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Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766.

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Sechstes Buch, drittes Capitel.
Drittes Capitel.
Convulsivische Bewegungen der wiederauf-
lebenden Tugend.

Wenige Tage waren seit dem Besuch des Hippias
verflossen; als ein Fest, welches er alle Jahre seinen
Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte, der
schönen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zu-
zusenden. Weil sie keinen guten Vorwand zu geben
hatten, ihr Ausbleiben zu entschuldigen, so erschieuen
sie auf den bestimmten Tag, und Agathon brachte eine
Lebhaftigkeit mit, welche ihm selbst Hofnung machte,
daß er sich so gut halten würde, als es die Anfälle,
die er von der Schalkhaftigkeit des Sophisten erwar-
tete, nur immer erfordern könnten. Hippias hatte nichts
vergessen, was die Pracht seines Fests vermehren konn-
te; und nach demjenigen, was im zweyten Buch von
den Grundsäzen, der Lebensart und den Reichthümern
dieses Mannes gemeldet worden, können unsre Leser
sich so viel davon einbilden als sie wollen, ohne zu be-
sorgen, daß wir sie durch überflüßige Beschreibungen
von den wichtigern Gegenständen, die wir vor uns ha-
ben, aufhalten würden.

Agathon hatte über der Tafel die Rolle eines wizi-
gen Kopfs so gut gespielt; er hatte so fein und so leb-
haft gescherzt, und bey Gelegenheiten die Jdeen, wo-
von seine Seele damals beherrscht wurde, so deutlich

verrathen;
Sechstes Buch, drittes Capitel.
Drittes Capitel.
Convulſiviſche Bewegungen der wiederauf-
lebenden Tugend.

Wenige Tage waren ſeit dem Beſuch des Hippias
verfloſſen; als ein Feſt, welches er alle Jahre ſeinen
Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte, der
ſchoͤnen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zu-
zuſenden. Weil ſie keinen guten Vorwand zu geben
hatten, ihr Ausbleiben zu entſchuldigen, ſo erſchieuen
ſie auf den beſtimmten Tag, und Agathon brachte eine
Lebhaftigkeit mit, welche ihm ſelbſt Hofnung machte,
daß er ſich ſo gut halten wuͤrde, als es die Anfaͤlle,
die er von der Schalkhaftigkeit des Sophiſten erwar-
tete, nur immer erfordern koͤnnten. Hippias hatte nichts
vergeſſen, was die Pracht ſeines Feſts vermehren konn-
te; und nach demjenigen, was im zweyten Buch von
den Grundſaͤzen, der Lebensart und den Reichthuͤmern
dieſes Mannes gemeldet worden, koͤnnen unſre Leſer
ſich ſo viel davon einbilden als ſie wollen, ohne zu be-
ſorgen, daß wir ſie durch uͤberfluͤßige Beſchreibungen
von den wichtigern Gegenſtaͤnden, die wir vor uns ha-
ben, aufhalten wuͤrden.

Agathon hatte uͤber der Tafel die Rolle eines wizi-
gen Kopfs ſo gut geſpielt; er hatte ſo fein und ſo leb-
haft geſcherzt, und bey Gelegenheiten die Jdeen, wo-
von ſeine Seele damals beherrſcht wurde, ſo deutlich

verrathen;
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[235/0257] Sechstes Buch, drittes Capitel. Drittes Capitel. Convulſiviſche Bewegungen der wiederauf- lebenden Tugend. Wenige Tage waren ſeit dem Beſuch des Hippias verfloſſen; als ein Feſt, welches er alle Jahre ſeinen Freunden zu geben pflegte, Gelegenheit machte, der ſchoͤnen Danae und ihrem Freunde eine Einladung zu- zuſenden. Weil ſie keinen guten Vorwand zu geben hatten, ihr Ausbleiben zu entſchuldigen, ſo erſchieuen ſie auf den beſtimmten Tag, und Agathon brachte eine Lebhaftigkeit mit, welche ihm ſelbſt Hofnung machte, daß er ſich ſo gut halten wuͤrde, als es die Anfaͤlle, die er von der Schalkhaftigkeit des Sophiſten erwar- tete, nur immer erfordern koͤnnten. Hippias hatte nichts vergeſſen, was die Pracht ſeines Feſts vermehren konn- te; und nach demjenigen, was im zweyten Buch von den Grundſaͤzen, der Lebensart und den Reichthuͤmern dieſes Mannes gemeldet worden, koͤnnen unſre Leſer ſich ſo viel davon einbilden als ſie wollen, ohne zu be- ſorgen, daß wir ſie durch uͤberfluͤßige Beſchreibungen von den wichtigern Gegenſtaͤnden, die wir vor uns ha- ben, aufhalten wuͤrden. Agathon hatte uͤber der Tafel die Rolle eines wizi- gen Kopfs ſo gut geſpielt; er hatte ſo fein und ſo leb- haft geſcherzt, und bey Gelegenheiten die Jdeen, wo- von ſeine Seele damals beherrſcht wurde, ſo deutlich verrathen;

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Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766, S. 235. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/257>, abgerufen am 20.07.2019.