Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832.

Bild:
<< vorherige Seite

Mitternacht ist vorüber; aber ein Glas Ge¬
frorenes, das ich erst vor wenigen Minuten bei
Tortoni gegessen, hat mich so aufgefrischt, daß ich
gar keine Neigung zum Schlafe habe. Es war
himmlisch! Das Glas ganz hoch aufgefüllt, sah wie
ein langes weißes Gespenst aus. Nun bitte ich Sie
-- haben Sie je gehört oder gelesen, daß Jemand
ein Glas Gefrorenes mit einem Gespenste verglichen
hätte? Solche Einfälle kann man aber auch nur in
der Geisterstunde haben. Den Abend brachte ich bei
*** zu. Es sind sehr liebenswürdige Leute und die
es verstehen, wenn nur immer möglich, auch ihre
Gäste liebenswürdig zu machen. Das ist das Sel¬
tenste und Schwerste. Es war da ein Gemisch von
Deutschen und Franzosen, wie es mir behagt. Da
wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Fran¬
zosen allein sind Oehl, die Deutschen allein Essig,
und sind für sich gar nicht zu gebrauchen, außer in
Krankheiten. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen
die höchst wichtige und einflußreiche Beobachtung
mittheilen, daß man in Frankreich dreimal so viel
Oehl und nur ein Dritttheil so viel Essig zum Sa¬
late verwendet, wie in Deutschland. Diese Ver¬
schiedenheit geht durch die Geschichte, Politik, Re¬
ligion, Geselligkeit, Kunst, Wissenschaft, den Handel


Mitternacht iſt vorüber; aber ein Glas Ge¬
frorenes, das ich erſt vor wenigen Minuten bei
Tortoni gegeſſen, hat mich ſo aufgefriſcht, daß ich
gar keine Neigung zum Schlafe habe. Es war
himmliſch! Das Glas ganz hoch aufgefüllt, ſah wie
ein langes weißes Geſpenſt aus. Nun bitte ich Sie
— haben Sie je gehört oder geleſen, daß Jemand
ein Glas Gefrorenes mit einem Geſpenſte verglichen
hätte? Solche Einfälle kann man aber auch nur in
der Geiſterſtunde haben. Den Abend brachte ich bei
*** zu. Es ſind ſehr liebenswürdige Leute und die
es verſtehen, wenn nur immer möglich, auch ihre
Gäſte liebenswürdig zu machen. Das iſt das Sel¬
tenſte und Schwerſte. Es war da ein Gemiſch von
Deutſchen und Franzoſen, wie es mir behagt. Da
wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Fran¬
zoſen allein ſind Oehl, die Deutſchen allein Eſſig,
und ſind für ſich gar nicht zu gebrauchen, außer in
Krankheiten. Bei dieſer Gelegenheit will ich Ihnen
die höchſt wichtige und einflußreiche Beobachtung
mittheilen, daß man in Frankreich dreimal ſo viel
Oehl und nur ein Dritttheil ſo viel Eſſig zum Sa¬
late verwendet, wie in Deutſchland. Dieſe Ver¬
ſchiedenheit geht durch die Geſchichte, Politik, Re¬
ligion, Geſelligkeit, Kunſt, Wiſſenſchaft, den Handel

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0051" n="37"/>
        <div n="2">
          <dateline> <hi rendition="#right">Sonntag, <choice><sic>deu</sic><corr>den</corr></choice> 19. September.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Mitternacht i&#x017F;t vorüber; aber ein Glas Ge¬<lb/>
frorenes, das ich er&#x017F;t vor wenigen Minuten bei<lb/>
Tortoni gege&#x017F;&#x017F;en, hat mich &#x017F;o aufgefri&#x017F;cht, daß ich<lb/>
gar keine Neigung zum Schlafe habe. Es war<lb/>
himmli&#x017F;ch! Das Glas ganz hoch aufgefüllt, &#x017F;ah wie<lb/>
ein langes weißes Ge&#x017F;pen&#x017F;t aus. Nun bitte ich Sie<lb/>
&#x2014; haben Sie je gehört oder gele&#x017F;en, daß Jemand<lb/>
ein Glas Gefrorenes mit einem Ge&#x017F;pen&#x017F;te verglichen<lb/>
hätte? Solche Einfälle kann man aber auch nur in<lb/>
der Gei&#x017F;ter&#x017F;tunde haben. Den Abend brachte ich bei<lb/>
*** zu. Es &#x017F;ind &#x017F;ehr liebenswürdige Leute und die<lb/>
es ver&#x017F;tehen, wenn nur immer möglich, auch ihre<lb/>&#x017F;te liebenswürdig zu machen. Das i&#x017F;t das Sel¬<lb/>
ten&#x017F;te und Schwer&#x017F;te. Es war da ein Gemi&#x017F;ch von<lb/>
Deut&#x017F;chen und Franzo&#x017F;en, wie es mir behagt. Da<lb/>
wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Fran¬<lb/>
zo&#x017F;en allein &#x017F;ind Oehl, die Deut&#x017F;chen allein E&#x017F;&#x017F;ig,<lb/>
und &#x017F;ind für &#x017F;ich gar nicht zu gebrauchen, außer in<lb/>
Krankheiten. Bei die&#x017F;er Gelegenheit will ich Ihnen<lb/>
die höch&#x017F;t wichtige und einflußreiche Beobachtung<lb/>
mittheilen, daß man in Frankreich dreimal &#x017F;o viel<lb/>
Oehl und nur ein Dritttheil &#x017F;o viel E&#x017F;&#x017F;ig zum Sa¬<lb/>
late verwendet, wie in Deut&#x017F;chland. Die&#x017F;e Ver¬<lb/>
&#x017F;chiedenheit geht durch die Ge&#x017F;chichte, Politik, Re¬<lb/>
ligion, Ge&#x017F;elligkeit, Kun&#x017F;t, Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft, den Handel<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[37/0051] Sonntag, den 19. September. Mitternacht iſt vorüber; aber ein Glas Ge¬ frorenes, das ich erſt vor wenigen Minuten bei Tortoni gegeſſen, hat mich ſo aufgefriſcht, daß ich gar keine Neigung zum Schlafe habe. Es war himmliſch! Das Glas ganz hoch aufgefüllt, ſah wie ein langes weißes Geſpenſt aus. Nun bitte ich Sie — haben Sie je gehört oder geleſen, daß Jemand ein Glas Gefrorenes mit einem Geſpenſte verglichen hätte? Solche Einfälle kann man aber auch nur in der Geiſterſtunde haben. Den Abend brachte ich bei *** zu. Es ſind ſehr liebenswürdige Leute und die es verſtehen, wenn nur immer möglich, auch ihre Gäſte liebenswürdig zu machen. Das iſt das Sel¬ tenſte und Schwerſte. Es war da ein Gemiſch von Deutſchen und Franzoſen, wie es mir behagt. Da wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Fran¬ zoſen allein ſind Oehl, die Deutſchen allein Eſſig, und ſind für ſich gar nicht zu gebrauchen, außer in Krankheiten. Bei dieſer Gelegenheit will ich Ihnen die höchſt wichtige und einflußreiche Beobachtung mittheilen, daß man in Frankreich dreimal ſo viel Oehl und nur ein Dritttheil ſo viel Eſſig zum Sa¬ late verwendet, wie in Deutſchland. Dieſe Ver¬ ſchiedenheit geht durch die Geſchichte, Politik, Re¬ ligion, Geſelligkeit, Kunſt, Wiſſenſchaft, den Handel

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/51
Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832, S. 37. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/51>, abgerufen am 23.07.2024.