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Bauer, Karoline: Aus meinem Bühnenleben. Berlin, 1871.

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70ger und 80ger Jahren des vorigen Jahrhunderts die
jetzt längst vergessenen Kinderkomödien aus Weiße's
Kinderfreund gespielt. Auch sie war, wie ich, schon mit
vierzehn Jahren als jugendliche Liebhaberin engagirt,
und zwar 1787 am Hoftheater in München. Drei Jahre
darauf kam sie an's Wiener Burgtheater, heirathete, den
Herrn von Weißenthurn und spielte viele Jahre -- die
böse Welt sagte sogar: viel zu viele Jahre erste Lieb¬
haberinnen. Auch jetzt, trotz ihrer Erfolge als Schau¬
spieldichterin und trotz ihrer 61 Jahre, war sie dem
Theater noch treu und spielte ältere Charakterrollen --
bis zum Jahre 1841. Sechs Jahre darauf ist sie ge¬
storben und ihre Stücke sind auch fast vergessen.

Frau von Weißenthurn empfing mich sehr freundlich
-- aber furchtbar elegisch.

Schon ihre Begrüßung und Bitte: "Liebes Fräulein,
wollen Sie nicht Platz nehmen?" -- klang wie Thekla's
Schmerz:

"Was ist das Leben ohne Liebesglanz?"
-- und dann: "Es freut mich, daß es Ihnen bei uns
in Wien gefällt ..." wie Desdemona's Lied von der
Weide ...

Als Frau von Weißenthurn mich schließlich noch
bat, eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken ... da zerfloß
sie fast in Wehmuth und in Lust und ich zog es vor,
schleunigst aufzubrechen, um ihrer völligen zerschmelzenden
Auflösung nicht beiwohnen zu müssen und -- um meine

Erinnerungen etc. 20

70ger und 80ger Jahren des vorigen Jahrhunderts die
jetzt längſt vergeſſenen Kinderkomödien aus Weiße's
Kinderfreund geſpielt. Auch ſie war, wie ich, ſchon mit
vierzehn Jahren als jugendliche Liebhaberin engagirt,
und zwar 1787 am Hoftheater in München. Drei Jahre
darauf kam ſie an's Wiener Burgtheater, heirathete, den
Herrn von Weißenthurn und ſpielte viele Jahre — die
böſe Welt ſagte ſogar: viel zu viele Jahre erſte Lieb¬
haberinnen. Auch jetzt, trotz ihrer Erfolge als Schau¬
ſpieldichterin und trotz ihrer 61 Jahre, war ſie dem
Theater noch treu und ſpielte ältere Charakterrollen —
bis zum Jahre 1841. Sechs Jahre darauf iſt ſie ge¬
ſtorben und ihre Stücke ſind auch faſt vergeſſen.

Frau von Weißenthurn empfing mich ſehr freundlich
— aber furchtbar elegiſch.

Schon ihre Begrüßung und Bitte: »Liebes Fräulein,
wollen Sie nicht Platz nehmen?« — klang wie Thekla's
Schmerz:

»Was iſt das Leben ohne Liebesglanz?«
— und dann: »Es freut mich, daß es Ihnen bei uns
in Wien gefällt …« wie Desdemona's Lied von der
Weide …

Als Frau von Weißenthurn mich ſchließlich noch
bat, eine Taſſe Kaffee mit ihr zu trinken … da zerfloß
ſie faſt in Wehmuth und in Luſt und ich zog es vor,
ſchleunigſt aufzubrechen, um ihrer völligen zerſchmelzenden
Auflöſung nicht beiwohnen zu müſſen und — um meine

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[305/0333] 70ger und 80ger Jahren des vorigen Jahrhunderts die jetzt längſt vergeſſenen Kinderkomödien aus Weiße's Kinderfreund geſpielt. Auch ſie war, wie ich, ſchon mit vierzehn Jahren als jugendliche Liebhaberin engagirt, und zwar 1787 am Hoftheater in München. Drei Jahre darauf kam ſie an's Wiener Burgtheater, heirathete, den Herrn von Weißenthurn und ſpielte viele Jahre — die böſe Welt ſagte ſogar: viel zu viele Jahre erſte Lieb¬ haberinnen. Auch jetzt, trotz ihrer Erfolge als Schau¬ ſpieldichterin und trotz ihrer 61 Jahre, war ſie dem Theater noch treu und ſpielte ältere Charakterrollen — bis zum Jahre 1841. Sechs Jahre darauf iſt ſie ge¬ ſtorben und ihre Stücke ſind auch faſt vergeſſen. Frau von Weißenthurn empfing mich ſehr freundlich — aber furchtbar elegiſch. Schon ihre Begrüßung und Bitte: »Liebes Fräulein, wollen Sie nicht Platz nehmen?« — klang wie Thekla's Schmerz: »Was iſt das Leben ohne Liebesglanz?« — und dann: »Es freut mich, daß es Ihnen bei uns in Wien gefällt …« wie Desdemona's Lied von der Weide … Als Frau von Weißenthurn mich ſchließlich noch bat, eine Taſſe Kaffee mit ihr zu trinken … da zerfloß ſie faſt in Wehmuth und in Luſt und ich zog es vor, ſchleunigſt aufzubrechen, um ihrer völligen zerſchmelzenden Auflöſung nicht beiwohnen zu müſſen und — um meine Erinnerungen ꝛc. 20

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Zitationshilfe: Bauer, Karoline: Aus meinem Bühnenleben. Berlin, 1871, S. 305. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bauer_buehnenleben_1871/333>, abgerufen am 21.02.2024.