas, dauernd aus der Jagd den wichtigsten Teil
ihres Unterhalts gewinnen.

Die arischen Völkerstämme haben bereits in vorgeschichtlicher Zeit
Getreide gesät, und schon vor ihrer Trennung neben Jagd auch Vieh-
zucht und Ackerbau, allerdings noch nicht seſshaft, betrieben.

Die Schwächung und Erschöpfung der Jagd- und Weidegründe
bildete auch die Ursache ihrer Wanderung, welche die Germanen
schlieſslich in ihre gegenwärtigen Wohnsitze führte.

Auch nach ihrer Ankunft in Deutschland behielten sie die gewohnte
Jagd- und Weidewirtschaft mit geringfügigem, bloſs im Vorüberziehen
betriebenem, höchst extensivem Ackerbau bei.

Zu Caesars Zeit (etwa 56 v. Chr.) hatte der Ackerbau nur geringe
Ausdehnung; Privateigentum und Sonderrecht an Ackerland gab es noch
nicht, dagegen sagt Caesar (lib. VI, cap. XXI): vita omnis in vena-
tionibus atque in studiis rei militaris consistit.

Erst als die Germanen im Westen und Süden in ihrem Vorrücken
durch die Römer gehindert wurden, trat eine gröſsere Seſshaftigkeit und
der Übergang zu intensiverer Wirtschaft ein. Bereits Tacitus (etwa 99
n. Chr.) berichtet, daſs die Germanen überall feste, wenn auch noch
nicht definitive Wohnsitze eingenommen hatten und gröſseres Gewicht
auf den Ackerbau legten.

Die altgermanische Vorliebe für die Jagd bewirkte indessen, daſs
noch jahrhundertelang die Jagd in der Volkswirtschaft eine ganz hervor-

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[[301]/0319] Einleitung. § 1. Geschichtliche Entwicklung und volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd. Die Bedeutung der Jagd in volkswirtschaftlicher Beziehung wird bedingt durch die Kulturstufe eines Volkes, dessen nationale Eigentümlichkeiten und die Beschaffenheit seiner Wohnsitze. Auf den niederen Kulturstufen bildet für alle in den gemäſsigten und kälteren Gegenden lebenden Völker das Fleisch der jagdbaren Tiere einen hervorragenden und vielfach sogar den bedeutendsten Teil ihrer Nahrungsmittel, soweit nicht die Nähe des Meeres oder gröſserer Gewässer für den gleichen Zweck die Fische bietet. Manche Völkerschaften treiben schon sehr frühzeitig neben der Jagd auch Viehzucht und Ackerbau, während andere, wie z. B. die Indianer Nordamerikas, dauernd aus der Jagd den wichtigsten Teil ihres Unterhalts gewinnen. Die arischen Völkerstämme haben bereits in vorgeschichtlicher Zeit Getreide gesät, und schon vor ihrer Trennung neben Jagd auch Vieh- zucht und Ackerbau, allerdings noch nicht seſshaft, betrieben. Die Schwächung und Erschöpfung der Jagd- und Weidegründe bildete auch die Ursache ihrer Wanderung, welche die Germanen schlieſslich in ihre gegenwärtigen Wohnsitze führte. Auch nach ihrer Ankunft in Deutschland behielten sie die gewohnte Jagd- und Weidewirtschaft mit geringfügigem, bloſs im Vorüberziehen betriebenem, höchst extensivem Ackerbau bei. Zu Caesars Zeit (etwa 56 v. Chr.) hatte der Ackerbau nur geringe Ausdehnung; Privateigentum und Sonderrecht an Ackerland gab es noch nicht, dagegen sagt Caesar (lib. VI, cap. XXI): vita omnis in vena- tionibus atque in studiis rei militaris consistit. Erst als die Germanen im Westen und Süden in ihrem Vorrücken durch die Römer gehindert wurden, trat eine gröſsere Seſshaftigkeit und der Übergang zu intensiverer Wirtschaft ein. Bereits Tacitus (etwa 99 n. Chr.) berichtet, daſs die Germanen überall feste, wenn auch noch nicht definitive Wohnsitze eingenommen hatten und gröſseres Gewicht auf den Ackerbau legten. Die altgermanische Vorliebe für die Jagd bewirkte indessen, daſs noch jahrhundertelang die Jagd in der Volkswirtschaft eine ganz hervor-

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Zitationshilfe: Schwappach, Adam: Forstpolitik, Jagd- und Fischereipolitik. Leipzig, 1894, S. [301]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schwappach_forstpolitik_1894/319>, abgerufen am 18.04.2019.