Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887.

Bild:
<< vorherige Seite

der deutschen Rechtsgeschichte.
nicht unerheblichen Einfluss aus, ein Umstand, durch welchen es
unter den deutschen Tochterrechten für uns erhöhte Bedeutung ge-
winnt. Soweit die fremden Rechte sich unabhängig vom deutschen
Rechte entwickelt haben, sind sie nicht Gegenstand der deutschen
Rechtsgeschichte, wohl aber hat diese die Einwirkungen ins Auge zu
fassen, welche die fremden Rechte vor der Rezeption durch die im
langobardischen Rechte vertretenen deutschen Rechtsprinzipien er-
fahren haben, und ebenso die Fortbildung, welche den fremden
Rechten auf deutscher Erde zuteil geworden ist.

Abgesehen von den drei "fremden Rechten" hat das deutsche
Volk einzelne bedeutsame Rechtsinstitutionen auswärtigen Ursprungs
bei sich eingeführt. Schon im Mittelalter fand im Wege der Handels-
praxis eine Rezeption italienischen Handelsrechtes statt. In neuerer
und neuester Zeit gelangten bei uns Einrichtungen des französischen
und des englischen Rechtes zur Aufnahme. Die Entstehungsgeschichte
dieser Rechtsinstitute darf von der deutschen Rechtsgeschichte nicht
völlig abgelehnt werden, sondern ist zur Darstellung zu bringen, so-
weit sie auf deutschrechtliche Keime zurückführt, die erst in den
Tochterrechten zu selbständiger Ausbildung gelangten.

Früher wurde die deutsche Rechtsgeschichte in Verbindung mit
der politischen Geschichte des deutschen Volkes als deutsche Reichs-
und Rechtsgeschichte, oder als deutsche Staats- und Rechtsgeschichte,
oder als deutsche Reichs- und Staatenrechtsgeschichte dargestellt. Durch
die Ausscheidung der politischen Geschichte hat sie ein einheitliches
wissenschaftliches Prinzip gewonnen und trat sie aus einer Zwitter-
stellung in die Reihe der reinen Rechtsdisziplinen ein. Dass die
politischen Ereignisse, deren Kenntnis für das Verständnis der Rechts-
bildung wesentlich ist, nicht völlig übergangen werden, darf für selbst-
verständlich gelten und ist kein Grund, die politische Geschichte mit
der Rechtsgeschichte zu verschwistern und letztere unter einer
Kollektivfirma vorzuführen.

Die Rechtsgeschichte hat es mit dem Werden des Rechtes zu
thun; sie lehrt uns, wie das Recht von seinen erkennbaren Anfängen
ab bis zur Gegenwart sich entwickelt hat. Dadurch unterscheidet sie
sich von den Rechtsaltertümern, welche den dauernden Zustand des
Rechtes in einem gegebenen Zeitpunkte der Vergangenheit erfassen,
ihren Stoff sonach nicht im Flusse der Entwicklung, sondern als einen
ruhenden betrachten. Hebt sich die Rechtsgeschichte über die rein
antiquarische Behandlung des in der Vorzeit geltenden Rechtes hinaus,
so hat sie doch den Stoff, den es zu verarbeiten gilt, mit der
juristischen Altertumskunde gemein. Sie darf sich nicht auf die Ge-

1*

der deutschen Rechtsgeschichte.
nicht unerheblichen Einfluſs aus, ein Umstand, durch welchen es
unter den deutschen Tochterrechten für uns erhöhte Bedeutung ge-
winnt. Soweit die fremden Rechte sich unabhängig vom deutschen
Rechte entwickelt haben, sind sie nicht Gegenstand der deutschen
Rechtsgeschichte, wohl aber hat diese die Einwirkungen ins Auge zu
fassen, welche die fremden Rechte vor der Rezeption durch die im
langobardischen Rechte vertretenen deutschen Rechtsprinzipien er-
fahren haben, und ebenso die Fortbildung, welche den fremden
Rechten auf deutscher Erde zuteil geworden ist.

Abgesehen von den drei „fremden Rechten“ hat das deutsche
Volk einzelne bedeutsame Rechtsinstitutionen auswärtigen Ursprungs
bei sich eingeführt. Schon im Mittelalter fand im Wege der Handels-
praxis eine Rezeption italienischen Handelsrechtes statt. In neuerer
und neuester Zeit gelangten bei uns Einrichtungen des französischen
und des englischen Rechtes zur Aufnahme. Die Entstehungsgeschichte
dieser Rechtsinstitute darf von der deutschen Rechtsgeschichte nicht
völlig abgelehnt werden, sondern ist zur Darstellung zu bringen, so-
weit sie auf deutschrechtliche Keime zurückführt, die erst in den
Tochterrechten zu selbständiger Ausbildung gelangten.

Früher wurde die deutsche Rechtsgeschichte in Verbindung mit
der politischen Geschichte des deutschen Volkes als deutsche Reichs-
und Rechtsgeschichte, oder als deutsche Staats- und Rechtsgeschichte,
oder als deutsche Reichs- und Staatenrechtsgeschichte dargestellt. Durch
die Ausscheidung der politischen Geschichte hat sie ein einheitliches
wissenschaftliches Prinzip gewonnen und trat sie aus einer Zwitter-
stellung in die Reihe der reinen Rechtsdisziplinen ein. Daſs die
politischen Ereignisse, deren Kenntnis für das Verständnis der Rechts-
bildung wesentlich ist, nicht völlig übergangen werden, darf für selbst-
verständlich gelten und ist kein Grund, die politische Geschichte mit
der Rechtsgeschichte zu verschwistern und letztere unter einer
Kollektivfirma vorzuführen.

Die Rechtsgeschichte hat es mit dem Werden des Rechtes zu
thun; sie lehrt uns, wie das Recht von seinen erkennbaren Anfängen
ab bis zur Gegenwart sich entwickelt hat. Dadurch unterscheidet sie
sich von den Rechtsaltertümern, welche den dauernden Zustand des
Rechtes in einem gegebenen Zeitpunkte der Vergangenheit erfassen,
ihren Stoff sonach nicht im Flusse der Entwicklung, sondern als einen
ruhenden betrachten. Hebt sich die Rechtsgeschichte über die rein
antiquarische Behandlung des in der Vorzeit geltenden Rechtes hinaus,
so hat sie doch den Stoff, den es zu verarbeiten gilt, mit der
juristischen Altertumskunde gemein. Sie darf sich nicht auf die Ge-

1*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0021" n="3"/><fw place="top" type="header">der deutschen Rechtsgeschichte.</fw><lb/>
nicht unerheblichen Einflu&#x017F;s aus, ein Umstand, durch welchen es<lb/>
unter den deutschen Tochterrechten für uns erhöhte Bedeutung ge-<lb/>
winnt. Soweit die fremden Rechte sich unabhängig vom deutschen<lb/>
Rechte entwickelt haben, sind sie nicht Gegenstand der deutschen<lb/>
Rechtsgeschichte, wohl aber hat diese die Einwirkungen ins Auge zu<lb/>
fassen, welche die fremden Rechte vor der Rezeption durch die im<lb/>
langobardischen Rechte vertretenen deutschen Rechtsprinzipien er-<lb/>
fahren haben, und ebenso die Fortbildung, welche den fremden<lb/>
Rechten auf deutscher Erde zuteil geworden ist.</p><lb/>
          <p>Abgesehen von den drei &#x201E;fremden Rechten&#x201C; hat das deutsche<lb/>
Volk einzelne bedeutsame Rechtsinstitutionen auswärtigen Ursprungs<lb/>
bei sich eingeführt. Schon im Mittelalter fand im Wege der Handels-<lb/>
praxis eine Rezeption italienischen Handelsrechtes statt. In neuerer<lb/>
und neuester Zeit gelangten bei uns Einrichtungen des französischen<lb/>
und des englischen Rechtes zur Aufnahme. Die Entstehungsgeschichte<lb/>
dieser Rechtsinstitute darf von der deutschen Rechtsgeschichte nicht<lb/>
völlig abgelehnt werden, sondern ist zur Darstellung zu bringen, so-<lb/>
weit sie auf deutschrechtliche Keime zurückführt, die erst in den<lb/>
Tochterrechten zu selbständiger Ausbildung gelangten.</p><lb/>
          <p>Früher wurde die deutsche Rechtsgeschichte in Verbindung mit<lb/>
der politischen Geschichte des deutschen Volkes als deutsche Reichs-<lb/>
und Rechtsgeschichte, oder als deutsche Staats- und Rechtsgeschichte,<lb/>
oder als deutsche Reichs- und Staatenrechtsgeschichte dargestellt. Durch<lb/>
die Ausscheidung der politischen Geschichte hat sie ein einheitliches<lb/>
wissenschaftliches Prinzip gewonnen und trat sie aus einer Zwitter-<lb/>
stellung in die Reihe der reinen Rechtsdisziplinen ein. Da&#x017F;s die<lb/>
politischen Ereignisse, deren Kenntnis für das Verständnis der Rechts-<lb/>
bildung wesentlich ist, nicht völlig übergangen werden, darf für selbst-<lb/>
verständlich gelten und ist kein Grund, die politische Geschichte mit<lb/>
der Rechtsgeschichte zu verschwistern und letztere unter einer<lb/>
Kollektivfirma vorzuführen.</p><lb/>
          <p>Die Rechtsgeschichte hat es mit dem Werden des Rechtes zu<lb/>
thun; sie lehrt uns, wie das Recht von seinen erkennbaren Anfängen<lb/>
ab bis zur Gegenwart sich entwickelt hat. Dadurch unterscheidet sie<lb/>
sich von den Rechtsaltertümern, welche den dauernden Zustand des<lb/>
Rechtes in einem gegebenen Zeitpunkte der Vergangenheit erfassen,<lb/>
ihren Stoff sonach nicht im Flusse der Entwicklung, sondern als einen<lb/>
ruhenden betrachten. Hebt sich die Rechtsgeschichte über die rein<lb/>
antiquarische Behandlung des in der Vorzeit geltenden Rechtes hinaus,<lb/>
so hat sie doch den Stoff, den es zu verarbeiten gilt, mit der<lb/>
juristischen Altertumskunde gemein. Sie darf sich nicht auf die Ge-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">1*</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[3/0021] der deutschen Rechtsgeschichte. nicht unerheblichen Einfluſs aus, ein Umstand, durch welchen es unter den deutschen Tochterrechten für uns erhöhte Bedeutung ge- winnt. Soweit die fremden Rechte sich unabhängig vom deutschen Rechte entwickelt haben, sind sie nicht Gegenstand der deutschen Rechtsgeschichte, wohl aber hat diese die Einwirkungen ins Auge zu fassen, welche die fremden Rechte vor der Rezeption durch die im langobardischen Rechte vertretenen deutschen Rechtsprinzipien er- fahren haben, und ebenso die Fortbildung, welche den fremden Rechten auf deutscher Erde zuteil geworden ist. Abgesehen von den drei „fremden Rechten“ hat das deutsche Volk einzelne bedeutsame Rechtsinstitutionen auswärtigen Ursprungs bei sich eingeführt. Schon im Mittelalter fand im Wege der Handels- praxis eine Rezeption italienischen Handelsrechtes statt. In neuerer und neuester Zeit gelangten bei uns Einrichtungen des französischen und des englischen Rechtes zur Aufnahme. Die Entstehungsgeschichte dieser Rechtsinstitute darf von der deutschen Rechtsgeschichte nicht völlig abgelehnt werden, sondern ist zur Darstellung zu bringen, so- weit sie auf deutschrechtliche Keime zurückführt, die erst in den Tochterrechten zu selbständiger Ausbildung gelangten. Früher wurde die deutsche Rechtsgeschichte in Verbindung mit der politischen Geschichte des deutschen Volkes als deutsche Reichs- und Rechtsgeschichte, oder als deutsche Staats- und Rechtsgeschichte, oder als deutsche Reichs- und Staatenrechtsgeschichte dargestellt. Durch die Ausscheidung der politischen Geschichte hat sie ein einheitliches wissenschaftliches Prinzip gewonnen und trat sie aus einer Zwitter- stellung in die Reihe der reinen Rechtsdisziplinen ein. Daſs die politischen Ereignisse, deren Kenntnis für das Verständnis der Rechts- bildung wesentlich ist, nicht völlig übergangen werden, darf für selbst- verständlich gelten und ist kein Grund, die politische Geschichte mit der Rechtsgeschichte zu verschwistern und letztere unter einer Kollektivfirma vorzuführen. Die Rechtsgeschichte hat es mit dem Werden des Rechtes zu thun; sie lehrt uns, wie das Recht von seinen erkennbaren Anfängen ab bis zur Gegenwart sich entwickelt hat. Dadurch unterscheidet sie sich von den Rechtsaltertümern, welche den dauernden Zustand des Rechtes in einem gegebenen Zeitpunkte der Vergangenheit erfassen, ihren Stoff sonach nicht im Flusse der Entwicklung, sondern als einen ruhenden betrachten. Hebt sich die Rechtsgeschichte über die rein antiquarische Behandlung des in der Vorzeit geltenden Rechtes hinaus, so hat sie doch den Stoff, den es zu verarbeiten gilt, mit der juristischen Altertumskunde gemein. Sie darf sich nicht auf die Ge- 1*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte01_1887
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte01_1887/21
Zitationshilfe: Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887, S. 3. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte01_1887/21>, abgerufen am 12.04.2024.