Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Allgemeine Zeitung. Nr. 31. Augsburg, 31. Januar 1840.

Bild:
<< vorherige Seite

Beilage zur Allgemeinen Zeitung
31 Januar 1840

England und seine Staatsmänner.

(Von einem Engländer.) Wir sind glücklich entgangen - doch ist es schwer zu sagen, welcher Gefahr. In der Nacht vom letzten Dienstag wurde die Hauptstadt in großen, das Cabinet in noch größern Schrecken versetzt durch die Kunde, die Londoner Chartisten beabsichtigten für dieselbe Nacht einen Aufstand, wobei sie solche öffentliche und Privatgebäude, deren Zerstörung ihnen gerade belieben möchte, niederbrennen würden. In großer Hast ergingen Requisitionen an alle Officiere der jetzt in der Stadt liegenden kleinen Truppenzahl, sie wurden selbst aus Speisezimmern und Tanzsälen abgerufen, und im Ministerium des Innern wurden über die zu ergreifenden Maaßregeln Berathungen gepflogen. Lord Normanby schlug, wie ich höre, eine sofortige Entfaltung der Militärmacht vor, aber die höheren Officiere, die er darüber berieth, waren selbst diesem Schritt entgegen, und verwiesen ihn an den Polizeicommandanten, mit dem Bemerken, die Wachsamkeit der friedlichen Polizeimacht werde gewiß zur Verhinderung des gefürchteten Aufstands hinreichen. Diese Meinung drang durch, und wirklich wurden in jener Nacht keine Häuser verbrannt, keine Banken beraubt, und die Fonds standen am Mittwoch nur um weniges niedriger, als sie am Dienstag gestanden. Seitdem waren beide Parteien bemüht, dem Publicum zu versichern, daß keine Gefahr zu befürchten sey, daß am Dienstag Nachts nichts weiter als eine armselige Versammlung "Ungewaschener" stattgefunden, die Einiges hin und her geschwatzt und dann harmlos auseinander gegangen. Indeß wenn es je eine Täuschung über unser Land gab, so ist das eine, in der jetzt Whigs und Tories befangen sind, wo einerseits ein whiggischer Attorney-General seine Ehre verpfändet, daß "der Chartismus todt sey," und andrerseits die Toryblätter über die Memmen hohnlächeln, die in Newport zu Tausenden herangezogen kamen und von einer halben Compagnie in die Flucht geschlagen wurden. - Ich war in Deutschland, und habe dort viel singen und sagen hören von "deutschem Muth und deutscher Tapferkeit," aber all eure deutsche Eitelkeit auf die Heldenthaten eures sogenannten Freiheitskriegs ist doch noch gar nichts gegen die Thrasonnaden, die man in Altengland von "British valour" und "British bayonets" zu hören bekommt bis zum Ekel. Die Leute, die sich mit diesen Bravaden breit machen, gehören allen Parteien an, und ihnen Vernunft vorreden ist ganz unnütz. "Seht, wie der Mob in Newport, in Sheffield, in Birmingham auseinanderstob!" - rufen sie alle; "ein halb Duzend Rothröcke machte dem Pöbel lange Beine." Und so war es wirklich: tausend Männer, die in Bristol dem Chartistenapostel Vincent zuhörten, liefen vor einem Stück rothen Tuchs wie eben so viele Schafe; in Newport guckt ein halb Duzend Musketenläufe aus einem Wirthshausfenster heraus, und sieh! 5000 baumstarke Bursche, mit Aexten und Piken bewaffnet, die das Häuflein Soldaten in einem Augenblick zu Brei hätten zusammendrücken können, rennen auf und davon, - das Hasenherz, das sie führte, voran. Und damit haben wir bewiesen - was? Daß die Engländer das Handgemenge mit Soldaten noch nicht gewohnt sind. Bisher hatte es keiner Bajonnette bedurft, um in unsern Städten die Ordnung zu erhalten. Man frage jeden gereisten Engländer, wie widrig ihm auf dem Continent das beständige "Wer da?" und "Qui vive?" geklungen. Es ist ein Mißlaut für ein brittisches Ohr. Ein Polizeidiener mit seinem kurzen Stab reichte bis in die letzte Zeit hin, John Bull in Ruhe zu erhalten, und der Soldat blieb auf seine Bestimmung beschränkt, in Indien, Irland und andern "fremden Ländern" unsere Schlachten zu fechten. Wir Engländer sind nicht an den Anblick der Soldateska gewohnt, uns widert der Gamaschendienst, wir verstehen uns nicht auf die Waffen des Soldaten, kurz, wir fürchten ihn. - Aber das kann nicht mehr lange währen. Nehmt dem Soldaten seine Flinte, und jener robuste Bergmann nimmt es mit jedem Grenadier auf, ringt mit ihm, boxt sich mit ihm, und wem der Sieg bleibt, das steht dahin. Laßt jenen Bergmann ein halb Jahr lang die Muskete und den rothen Rock tragen, und er ist dem Grenadier in der Waffenführung gleich, wird Schlachten von Victoria, Salamanca und Waterloo schlagen, ein Badajoz, ein Ghisni, oder was ihr sonst wollt, stürmen; - kurz, er ist dann so gut "British valour" wie des Herzog s von Wellington älteste Campagnenhelden.

Auf dieser Insel England stehen jetzt zwei Millionen Männer in offener Feindschaft gegen die Regierung, dabei heimlich organisirt, und durch die regste und vertrauteste Correspondenz mit einander in beständigem Verkehr. Diese Menschen glaubten in früheren Tagen ohne Grillen und Zweifel an Machthaber und Adel, beschieden sich genügsam auf einen Arbeitslohn, der eben knapp vor dem Verhungern schützte, und getrösteten sich für ihre alten Tage der Ernährung aus der Armencasse. Die Whigs haben ihnen diese Hoffnung in ihren Armenbastillen vergällt, die Whigs haben aber die Proletarier auch ihre Wichtigkeit kennen gelehrt. Sie beriefen sie zu Meetings, redeten ihnen von ihren Rechten vor, und behaupteten sich im Amte durch Benützung des furchtbaren Volksnamens. "Gebt uns, riefen die Whigs, die Katholikenemancipation, oder das Volk wird sich empören. Gebt uns die Parlamentsreform, oder das Volk wird den Thron umstürzen." Wo halten wir jetzt? Nun, das Volk hat jetzt auf eigene Hand einen Loosungsruf erhoben, ähnlich dem Geschrei einer Schiffsmannschaft in einer Meuterei: "Nicht mehr arbeiten! nicht mehr Wacht halten! und allen Rumfässern den Spund ausgeschlagen!" - Wahnsinn und Todtschlag folgen; aber wer soll es hindern? - Wer oder was es hindern soll! Angesichts eines der fürchterlichsten Stürme, die jemals eine Nation bedrohten, sitzen unsere kleinen Whigs und Tories fad lächelnd da und reiben sich die Hände. Haben sie ja doch im Ober- und Unterhaus angenehme und höchst interessante kleine Debatten - so very nice! Sir Robert zeigt sich wundersam mannhaft gegen Lord John, und Mylord Lyndhurst ist so kurzweilig und witzig gegenüber von Lord Normanby, und die Whigblätter demonstriren handgreiflich, daß ihre Herren und Gebieter die Regierung behaupten werden, und die Toryzeitungen beweisen ebenso untrüglich, daß der Auszug der Whigs aus Downing-Street ganz unvermeidlich sey. Guter Gott! was sind die Zänkereien und Triumphe dieser Leute? - Ein Wuseln und Schwatzen, ein Kniffmachen und Herüber- und Hinüberflüstern in den Clubhäusern, ein politisches Bausbacken an der Mittagstafel, und dazu die Einbildung: wir regieren. Es war einmal ein König in England, der hieß Kanut, und meinte, er könne dem Meere gebieten, und ein sehr achtbarer Kreis von Höflingen - ich weiß nicht, waren es Whigs oder Tories - sah zu und ermunterte Se. Maj. bei dieser Probe praktischer Regimentsführung. . . . Ich ging gestern aus, um die königliche Auffahrt zu sehen und die Thronrede und die Debatten darüber zu hören.


Beilage zur Allgemeinen Zeitung
31 Januar 1840

England und seine Staatsmänner.

(Von einem Engländer.) Wir sind glücklich entgangen – doch ist es schwer zu sagen, welcher Gefahr. In der Nacht vom letzten Dienstag wurde die Hauptstadt in großen, das Cabinet in noch größern Schrecken versetzt durch die Kunde, die Londoner Chartisten beabsichtigten für dieselbe Nacht einen Aufstand, wobei sie solche öffentliche und Privatgebäude, deren Zerstörung ihnen gerade belieben möchte, niederbrennen würden. In großer Hast ergingen Requisitionen an alle Officiere der jetzt in der Stadt liegenden kleinen Truppenzahl, sie wurden selbst aus Speisezimmern und Tanzsälen abgerufen, und im Ministerium des Innern wurden über die zu ergreifenden Maaßregeln Berathungen gepflogen. Lord Normanby schlug, wie ich höre, eine sofortige Entfaltung der Militärmacht vor, aber die höheren Officiere, die er darüber berieth, waren selbst diesem Schritt entgegen, und verwiesen ihn an den Polizeicommandanten, mit dem Bemerken, die Wachsamkeit der friedlichen Polizeimacht werde gewiß zur Verhinderung des gefürchteten Aufstands hinreichen. Diese Meinung drang durch, und wirklich wurden in jener Nacht keine Häuser verbrannt, keine Banken beraubt, und die Fonds standen am Mittwoch nur um weniges niedriger, als sie am Dienstag gestanden. Seitdem waren beide Parteien bemüht, dem Publicum zu versichern, daß keine Gefahr zu befürchten sey, daß am Dienstag Nachts nichts weiter als eine armselige Versammlung „Ungewaschener“ stattgefunden, die Einiges hin und her geschwatzt und dann harmlos auseinander gegangen. Indeß wenn es je eine Täuschung über unser Land gab, so ist das eine, in der jetzt Whigs und Tories befangen sind, wo einerseits ein whiggischer Attorney-General seine Ehre verpfändet, daß „der Chartismus todt sey,“ und andrerseits die Toryblätter über die Memmen hohnlächeln, die in Newport zu Tausenden herangezogen kamen und von einer halben Compagnie in die Flucht geschlagen wurden. – Ich war in Deutschland, und habe dort viel singen und sagen hören von „deutschem Muth und deutscher Tapferkeit,“ aber all eure deutsche Eitelkeit auf die Heldenthaten eures sogenannten Freiheitskriegs ist doch noch gar nichts gegen die Thrasonnaden, die man in Altengland von „British valour“ und „British bayonets“ zu hören bekommt bis zum Ekel. Die Leute, die sich mit diesen Bravaden breit machen, gehören allen Parteien an, und ihnen Vernunft vorreden ist ganz unnütz. „Seht, wie der Mob in Newport, in Sheffield, in Birmingham auseinanderstob!“ – rufen sie alle; „ein halb Duzend Rothröcke machte dem Pöbel lange Beine.“ Und so war es wirklich: tausend Männer, die in Bristol dem Chartistenapostel Vincent zuhörten, liefen vor einem Stück rothen Tuchs wie eben so viele Schafe; in Newport guckt ein halb Duzend Musketenläufe aus einem Wirthshausfenster heraus, und sieh! 5000 baumstarke Bursche, mit Aexten und Piken bewaffnet, die das Häuflein Soldaten in einem Augenblick zu Brei hätten zusammendrücken können, rennen auf und davon, – das Hasenherz, das sie führte, voran. Und damit haben wir bewiesen – was? Daß die Engländer das Handgemenge mit Soldaten noch nicht gewohnt sind. Bisher hatte es keiner Bajonnette bedurft, um in unsern Städten die Ordnung zu erhalten. Man frage jeden gereisten Engländer, wie widrig ihm auf dem Continent das beständige „Wer da?“ und „Qui vive?“ geklungen. Es ist ein Mißlaut für ein brittisches Ohr. Ein Polizeidiener mit seinem kurzen Stab reichte bis in die letzte Zeit hin, John Bull in Ruhe zu erhalten, und der Soldat blieb auf seine Bestimmung beschränkt, in Indien, Irland und andern „fremden Ländern“ unsere Schlachten zu fechten. Wir Engländer sind nicht an den Anblick der Soldateska gewohnt, uns widert der Gamaschendienst, wir verstehen uns nicht auf die Waffen des Soldaten, kurz, wir fürchten ihn. – Aber das kann nicht mehr lange währen. Nehmt dem Soldaten seine Flinte, und jener robuste Bergmann nimmt es mit jedem Grenadier auf, ringt mit ihm, boxt sich mit ihm, und wem der Sieg bleibt, das steht dahin. Laßt jenen Bergmann ein halb Jahr lang die Muskete und den rothen Rock tragen, und er ist dem Grenadier in der Waffenführung gleich, wird Schlachten von Victoria, Salamanca und Waterloo schlagen, ein Badajoz, ein Ghisni, oder was ihr sonst wollt, stürmen; – kurz, er ist dann so gut „British valour“ wie des Herzog s von Wellington älteste Campagnenhelden.

Auf dieser Insel England stehen jetzt zwei Millionen Männer in offener Feindschaft gegen die Regierung, dabei heimlich organisirt, und durch die regste und vertrauteste Correspondenz mit einander in beständigem Verkehr. Diese Menschen glaubten in früheren Tagen ohne Grillen und Zweifel an Machthaber und Adel, beschieden sich genügsam auf einen Arbeitslohn, der eben knapp vor dem Verhungern schützte, und getrösteten sich für ihre alten Tage der Ernährung aus der Armencasse. Die Whigs haben ihnen diese Hoffnung in ihren Armenbastillen vergällt, die Whigs haben aber die Proletarier auch ihre Wichtigkeit kennen gelehrt. Sie beriefen sie zu Meetings, redeten ihnen von ihren Rechten vor, und behaupteten sich im Amte durch Benützung des furchtbaren Volksnamens. „Gebt uns, riefen die Whigs, die Katholikenemancipation, oder das Volk wird sich empören. Gebt uns die Parlamentsreform, oder das Volk wird den Thron umstürzen.“ Wo halten wir jetzt? Nun, das Volk hat jetzt auf eigene Hand einen Loosungsruf erhoben, ähnlich dem Geschrei einer Schiffsmannschaft in einer Meuterei: „Nicht mehr arbeiten! nicht mehr Wacht halten! und allen Rumfässern den Spund ausgeschlagen!“ – Wahnsinn und Todtschlag folgen; aber wer soll es hindern? – Wer oder was es hindern soll! Angesichts eines der fürchterlichsten Stürme, die jemals eine Nation bedrohten, sitzen unsere kleinen Whigs und Tories fad lächelnd da und reiben sich die Hände. Haben sie ja doch im Ober- und Unterhaus angenehme und höchst interessante kleine Debatten – so very nice! Sir Robert zeigt sich wundersam mannhaft gegen Lord John, und Mylord Lyndhurst ist so kurzweilig und witzig gegenüber von Lord Normanby, und die Whigblätter demonstriren handgreiflich, daß ihre Herren und Gebieter die Regierung behaupten werden, und die Toryzeitungen beweisen ebenso untrüglich, daß der Auszug der Whigs aus Downing-Street ganz unvermeidlich sey. Guter Gott! was sind die Zänkereien und Triumphe dieser Leute? – Ein Wuseln und Schwatzen, ein Kniffmachen und Herüber- und Hinüberflüstern in den Clubhäusern, ein politisches Bausbacken an der Mittagstafel, und dazu die Einbildung: wir regieren. Es war einmal ein König in England, der hieß Kanut, und meinte, er könne dem Meere gebieten, und ein sehr achtbarer Kreis von Höflingen – ich weiß nicht, waren es Whigs oder Tories – sah zu und ermunterte Se. Maj. bei dieser Probe praktischer Regimentsführung. . . . Ich ging gestern aus, um die königliche Auffahrt zu sehen und die Thronrede und die Debatten darüber zu hören.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div type="jArticle" n="2">
          <pb facs="#f0009" n="0241"/><lb/>
        </div>
      </div>
      <div type="jSupplement" n="1">
        <floatingText>
          <front>
            <titlePage type="heading">
              <docTitle>
                <titlePart type="main">Beilage zur Allgemeinen Zeitung</titlePart>
              </docTitle>
              <docImprint>
                <docDate>31 Januar 1840</docDate>
              </docImprint>
            </titlePage>
          </front>
          <body><lb/>
            <div n="2">
              <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">England und seine Staatsmänner</hi>.</hi> </head><lb/>
              <div type="jArticle" n="3">
                <byline>&#x25B3;</byline>
                <dateline><hi rendition="#b">London,</hi> 17 Jan.</dateline>
                <p> (Von einem Engländer.) Wir sind glücklich entgangen &#x2013; doch ist es schwer zu sagen, welcher Gefahr. In der Nacht vom letzten Dienstag wurde die Hauptstadt in großen, das Cabinet in noch größern Schrecken versetzt durch die Kunde, die Londoner Chartisten beabsichtigten für dieselbe Nacht einen Aufstand, wobei sie solche öffentliche und Privatgebäude, deren Zerstörung ihnen gerade belieben möchte, niederbrennen würden. In großer Hast ergingen Requisitionen an alle Officiere der jetzt in der Stadt liegenden kleinen Truppenzahl, sie wurden selbst aus Speisezimmern und Tanzsälen abgerufen, und im Ministerium des Innern wurden über die zu ergreifenden Maaßregeln Berathungen gepflogen. Lord Normanby schlug, wie ich höre, eine sofortige Entfaltung der Militärmacht vor, aber die höheren Officiere, die er darüber berieth, waren selbst diesem Schritt entgegen, und verwiesen ihn an den Polizeicommandanten, mit dem Bemerken, die Wachsamkeit der friedlichen Polizeimacht werde gewiß zur Verhinderung des gefürchteten Aufstands hinreichen. Diese Meinung drang durch, und wirklich wurden in jener Nacht keine Häuser verbrannt, keine Banken beraubt, und die Fonds standen am Mittwoch nur um weniges niedriger, als sie am Dienstag gestanden. Seitdem waren beide Parteien bemüht, dem Publicum zu versichern, daß keine Gefahr zu befürchten sey, daß am Dienstag Nachts nichts weiter als eine armselige Versammlung &#x201E;Ungewaschener&#x201C; stattgefunden, die Einiges hin und her geschwatzt und dann harmlos auseinander gegangen. Indeß wenn es je eine Täuschung über unser Land gab, so ist das eine, in der jetzt Whigs und Tories befangen sind, wo einerseits ein whiggischer Attorney-General seine Ehre verpfändet, daß &#x201E;der Chartismus todt sey,&#x201C; und andrerseits die Toryblätter über die Memmen hohnlächeln, die in Newport zu Tausenden herangezogen kamen und von einer halben Compagnie in die Flucht geschlagen wurden. &#x2013; Ich war in Deutschland, und habe dort viel singen und sagen hören von &#x201E;deutschem Muth und deutscher Tapferkeit,&#x201C; aber all eure deutsche Eitelkeit auf die Heldenthaten eures sogenannten Freiheitskriegs ist doch noch gar nichts gegen die Thrasonnaden, die man in Altengland von &#x201E;British valour&#x201C; und &#x201E;British bayonets&#x201C; zu hören bekommt bis zum Ekel. Die Leute, die sich mit diesen Bravaden breit machen, gehören allen Parteien an, und ihnen Vernunft vorreden ist ganz unnütz. &#x201E;Seht, wie der Mob in Newport, in Sheffield, in Birmingham auseinanderstob!&#x201C; &#x2013; rufen sie alle; &#x201E;ein halb Duzend Rothröcke machte dem Pöbel lange Beine.&#x201C; Und so war es wirklich: tausend Männer, die in Bristol dem Chartistenapostel Vincent zuhörten, liefen vor einem Stück rothen Tuchs wie eben so viele Schafe; in Newport guckt ein halb Duzend Musketenläufe aus einem Wirthshausfenster heraus, und sieh! 5000 baumstarke Bursche, mit Aexten und Piken bewaffnet, die das Häuflein Soldaten in einem Augenblick zu Brei hätten zusammendrücken können, rennen auf und davon, &#x2013; das Hasenherz, das sie führte, voran. Und damit haben wir bewiesen &#x2013; was? Daß die Engländer das Handgemenge mit Soldaten noch nicht gewohnt sind. Bisher hatte es keiner Bajonnette bedurft, um in unsern Städten die Ordnung zu erhalten. Man frage jeden gereisten Engländer, wie widrig ihm auf dem Continent das beständige &#x201E;Wer da?&#x201C; und &#x201E;Qui vive?&#x201C; geklungen. Es ist ein Mißlaut für ein brittisches Ohr. Ein Polizeidiener mit seinem kurzen Stab reichte bis in die letzte Zeit hin, John Bull in Ruhe zu erhalten, und der Soldat blieb auf seine Bestimmung beschränkt, in Indien, Irland und andern &#x201E;fremden Ländern&#x201C; unsere Schlachten zu fechten. Wir Engländer sind nicht an den Anblick der Soldateska gewohnt, uns widert der Gamaschendienst, wir verstehen uns nicht auf die Waffen des Soldaten, kurz, wir fürchten ihn. &#x2013; Aber das kann nicht mehr lange währen. Nehmt dem Soldaten seine Flinte, und jener robuste Bergmann nimmt es mit jedem Grenadier auf, ringt mit ihm, boxt sich mit ihm, und wem der Sieg bleibt, das steht dahin. Laßt jenen Bergmann ein halb Jahr lang die Muskete und den rothen Rock tragen, und er ist dem Grenadier in der Waffenführung gleich, wird Schlachten von Victoria, Salamanca und Waterloo schlagen, ein Badajoz, ein Ghisni, oder was ihr sonst wollt, stürmen; &#x2013; kurz, er ist dann so gut &#x201E;British valour&#x201C; wie des Herzog s von Wellington älteste Campagnenhelden.</p><lb/>
                <p>Auf dieser Insel England stehen jetzt zwei Millionen Männer in offener Feindschaft gegen die Regierung, dabei heimlich organisirt, und durch die regste und vertrauteste Correspondenz mit einander in beständigem Verkehr. Diese Menschen glaubten in früheren Tagen ohne Grillen und Zweifel an Machthaber und Adel, beschieden sich genügsam auf einen Arbeitslohn, der eben knapp vor dem Verhungern schützte, und getrösteten sich für ihre alten Tage der Ernährung aus der Armencasse. Die Whigs haben ihnen diese Hoffnung in ihren Armenbastillen vergällt, die Whigs haben aber die Proletarier auch ihre Wichtigkeit kennen gelehrt. Sie beriefen sie zu Meetings, redeten ihnen von ihren Rechten vor, und behaupteten sich im Amte durch Benützung des furchtbaren Volksnamens. &#x201E;Gebt uns, riefen die Whigs, die Katholikenemancipation, oder das Volk wird sich empören. Gebt uns die Parlamentsreform, oder das Volk wird den Thron umstürzen.&#x201C; Wo halten wir jetzt? Nun, das Volk hat jetzt auf eigene Hand einen Loosungsruf erhoben, ähnlich dem Geschrei einer Schiffsmannschaft in einer Meuterei: &#x201E;Nicht mehr arbeiten! nicht mehr Wacht halten! und allen Rumfässern den Spund ausgeschlagen!&#x201C; &#x2013; Wahnsinn und Todtschlag folgen; aber wer soll es hindern? &#x2013; Wer oder was es hindern soll! Angesichts eines der fürchterlichsten Stürme, die jemals eine Nation bedrohten, sitzen unsere kleinen Whigs und Tories fad lächelnd da und reiben sich die Hände. Haben sie ja doch im Ober- und Unterhaus angenehme und höchst interessante kleine Debatten &#x2013; so very nice! Sir Robert zeigt sich wundersam mannhaft gegen Lord John, und Mylord Lyndhurst ist so kurzweilig und witzig gegenüber von Lord Normanby, und die Whigblätter demonstriren handgreiflich, daß ihre Herren und Gebieter die Regierung behaupten werden, und die Toryzeitungen beweisen ebenso untrüglich, daß der Auszug der Whigs aus Downing-Street ganz unvermeidlich sey. Guter Gott! was sind die Zänkereien und Triumphe dieser Leute? &#x2013; Ein Wuseln und Schwatzen, ein Kniffmachen und Herüber- und Hinüberflüstern in den Clubhäusern, ein politisches Bausbacken an der Mittagstafel, und dazu die Einbildung: wir regieren. Es war einmal ein König in England, der hieß Kanut, und meinte, er könne dem Meere gebieten, und ein sehr achtbarer Kreis von Höflingen &#x2013; ich weiß nicht, waren es Whigs oder Tories &#x2013; sah zu und ermunterte Se. Maj. bei dieser Probe praktischer Regimentsführung. . . . Ich ging gestern aus, um die königliche Auffahrt zu sehen und die Thronrede und die Debatten darüber zu hören.<lb/></p>
              </div>
            </div>
          </body>
        </floatingText>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0241/0009] Beilage zur Allgemeinen Zeitung 31 Januar 1840 England und seine Staatsmänner. △London, 17 Jan. (Von einem Engländer.) Wir sind glücklich entgangen – doch ist es schwer zu sagen, welcher Gefahr. In der Nacht vom letzten Dienstag wurde die Hauptstadt in großen, das Cabinet in noch größern Schrecken versetzt durch die Kunde, die Londoner Chartisten beabsichtigten für dieselbe Nacht einen Aufstand, wobei sie solche öffentliche und Privatgebäude, deren Zerstörung ihnen gerade belieben möchte, niederbrennen würden. In großer Hast ergingen Requisitionen an alle Officiere der jetzt in der Stadt liegenden kleinen Truppenzahl, sie wurden selbst aus Speisezimmern und Tanzsälen abgerufen, und im Ministerium des Innern wurden über die zu ergreifenden Maaßregeln Berathungen gepflogen. Lord Normanby schlug, wie ich höre, eine sofortige Entfaltung der Militärmacht vor, aber die höheren Officiere, die er darüber berieth, waren selbst diesem Schritt entgegen, und verwiesen ihn an den Polizeicommandanten, mit dem Bemerken, die Wachsamkeit der friedlichen Polizeimacht werde gewiß zur Verhinderung des gefürchteten Aufstands hinreichen. Diese Meinung drang durch, und wirklich wurden in jener Nacht keine Häuser verbrannt, keine Banken beraubt, und die Fonds standen am Mittwoch nur um weniges niedriger, als sie am Dienstag gestanden. Seitdem waren beide Parteien bemüht, dem Publicum zu versichern, daß keine Gefahr zu befürchten sey, daß am Dienstag Nachts nichts weiter als eine armselige Versammlung „Ungewaschener“ stattgefunden, die Einiges hin und her geschwatzt und dann harmlos auseinander gegangen. Indeß wenn es je eine Täuschung über unser Land gab, so ist das eine, in der jetzt Whigs und Tories befangen sind, wo einerseits ein whiggischer Attorney-General seine Ehre verpfändet, daß „der Chartismus todt sey,“ und andrerseits die Toryblätter über die Memmen hohnlächeln, die in Newport zu Tausenden herangezogen kamen und von einer halben Compagnie in die Flucht geschlagen wurden. – Ich war in Deutschland, und habe dort viel singen und sagen hören von „deutschem Muth und deutscher Tapferkeit,“ aber all eure deutsche Eitelkeit auf die Heldenthaten eures sogenannten Freiheitskriegs ist doch noch gar nichts gegen die Thrasonnaden, die man in Altengland von „British valour“ und „British bayonets“ zu hören bekommt bis zum Ekel. Die Leute, die sich mit diesen Bravaden breit machen, gehören allen Parteien an, und ihnen Vernunft vorreden ist ganz unnütz. „Seht, wie der Mob in Newport, in Sheffield, in Birmingham auseinanderstob!“ – rufen sie alle; „ein halb Duzend Rothröcke machte dem Pöbel lange Beine.“ Und so war es wirklich: tausend Männer, die in Bristol dem Chartistenapostel Vincent zuhörten, liefen vor einem Stück rothen Tuchs wie eben so viele Schafe; in Newport guckt ein halb Duzend Musketenläufe aus einem Wirthshausfenster heraus, und sieh! 5000 baumstarke Bursche, mit Aexten und Piken bewaffnet, die das Häuflein Soldaten in einem Augenblick zu Brei hätten zusammendrücken können, rennen auf und davon, – das Hasenherz, das sie führte, voran. Und damit haben wir bewiesen – was? Daß die Engländer das Handgemenge mit Soldaten noch nicht gewohnt sind. Bisher hatte es keiner Bajonnette bedurft, um in unsern Städten die Ordnung zu erhalten. Man frage jeden gereisten Engländer, wie widrig ihm auf dem Continent das beständige „Wer da?“ und „Qui vive?“ geklungen. Es ist ein Mißlaut für ein brittisches Ohr. Ein Polizeidiener mit seinem kurzen Stab reichte bis in die letzte Zeit hin, John Bull in Ruhe zu erhalten, und der Soldat blieb auf seine Bestimmung beschränkt, in Indien, Irland und andern „fremden Ländern“ unsere Schlachten zu fechten. Wir Engländer sind nicht an den Anblick der Soldateska gewohnt, uns widert der Gamaschendienst, wir verstehen uns nicht auf die Waffen des Soldaten, kurz, wir fürchten ihn. – Aber das kann nicht mehr lange währen. Nehmt dem Soldaten seine Flinte, und jener robuste Bergmann nimmt es mit jedem Grenadier auf, ringt mit ihm, boxt sich mit ihm, und wem der Sieg bleibt, das steht dahin. Laßt jenen Bergmann ein halb Jahr lang die Muskete und den rothen Rock tragen, und er ist dem Grenadier in der Waffenführung gleich, wird Schlachten von Victoria, Salamanca und Waterloo schlagen, ein Badajoz, ein Ghisni, oder was ihr sonst wollt, stürmen; – kurz, er ist dann so gut „British valour“ wie des Herzog s von Wellington älteste Campagnenhelden. Auf dieser Insel England stehen jetzt zwei Millionen Männer in offener Feindschaft gegen die Regierung, dabei heimlich organisirt, und durch die regste und vertrauteste Correspondenz mit einander in beständigem Verkehr. Diese Menschen glaubten in früheren Tagen ohne Grillen und Zweifel an Machthaber und Adel, beschieden sich genügsam auf einen Arbeitslohn, der eben knapp vor dem Verhungern schützte, und getrösteten sich für ihre alten Tage der Ernährung aus der Armencasse. Die Whigs haben ihnen diese Hoffnung in ihren Armenbastillen vergällt, die Whigs haben aber die Proletarier auch ihre Wichtigkeit kennen gelehrt. Sie beriefen sie zu Meetings, redeten ihnen von ihren Rechten vor, und behaupteten sich im Amte durch Benützung des furchtbaren Volksnamens. „Gebt uns, riefen die Whigs, die Katholikenemancipation, oder das Volk wird sich empören. Gebt uns die Parlamentsreform, oder das Volk wird den Thron umstürzen.“ Wo halten wir jetzt? Nun, das Volk hat jetzt auf eigene Hand einen Loosungsruf erhoben, ähnlich dem Geschrei einer Schiffsmannschaft in einer Meuterei: „Nicht mehr arbeiten! nicht mehr Wacht halten! und allen Rumfässern den Spund ausgeschlagen!“ – Wahnsinn und Todtschlag folgen; aber wer soll es hindern? – Wer oder was es hindern soll! Angesichts eines der fürchterlichsten Stürme, die jemals eine Nation bedrohten, sitzen unsere kleinen Whigs und Tories fad lächelnd da und reiben sich die Hände. Haben sie ja doch im Ober- und Unterhaus angenehme und höchst interessante kleine Debatten – so very nice! Sir Robert zeigt sich wundersam mannhaft gegen Lord John, und Mylord Lyndhurst ist so kurzweilig und witzig gegenüber von Lord Normanby, und die Whigblätter demonstriren handgreiflich, daß ihre Herren und Gebieter die Regierung behaupten werden, und die Toryzeitungen beweisen ebenso untrüglich, daß der Auszug der Whigs aus Downing-Street ganz unvermeidlich sey. Guter Gott! was sind die Zänkereien und Triumphe dieser Leute? – Ein Wuseln und Schwatzen, ein Kniffmachen und Herüber- und Hinüberflüstern in den Clubhäusern, ein politisches Bausbacken an der Mittagstafel, und dazu die Einbildung: wir regieren. Es war einmal ein König in England, der hieß Kanut, und meinte, er könne dem Meere gebieten, und ein sehr achtbarer Kreis von Höflingen – ich weiß nicht, waren es Whigs oder Tories – sah zu und ermunterte Se. Maj. bei dieser Probe praktischer Regimentsführung. . . . Ich ging gestern aus, um die königliche Auffahrt zu sehen und die Thronrede und die Debatten darüber zu hören.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Deutsches Textarchiv: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-06-28T11:37:15Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: Lautwert transkribiert; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: gekennzeichnet; Kustoden: gekennzeichnet; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): als r/et transkribiert; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: Lautwert transkribiert; Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert; Vollständigkeit: teilweise erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_031_18400131
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_031_18400131/9
Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 31. Augsburg, 31. Januar 1840, S. 0241. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_031_18400131/9>, abgerufen am 09.08.2022.