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Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832.

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Fünf und zwanzigster Brief.

Gestern Abend habe ich mich im Odeon recht
satt gehört und gesehen; das ganze Gesicht ist mir
noch roth und dick davon. Von halb sieben bis halb
zwölf Uhr bei Tische, und zwanzig Schüsseln!
Dreißig Jahre dauert die Geschichte, Napoleons
Anfang und Ende ist darin; aber die größte aller
seiner Thaten ist gewiß die: daß er mich sechs
Stunden weniger zehn Minuten auf einer Stelle
festgehalten, so daß ich nicht einmal in den Zwischen-
Akten hinausging. In einem deutschen Theater habe
ich nie drei Stunden aushalten können. Den Hun¬
ger zu stillen war es zu viel und den Appetit über

Fuͤnf und zwanzigſter Brief.

Geſtern Abend habe ich mich im Odeon recht
ſatt gehört und geſehen; das ganze Geſicht iſt mir
noch roth und dick davon. Von halb ſieben bis halb
zwölf Uhr bei Tiſche, und zwanzig Schüſſeln!
Dreißig Jahre dauert die Geſchichte, Napoleons
Anfang und Ende iſt darin; aber die größte aller
ſeiner Thaten iſt gewiß die: daß er mich ſechs
Stunden weniger zehn Minuten auf einer Stelle
feſtgehalten, ſo daß ich nicht einmal in den Zwiſchen-
Akten hinausging. In einem deutſchen Theater habe
ich nie drei Stunden aushalten können. Den Hun¬
ger zu ſtillen war es zu viel und den Appetit über

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[[183]/0197] Fuͤnf und zwanzigſter Brief. Paris, Donnerſtag, den 13. Januar 1831. Geſtern Abend habe ich mich im Odeon recht ſatt gehört und geſehen; das ganze Geſicht iſt mir noch roth und dick davon. Von halb ſieben bis halb zwölf Uhr bei Tiſche, und zwanzig Schüſſeln! Dreißig Jahre dauert die Geſchichte, Napoleons Anfang und Ende iſt darin; aber die größte aller ſeiner Thaten iſt gewiß die: daß er mich ſechs Stunden weniger zehn Minuten auf einer Stelle feſtgehalten, ſo daß ich nicht einmal in den Zwiſchen- Akten hinausging. In einem deutſchen Theater habe ich nie drei Stunden aushalten können. Den Hun¬ ger zu ſtillen war es zu viel und den Appetit über

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Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832, S. [183]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/197>, abgerufen am 23.07.2024.