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Schweiger-Lerchenfeld, Amand von: Im Reiche der Cyklopen: eine populäre Darstellung der Stahl- und Eisentechnik. Wien u. a., 1900.

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Das Geschützwesen.

Die Ausfeuerlage wird beim Schießen auf sich bewegende Ziele angewendet.
Da es in diesem Falle nicht möglich ist, daß das Geschütz dem fortrückenden Ziele
mit dem Visir nachfolgt (wie beim Gewehr), so wird von einem Geschützzug (zwei
Geschütze) ein Punkt im Terrain unter Feuer genommen, wohin das Ziel bei Fort-
setzung der Bewegung gelangen muß. Diesen durch das Aufschlagen der Geschosse
gut markirten Punkt nehmen die übrigen sechs Geschütze als Zielpunkt und feuern,
sobald die zu beschießende Truppe diesen Punkt erreicht hat. Beim Einzelfeuer
schießt jedes Geschütz, sobald es geladen und gerichtet ist. Es ist dies die Feuerart,
welche bei Ueberraschungen durch attaquirende Cavallerie oder plötzlich auftauchende
Infanterie angewendet wird.



Die Schnellfeuergeschütze.

Eine der bedeutendsten Umwandlungen in der Bewaffnung der Infanterie,
die sich in den letzten Jahren vollzogen hat, war, wie wir weiter unten sehen werden,
der Uebergang zu dem kleincalibrigen Gewehr, welches vermöge der Einrichtung
des Magazins eine viel größere Schußgeschwindigkeit besitzt, als seine Vorgänger.
Diese Schußgeschwindigkeit ist jedoch streng genommen Nebensache und käme im
Feuergefecht aus mancherlei Gründen nur theilweise zur Wirkung. Die Hauptsache
ist die Verkleinerung des Calibers, welche in Folge der dadurch herbeigeführten
Verringerung des Geschoßgewichtes eine größere Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses
und damit eine größere Durchschlagskraft desselben ermöglicht.

Wie man sich denken kann, gab diese Umwandlung der Infanteriewaffe auch
den Artilleristen zu denken. Vor einiger Zeit sprach sich eine Autorität auf diesem
Gebiete, der preußische Generalmajor Wille, in seinem Buche über das Feldgeschütz
der Zukunft dahin aus, daß die Umwandlung der Feldartillerie nach demselben
Princip: Verringerung des Calibers Erhöhung der Geschoß- und Feuergeschwindigkeit,
nur noch eine Frage der Zeit sei und hauptsächlich von dem Bau einer zweck-
mäßigen Lafette abhänge. Damit hatte er wohl das Richtige getroffen und den
Freunden der Artilleriereform aus der Seele gesprochen.

Unter diesen Umständen verdienen die Bestrebungen zur Vervollkommnung
des Geschützwesens in der angedeuteten Richtung ein erhöhtes Interesse. ... Her-
vorgegangen ist das kleincalibrige Schnellfeuergeschütz offenbar aus den Anforderungen
der Seetaktik. Hier ist das Ziel schwerer zu treffen als auf dem Lande, weil es
sich schnell bewegt und überdies schwankt, während andererseits das Schlingern
und Stampfen des angreifenden Schiffes das Zielen noch mehr erschwert. Es gilt,
die günstige Secunde zum Feuern zu benützen, und dies ist wiederum nur möglich,
wenn das Werkzeug, das heißt das Geschütz, dem Befehle blitzschnell zu folgen
vermag. Am nothwendigsten ist das schnelle Feuern, wenn es gilt, den Angriff
der Torpedoboote abzuwehren, also diese äußerst flinken Schiffe durch einen Hagel


Das Geſchützweſen.

Die Ausfeuerlage wird beim Schießen auf ſich bewegende Ziele angewendet.
Da es in dieſem Falle nicht möglich iſt, daß das Geſchütz dem fortrückenden Ziele
mit dem Viſir nachfolgt (wie beim Gewehr), ſo wird von einem Geſchützzug (zwei
Geſchütze) ein Punkt im Terrain unter Feuer genommen, wohin das Ziel bei Fort-
ſetzung der Bewegung gelangen muß. Dieſen durch das Aufſchlagen der Geſchoſſe
gut markirten Punkt nehmen die übrigen ſechs Geſchütze als Zielpunkt und feuern,
ſobald die zu beſchießende Truppe dieſen Punkt erreicht hat. Beim Einzelfeuer
ſchießt jedes Geſchütz, ſobald es geladen und gerichtet iſt. Es iſt dies die Feuerart,
welche bei Ueberraſchungen durch attaquirende Cavallerie oder plötzlich auftauchende
Infanterie angewendet wird.



Die Schnellfeuergeſchütze.

Eine der bedeutendſten Umwandlungen in der Bewaffnung der Infanterie,
die ſich in den letzten Jahren vollzogen hat, war, wie wir weiter unten ſehen werden,
der Uebergang zu dem kleincalibrigen Gewehr, welches vermöge der Einrichtung
des Magazins eine viel größere Schußgeſchwindigkeit beſitzt, als ſeine Vorgänger.
Dieſe Schußgeſchwindigkeit iſt jedoch ſtreng genommen Nebenſache und käme im
Feuergefecht aus mancherlei Gründen nur theilweiſe zur Wirkung. Die Hauptſache
iſt die Verkleinerung des Calibers, welche in Folge der dadurch herbeigeführten
Verringerung des Geſchoßgewichtes eine größere Anfangsgeſchwindigkeit des Geſchoſſes
und damit eine größere Durchſchlagskraft desſelben ermöglicht.

Wie man ſich denken kann, gab dieſe Umwandlung der Infanteriewaffe auch
den Artilleriſten zu denken. Vor einiger Zeit ſprach ſich eine Autorität auf dieſem
Gebiete, der preußiſche Generalmajor Wille, in ſeinem Buche über das Feldgeſchütz
der Zukunft dahin aus, daß die Umwandlung der Feldartillerie nach demſelben
Princip: Verringerung des Calibers Erhöhung der Geſchoß- und Feuergeſchwindigkeit,
nur noch eine Frage der Zeit ſei und hauptſächlich von dem Bau einer zweck-
mäßigen Lafette abhänge. Damit hatte er wohl das Richtige getroffen und den
Freunden der Artilleriereform aus der Seele geſprochen.

Unter dieſen Umſtänden verdienen die Beſtrebungen zur Vervollkommnung
des Geſchützweſens in der angedeuteten Richtung ein erhöhtes Intereſſe. ... Her-
vorgegangen iſt das kleincalibrige Schnellfeuergeſchütz offenbar aus den Anforderungen
der Seetaktik. Hier iſt das Ziel ſchwerer zu treffen als auf dem Lande, weil es
ſich ſchnell bewegt und überdies ſchwankt, während andererſeits das Schlingern
und Stampfen des angreifenden Schiffes das Zielen noch mehr erſchwert. Es gilt,
die günſtige Secunde zum Feuern zu benützen, und dies iſt wiederum nur möglich,
wenn das Werkzeug, das heißt das Geſchütz, dem Befehle blitzſchnell zu folgen
vermag. Am nothwendigſten iſt das ſchnelle Feuern, wenn es gilt, den Angriff
der Torpedoboote abzuwehren, alſo dieſe äußerſt flinken Schiffe durch einen Hagel

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[725/0801] Das Geſchützweſen. Die Ausfeuerlage wird beim Schießen auf ſich bewegende Ziele angewendet. Da es in dieſem Falle nicht möglich iſt, daß das Geſchütz dem fortrückenden Ziele mit dem Viſir nachfolgt (wie beim Gewehr), ſo wird von einem Geſchützzug (zwei Geſchütze) ein Punkt im Terrain unter Feuer genommen, wohin das Ziel bei Fort- ſetzung der Bewegung gelangen muß. Dieſen durch das Aufſchlagen der Geſchoſſe gut markirten Punkt nehmen die übrigen ſechs Geſchütze als Zielpunkt und feuern, ſobald die zu beſchießende Truppe dieſen Punkt erreicht hat. Beim Einzelfeuer ſchießt jedes Geſchütz, ſobald es geladen und gerichtet iſt. Es iſt dies die Feuerart, welche bei Ueberraſchungen durch attaquirende Cavallerie oder plötzlich auftauchende Infanterie angewendet wird. Die Schnellfeuergeſchütze. Eine der bedeutendſten Umwandlungen in der Bewaffnung der Infanterie, die ſich in den letzten Jahren vollzogen hat, war, wie wir weiter unten ſehen werden, der Uebergang zu dem kleincalibrigen Gewehr, welches vermöge der Einrichtung des Magazins eine viel größere Schußgeſchwindigkeit beſitzt, als ſeine Vorgänger. Dieſe Schußgeſchwindigkeit iſt jedoch ſtreng genommen Nebenſache und käme im Feuergefecht aus mancherlei Gründen nur theilweiſe zur Wirkung. Die Hauptſache iſt die Verkleinerung des Calibers, welche in Folge der dadurch herbeigeführten Verringerung des Geſchoßgewichtes eine größere Anfangsgeſchwindigkeit des Geſchoſſes und damit eine größere Durchſchlagskraft desſelben ermöglicht. Wie man ſich denken kann, gab dieſe Umwandlung der Infanteriewaffe auch den Artilleriſten zu denken. Vor einiger Zeit ſprach ſich eine Autorität auf dieſem Gebiete, der preußiſche Generalmajor Wille, in ſeinem Buche über das Feldgeſchütz der Zukunft dahin aus, daß die Umwandlung der Feldartillerie nach demſelben Princip: Verringerung des Calibers Erhöhung der Geſchoß- und Feuergeſchwindigkeit, nur noch eine Frage der Zeit ſei und hauptſächlich von dem Bau einer zweck- mäßigen Lafette abhänge. Damit hatte er wohl das Richtige getroffen und den Freunden der Artilleriereform aus der Seele geſprochen. Unter dieſen Umſtänden verdienen die Beſtrebungen zur Vervollkommnung des Geſchützweſens in der angedeuteten Richtung ein erhöhtes Intereſſe. ... Her- vorgegangen iſt das kleincalibrige Schnellfeuergeſchütz offenbar aus den Anforderungen der Seetaktik. Hier iſt das Ziel ſchwerer zu treffen als auf dem Lande, weil es ſich ſchnell bewegt und überdies ſchwankt, während andererſeits das Schlingern und Stampfen des angreifenden Schiffes das Zielen noch mehr erſchwert. Es gilt, die günſtige Secunde zum Feuern zu benützen, und dies iſt wiederum nur möglich, wenn das Werkzeug, das heißt das Geſchütz, dem Befehle blitzſchnell zu folgen vermag. Am nothwendigſten iſt das ſchnelle Feuern, wenn es gilt, den Angriff der Torpedoboote abzuwehren, alſo dieſe äußerſt flinken Schiffe durch einen Hagel

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Zitationshilfe: Schweiger-Lerchenfeld, Amand von: Im Reiche der Cyklopen: eine populäre Darstellung der Stahl- und Eisentechnik. Wien u. a., 1900, S. 725. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schweiger_cyklopen_1900/801>, abgerufen am 27.03.2019.