Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

Bild:
<< vorherige Seite

rige unbeklagt den Tod der Vergangenheit stirbt, so
hat sich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in die-
sem einen erfundnen Geschick, wie in einer Grabesurne,
die Thränen für manches versäumte zu sammeln. Deine
tiefen, aus dem Geist und der Wahrheit entspringende
Ansichten gehören jedoch zu den schönsten Opfern, die
mich erfreuen, aber niemals stören können, ich bitte da-
her recht sehr, mit gewissenhafter Treue dergleichen dem
Papier zu vertrauen, und nicht allenfalls in Wind zu
schlagen wie bei deinem geistigen Commers und Über-
fluß an Gedanken leichtlich zu befahren ist. Lebe wohl
und lasse bald wieder von Dir hören.


Goethe.

Meine Frau mag Dir selbst schreiben wie verlegen
sie um ein Maskenkleid gewesen, und wie erfreut sie
bei Eröffnung der Schachtel war, es hat feinen herr-
lichen Effekt gethan. Über der lieben Meline Heirath
sage ich nichts, es macht einem nie wohl, wenn ein so
schönes Kind sich weggiebt, und der Glückwunsch, den
man da anbringt, drückt einem nur auf dem Herzen.

rige unbeklagt den Tod der Vergangenheit ſtirbt, ſo
hat ſich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in die-
ſem einen erfundnen Geſchick, wie in einer Grabesurne,
die Thränen für manches verſäumte zu ſammeln. Deine
tiefen, aus dem Geiſt und der Wahrheit entſpringende
Anſichten gehören jedoch zu den ſchönſten Opfern, die
mich erfreuen, aber niemals ſtören können, ich bitte da-
her recht ſehr, mit gewiſſenhafter Treue dergleichen dem
Papier zu vertrauen, und nicht allenfalls in Wind zu
ſchlagen wie bei deinem geiſtigen Commers und Über-
fluß an Gedanken leichtlich zu befahren iſt. Lebe wohl
und laſſe bald wieder von Dir hören.


Goethe.

Meine Frau mag Dir ſelbſt ſchreiben wie verlegen
ſie um ein Maskenkleid geweſen, und wie erfreut ſie
bei Eröffnung der Schachtel war, es hat feinen herr-
lichen Effekt gethan. Über der lieben Meline Heirath
ſage ich nichts, es macht einem nie wohl, wenn ein ſo
ſchönes Kind ſich weggiebt, und der Glückwunſch, den
man da anbringt, drückt einem nur auf dem Herzen.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0166" n="156"/>
rige unbeklagt den Tod der Vergangenheit &#x017F;tirbt, &#x017F;o<lb/>
hat &#x017F;ich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in die-<lb/>
&#x017F;em einen erfundnen Ge&#x017F;chick, wie in einer Grabesurne,<lb/>
die Thränen für manches ver&#x017F;äumte zu &#x017F;ammeln. Deine<lb/>
tiefen, aus dem Gei&#x017F;t und der Wahrheit ent&#x017F;pringende<lb/>
An&#x017F;ichten gehören jedoch zu den &#x017F;chön&#x017F;ten Opfern, die<lb/>
mich erfreuen, aber niemals &#x017F;tören können, ich bitte da-<lb/>
her recht &#x017F;ehr, mit gewi&#x017F;&#x017F;enhafter Treue dergleichen dem<lb/>
Papier zu vertrauen, und nicht allenfalls in Wind zu<lb/>
&#x017F;chlagen wie bei deinem gei&#x017F;tigen Commers und Über-<lb/>
fluß an Gedanken leichtlich zu befahren i&#x017F;t. Lebe wohl<lb/>
und la&#x017F;&#x017F;e bald wieder von Dir hören.</p><lb/>
          <closer>
            <dateline> <hi rendition="#et">Weimar, den 5. Februar 1810.</hi> </dateline><lb/>
            <salute> <hi rendition="#et">Goethe.</hi> </salute>
          </closer><lb/>
          <postscript>
            <p>Meine Frau mag Dir &#x017F;elb&#x017F;t &#x017F;chreiben wie verlegen<lb/>
&#x017F;ie um ein Maskenkleid gewe&#x017F;en, und wie erfreut &#x017F;ie<lb/>
bei Eröffnung der Schachtel war, es hat feinen herr-<lb/>
lichen Effekt gethan. Über der lieben Meline Heirath<lb/>
&#x017F;age ich nichts, es macht einem nie wohl, wenn ein &#x017F;o<lb/>
&#x017F;chönes Kind &#x017F;ich weggiebt, und der Glückwun&#x017F;ch, den<lb/>
man da anbringt, drückt einem nur auf dem Herzen.</p>
          </postscript>
        </div><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[156/0166] rige unbeklagt den Tod der Vergangenheit ſtirbt, ſo hat ſich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in die- ſem einen erfundnen Geſchick, wie in einer Grabesurne, die Thränen für manches verſäumte zu ſammeln. Deine tiefen, aus dem Geiſt und der Wahrheit entſpringende Anſichten gehören jedoch zu den ſchönſten Opfern, die mich erfreuen, aber niemals ſtören können, ich bitte da- her recht ſehr, mit gewiſſenhafter Treue dergleichen dem Papier zu vertrauen, und nicht allenfalls in Wind zu ſchlagen wie bei deinem geiſtigen Commers und Über- fluß an Gedanken leichtlich zu befahren iſt. Lebe wohl und laſſe bald wieder von Dir hören. Weimar, den 5. Februar 1810. Goethe. Meine Frau mag Dir ſelbſt ſchreiben wie verlegen ſie um ein Maskenkleid geweſen, und wie erfreut ſie bei Eröffnung der Schachtel war, es hat feinen herr- lichen Effekt gethan. Über der lieben Meline Heirath ſage ich nichts, es macht einem nie wohl, wenn ein ſo ſchönes Kind ſich weggiebt, und der Glückwunſch, den man da anbringt, drückt einem nur auf dem Herzen.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/166
Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 156. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/166>, abgerufen am 22.04.2024.