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Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 1. Berlin, 1812.

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Der blonde Eckbert.
Der blonde Eckbert.

In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter,
den man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte.
Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von
mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen
schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen
Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und war nie-
mals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt,
auch sah man ihn nur selten außerhalb den Ring-
mauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib liebte
die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich
von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich
darüber, daß der Himmel ihre Ehe mit keinen Kin-
dern segnen wolle.

Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht,
und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen
fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens
geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die
Sparsamkeit selbst schien alles anzuordnen. Eck-
bert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn
er allein war bemerkte man an ihm eine gewisse Ver-
schlossenheit, eine stille zurückhaltende Melankolie.

Niemand kam so häufig auf die Burg als
Philipp Walther, ein Mann, an welchen sich Eck-
bert geschlossen hatte, weil er an ihm ohngefähr
dieselbe Art zu denken fand, der auch er am mei-
sten zugethan war. Dieser wohnte eigentlich in
Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr

Der blonde Eckbert.
Der blonde Eckbert.

In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter,
den man gewoͤhnlich nur den blonden Eckbert nannte.
Er war ohngefaͤhr vierzig Jahr alt, kaum von
mittler Groͤße, und kurze hellblonde Haare lagen
ſchlicht und dicht an ſeinem blaſſen eingefallenen
Geſichte. Er lebte ſehr ruhig fuͤr ſich und war nie-
mals in den Fehden ſeiner Nachbarn verwickelt,
auch ſah man ihn nur ſelten außerhalb den Ring-
mauern ſeines kleinen Schloſſes. Sein Weib liebte
die Einſamkeit eben ſo ſehr, und beide ſchienen ſich
von Herzen zu lieben, nur klagten ſie gewoͤhnlich
daruͤber, daß der Himmel ihre Ehe mit keinen Kin-
dern ſegnen wolle.

Nur ſelten wurde Eckbert von Gaͤſten beſucht,
und wenn es auch geſchah, ſo wurde ihretwegen
faſt nichts in dem gewoͤhnlichen Gange des Lebens
geaͤndert, die Maͤßigkeit wohnte dort, und die
Sparſamkeit ſelbſt ſchien alles anzuordnen. Eck-
bert war alsdann heiter und aufgeraͤumt, nur wenn
er allein war bemerkte man an ihm eine gewiſſe Ver-
ſchloſſenheit, eine ſtille zuruͤckhaltende Melankolie.

Niemand kam ſo haͤufig auf die Burg als
Philipp Walther, ein Mann, an welchen ſich Eck-
bert geſchloſſen hatte, weil er an ihm ohngefaͤhr
dieſelbe Art zu denken fand, der auch er am mei-
ſten zugethan war. Dieſer wohnte eigentlich in
Franken, hielt ſich aber oft uͤber ein halbes Jahr

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[165/0176] Der blonde Eckbert. Der blonde Eckbert. In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewoͤhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er war ohngefaͤhr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Groͤße, und kurze hellblonde Haare lagen ſchlicht und dicht an ſeinem blaſſen eingefallenen Geſichte. Er lebte ſehr ruhig fuͤr ſich und war nie- mals in den Fehden ſeiner Nachbarn verwickelt, auch ſah man ihn nur ſelten außerhalb den Ring- mauern ſeines kleinen Schloſſes. Sein Weib liebte die Einſamkeit eben ſo ſehr, und beide ſchienen ſich von Herzen zu lieben, nur klagten ſie gewoͤhnlich daruͤber, daß der Himmel ihre Ehe mit keinen Kin- dern ſegnen wolle. Nur ſelten wurde Eckbert von Gaͤſten beſucht, und wenn es auch geſchah, ſo wurde ihretwegen faſt nichts in dem gewoͤhnlichen Gange des Lebens geaͤndert, die Maͤßigkeit wohnte dort, und die Sparſamkeit ſelbſt ſchien alles anzuordnen. Eck- bert war alsdann heiter und aufgeraͤumt, nur wenn er allein war bemerkte man an ihm eine gewiſſe Ver- ſchloſſenheit, eine ſtille zuruͤckhaltende Melankolie. Niemand kam ſo haͤufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, an welchen ſich Eck- bert geſchloſſen hatte, weil er an ihm ohngefaͤhr dieſelbe Art zu denken fand, der auch er am mei- ſten zugethan war. Dieſer wohnte eigentlich in Franken, hielt ſich aber oft uͤber ein halbes Jahr

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 1. Berlin, 1812, S. 165. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/tieck_phantasus01_1812/176>, abgerufen am 16.09.2019.