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Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879.

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Auch heute wieder in der üppigsten
Gesundheit, Jugend-Fülle, steht sie froh
Im frohen Kreis der Kinder, denen sie
Voll zarter Mutterlieb' ihr Leben weiht.
O! stieg noch oft der Liebe Genius
An diesem schönen Tag zu uns herab
Ihn schmückend mit dem holden Blumenpaar
Der Kinderliebe und der Zärtlichkeit! --



Vergänglichkeit.
Leise hinter düstrem Nachtgewölke
Tritt des Mondes Silberbild hervor,
Aus des Wiesenthales feuchtem Grunde
Steigt der Abendnebel leicht empor.
Ruhig schummernd liegen alle Wesen,
Feiernd schweigt des Waldes Sängerchor,
Nur aus stillem Haine, einsam klagend,
Tönet Philomeles Lied hervor.
Schweigend steht des Waldes düstre Fichte,
Süß entströmt der Nachtviole Duft,
Um die Blume spielt des West-Winds Flügel,
Leis hinstreichend durch die Abendluft.
Doch was dämmert durch der Tannen Dunkel
Blinkend in Selenens Silberschein?
Hoch auf hebt sich zwischen schroffen Felsen
Einsam ein verwittertes Gestein.
An der alten Mauer dunklen Zinnen
Rankt der Epheu üppig sich empor,
Aus des weiten Burghofs öder Mitte
Ragt ein ringsbemooster Thurm hervor.

Auch heute wieder in der üppigſten
Geſundheit, Jugend-Fülle, ſteht ſie froh
Im frohen Kreis der Kinder, denen ſie
Voll zarter Mutterlieb' ihr Leben weiht.
O! ſtieg noch oft der Liebe Genius
An dieſem ſchönen Tag zu uns herab
Ihn ſchmückend mit dem holden Blumenpaar
Der Kinderliebe und der Zärtlichkeit! —



Vergänglichkeit.
Leiſe hinter düſtrem Nachtgewölke
Tritt des Mondes Silberbild hervor,
Aus des Wieſenthales feuchtem Grunde
Steigt der Abendnebel leicht empor.
Ruhig ſchummernd liegen alle Weſen,
Feiernd ſchweigt des Waldes Sängerchor,
Nur aus ſtillem Haine, einſam klagend,
Tönet Philomeles Lied hervor.
Schweigend ſteht des Waldes düſtre Fichte,
Süß entſtrömt der Nachtviole Duft,
Um die Blume ſpielt des Weſt-Winds Flügel,
Leis hinſtreichend durch die Abendluft.
Doch was dämmert durch der Tannen Dunkel
Blinkend in Selenens Silberſchein?
Hoch auf hebt ſich zwiſchen ſchroffen Felſen
Einſam ein verwittertes Geſtein.
An der alten Mauer dunklen Zinnen
Rankt der Epheu üppig ſich empor,
Aus des weiten Burghofs öder Mitte
Ragt ein ringsbemooſter Thurm hervor.

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[394/0590] Auch heute wieder in der üppigſten Geſundheit, Jugend-Fülle, ſteht ſie froh Im frohen Kreis der Kinder, denen ſie Voll zarter Mutterlieb' ihr Leben weiht. O! ſtieg noch oft der Liebe Genius An dieſem ſchönen Tag zu uns herab Ihn ſchmückend mit dem holden Blumenpaar Der Kinderliebe und der Zärtlichkeit! — Vergänglichkeit. Leiſe hinter düſtrem Nachtgewölke Tritt des Mondes Silberbild hervor, Aus des Wieſenthales feuchtem Grunde Steigt der Abendnebel leicht empor. Ruhig ſchummernd liegen alle Weſen, Feiernd ſchweigt des Waldes Sängerchor, Nur aus ſtillem Haine, einſam klagend, Tönet Philomeles Lied hervor. Schweigend ſteht des Waldes düſtre Fichte, Süß entſtrömt der Nachtviole Duft, Um die Blume ſpielt des Weſt-Winds Flügel, Leis hinſtreichend durch die Abendluft. Doch was dämmert durch der Tannen Dunkel Blinkend in Selenens Silberſchein? Hoch auf hebt ſich zwiſchen ſchroffen Felſen Einſam ein verwittertes Geſtein. An der alten Mauer dunklen Zinnen Rankt der Epheu üppig ſich empor, Aus des weiten Burghofs öder Mitte Ragt ein ringsbemooſter Thurm hervor.

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Zitationshilfe: Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879, S. 394. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/590>, abgerufen am 19.09.2021.