Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

Bild:
<< vorherige Seite

rechter Zeit in Scheidemünze verwandeln, womit Sie
allein sich das erwerben können was Ihnen fehlt."
Dann versprach er mir auch noch, er wolle mir einen
Otternpelz zusammenfangen, und ich solle über's Jahr
kommen ihn holen. Ach, ich werde nicht wiederkommen
in das liebe Landshut, wo wir uns freuten, wenn's
schneite und Nachts der Wind recht gestürmt hatte, so
gut als wenn die Sonne recht herrlich schien, wo wir
alle einander so gut waren, wo die Studenten Concerte
gaben und in der Kirche höllisch musizirten, und es gar
nicht übel nahmen, wenn man ihnen davon lief.

Und nun ist weiter nichts Merkwürdiges auf der
Reise bis Wien vorgefallen, außer daß ich am nächsten
Morgen die Sonne aufgehen sah, ein Regenbogen drü-
ber und davor ein Pfau, der sein Rad schlug.


Wie ich diesen sah, von dem ich Dir jetzt sprechen
will, da vergaß ich der ganzen Welt, schwindet mir
doch auch die Welt, wenn mich Erinnerung ergreift, --
ja sie schwindet. Mein Horizont fängt zu meinen Fü-
ßen an, wölbt sich um mich, und ich stehe im Meer des
Lichts, das von Dir ausgeht, und in aller Stille schweb

rechter Zeit in Scheidemünze verwandeln, womit Sie
allein ſich das erwerben können was Ihnen fehlt.“
Dann verſprach er mir auch noch, er wolle mir einen
Otternpelz zuſammenfangen, und ich ſolle über's Jahr
kommen ihn holen. Ach, ich werde nicht wiederkommen
in das liebe Landshut, wo wir uns freuten, wenn's
ſchneite und Nachts der Wind recht geſtürmt hatte, ſo
gut als wenn die Sonne recht herrlich ſchien, wo wir
alle einander ſo gut waren, wo die Studenten Concerte
gaben und in der Kirche hölliſch muſizirten, und es gar
nicht übel nahmen, wenn man ihnen davon lief.

Und nun iſt weiter nichts Merkwürdiges auf der
Reiſe bis Wien vorgefallen, außer daß ich am nächſten
Morgen die Sonne aufgehen ſah, ein Regenbogen drü-
ber und davor ein Pfau, der ſein Rad ſchlug.


Wie ich dieſen ſah, von dem ich Dir jetzt ſprechen
will, da vergaß ich der ganzen Welt, ſchwindet mir
doch auch die Welt, wenn mich Erinnerung ergreift, —
ja ſie ſchwindet. Mein Horizont fängt zu meinen Fü-
ßen an, wölbt ſich um mich, und ich ſtehe im Meer des
Lichts, das von Dir ausgeht, und in aller Stille ſchweb

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0200" n="190"/>
rechter Zeit in Scheidemünze verwandeln, womit Sie<lb/>
allein &#x017F;ich das erwerben können was Ihnen fehlt.&#x201C;<lb/>
Dann ver&#x017F;prach er mir auch noch, er wolle mir einen<lb/>
Otternpelz zu&#x017F;ammenfangen, und ich &#x017F;olle über's Jahr<lb/>
kommen ihn holen. Ach, ich werde nicht wiederkommen<lb/>
in das liebe Landshut, wo wir uns freuten, wenn's<lb/>
&#x017F;chneite und Nachts der Wind recht ge&#x017F;türmt hatte, &#x017F;o<lb/>
gut als wenn die Sonne recht herrlich &#x017F;chien, wo wir<lb/>
alle einander &#x017F;o gut waren, wo die Studenten Concerte<lb/>
gaben und in der Kirche hölli&#x017F;ch mu&#x017F;izirten, und es gar<lb/>
nicht übel nahmen, wenn man ihnen davon lief.</p><lb/>
          <p>Und nun i&#x017F;t weiter nichts Merkwürdiges auf der<lb/>
Rei&#x017F;e bis Wien vorgefallen, außer daß ich am näch&#x017F;ten<lb/>
Morgen die Sonne aufgehen &#x017F;ah, ein Regenbogen drü-<lb/>
ber und davor ein Pfau, der &#x017F;ein Rad &#x017F;chlug.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <dateline> <hi rendition="#et">Wien am 28. Mai.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Wie ich die&#x017F;en &#x017F;ah, von dem ich Dir jetzt &#x017F;prechen<lb/>
will, da vergaß ich der ganzen Welt, &#x017F;chwindet mir<lb/>
doch auch die Welt, wenn mich Erinnerung ergreift, &#x2014;<lb/>
ja &#x017F;ie &#x017F;chwindet. Mein Horizont fängt zu meinen Fü-<lb/>
ßen an, wölbt &#x017F;ich um mich, und ich &#x017F;tehe im Meer des<lb/>
Lichts, das von <hi rendition="#g">Dir</hi> ausgeht, und in aller Stille &#x017F;chweb<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[190/0200] rechter Zeit in Scheidemünze verwandeln, womit Sie allein ſich das erwerben können was Ihnen fehlt.“ Dann verſprach er mir auch noch, er wolle mir einen Otternpelz zuſammenfangen, und ich ſolle über's Jahr kommen ihn holen. Ach, ich werde nicht wiederkommen in das liebe Landshut, wo wir uns freuten, wenn's ſchneite und Nachts der Wind recht geſtürmt hatte, ſo gut als wenn die Sonne recht herrlich ſchien, wo wir alle einander ſo gut waren, wo die Studenten Concerte gaben und in der Kirche hölliſch muſizirten, und es gar nicht übel nahmen, wenn man ihnen davon lief. Und nun iſt weiter nichts Merkwürdiges auf der Reiſe bis Wien vorgefallen, außer daß ich am nächſten Morgen die Sonne aufgehen ſah, ein Regenbogen drü- ber und davor ein Pfau, der ſein Rad ſchlug. Wien am 28. Mai. Wie ich dieſen ſah, von dem ich Dir jetzt ſprechen will, da vergaß ich der ganzen Welt, ſchwindet mir doch auch die Welt, wenn mich Erinnerung ergreift, — ja ſie ſchwindet. Mein Horizont fängt zu meinen Fü- ßen an, wölbt ſich um mich, und ich ſtehe im Meer des Lichts, das von Dir ausgeht, und in aller Stille ſchweb

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/200
Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 190. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/200>, abgerufen am 27.02.2021.