Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

Bild:
<< vorherige Seite
A
Die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur


Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,
Und der Lebende hat Recht.
Schiller.

Derselbe Zug eines unbezwinglichen Individualismus, der aufDas
germanische
Italien.

politischem Gebiete -- und ebenfalls auf religiösem -- zur Ablehnung
des Universalismus, sowie zur Bildung der Nationen führte, bedang
die Erschaffung einer neuen Welt, d. h. einer durchaus neuen, dem
Charakter, den Bedürfnissen, den Anlagen einer neuen Menschenart
angepassten, von ihr mit Naturnotwendigkeit erzeugten Gesellschafts-
ordnung, einer neuen Civilisation, einer neuen Kultur. Germanisches
Blut, und zwar germanisches Blut allein (in meiner weiten Auffassung
einer nordeuropäischen slavokeltogermanischen Rasse1) war hier die
treibende Kraft und das gestaltende Vermögen. Es ist unmöglich, den
Werdegang unserer nordeuropäischen Kultur richtig zu beurteilen, wenn
man sich hartnäckig der Einsicht verschliesst, dass sie auf der physischen
und moralischen Grundlage einer bestimmten Menschenart ruht. Das
ist heute deutlich zu ersehen. Denn, je weniger germanisch ein Land,
um so uncivilisierter ist es. Wer heute von London nach Rom reist,
tritt aus Nebel in Sonnenschein, doch zugleich aus raffiniertester Civili-
sation und hoher Kultur in halbe Barbarei -- in Schmutz, Roheit,
Ignoranz, Lüge, Armut. Nun hat aber Italien nicht einen einzigen
Tag aufgehört, ein Zentrum hochentwickelter Civilisation zu sein; schon
die Sicherheit seiner Bewohner in Bezug auf Haltung und Gebärde
bezeugt dies; was hier vorliegt, ist in der That weit weniger eine

1) Siehe Kapitel 6.
A
Die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur


Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,
Und der Lebende hat Recht.
Schiller.

Derselbe Zug eines unbezwinglichen Individualismus, der aufDas
germanische
Italien.

politischem Gebiete — und ebenfalls auf religiösem — zur Ablehnung
des Universalismus, sowie zur Bildung der Nationen führte, bedang
die Erschaffung einer neuen Welt, d. h. einer durchaus neuen, dem
Charakter, den Bedürfnissen, den Anlagen einer neuen Menschenart
angepassten, von ihr mit Naturnotwendigkeit erzeugten Gesellschafts-
ordnung, einer neuen Civilisation, einer neuen Kultur. Germanisches
Blut, und zwar germanisches Blut allein (in meiner weiten Auffassung
einer nordeuropäischen slavokeltogermanischen Rasse1) war hier die
treibende Kraft und das gestaltende Vermögen. Es ist unmöglich, den
Werdegang unserer nordeuropäischen Kultur richtig zu beurteilen, wenn
man sich hartnäckig der Einsicht verschliesst, dass sie auf der physischen
und moralischen Grundlage einer bestimmten Menschenart ruht. Das
ist heute deutlich zu ersehen. Denn, je weniger germanisch ein Land,
um so uncivilisierter ist es. Wer heute von London nach Rom reist,
tritt aus Nebel in Sonnenschein, doch zugleich aus raffiniertester Civili-
sation und hoher Kultur in halbe Barbarei — in Schmutz, Roheit,
Ignoranz, Lüge, Armut. Nun hat aber Italien nicht einen einzigen
Tag aufgehört, ein Zentrum hochentwickelter Civilisation zu sein; schon
die Sicherheit seiner Bewohner in Bezug auf Haltung und Gebärde
bezeugt dies; was hier vorliegt, ist in der That weit weniger eine

1) Siehe Kapitel 6.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0172" n="[693]"/>
          <div n="3">
            <head>A<lb/><hi rendition="#b">Die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur</hi></head><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <cit>
              <quote> <hi rendition="#et">Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,<lb/>
Und der Lebende hat Recht.<lb/><hi rendition="#k">Schiller.</hi></hi> </quote>
            </cit><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>erselbe Zug eines unbezwinglichen Individualismus, der auf<note place="right">Das<lb/>
germanische<lb/>
Italien.</note><lb/>
politischem Gebiete &#x2014; und ebenfalls auf religiösem &#x2014; zur Ablehnung<lb/>
des Universalismus, sowie zur Bildung der Nationen führte, bedang<lb/>
die Erschaffung einer neuen Welt, d. h. einer durchaus neuen, dem<lb/>
Charakter, den Bedürfnissen, den Anlagen einer neuen Menschenart<lb/>
angepassten, von ihr mit Naturnotwendigkeit erzeugten Gesellschafts-<lb/>
ordnung, einer neuen Civilisation, einer neuen Kultur. Germanisches<lb/>
Blut, und zwar germanisches Blut allein (in meiner weiten Auffassung<lb/>
einer nordeuropäischen slavokeltogermanischen Rasse<note place="foot" n="1)">Siehe Kapitel 6.</note> war hier die<lb/>
treibende Kraft und das gestaltende Vermögen. Es ist unmöglich, den<lb/>
Werdegang unserer nordeuropäischen Kultur richtig zu beurteilen, wenn<lb/>
man sich hartnäckig der Einsicht verschliesst, dass sie auf der physischen<lb/>
und moralischen Grundlage einer bestimmten Menschenart ruht. Das<lb/>
ist heute deutlich zu ersehen. Denn, je weniger germanisch ein Land,<lb/>
um so uncivilisierter ist es. Wer heute von London nach Rom reist,<lb/>
tritt aus Nebel in Sonnenschein, doch zugleich aus raffiniertester Civili-<lb/>
sation und hoher Kultur in halbe Barbarei &#x2014; in Schmutz, Roheit,<lb/>
Ignoranz, Lüge, Armut. Nun hat aber Italien nicht einen einzigen<lb/>
Tag aufgehört, ein Zentrum hochentwickelter Civilisation zu sein; schon<lb/>
die Sicherheit seiner Bewohner in Bezug auf Haltung und Gebärde<lb/>
bezeugt dies; was hier vorliegt, ist in der That weit weniger eine<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[693]/0172] A Die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur Wir, wir leben! Unser sind die Stunden, Und der Lebende hat Recht. Schiller. Derselbe Zug eines unbezwinglichen Individualismus, der auf politischem Gebiete — und ebenfalls auf religiösem — zur Ablehnung des Universalismus, sowie zur Bildung der Nationen führte, bedang die Erschaffung einer neuen Welt, d. h. einer durchaus neuen, dem Charakter, den Bedürfnissen, den Anlagen einer neuen Menschenart angepassten, von ihr mit Naturnotwendigkeit erzeugten Gesellschafts- ordnung, einer neuen Civilisation, einer neuen Kultur. Germanisches Blut, und zwar germanisches Blut allein (in meiner weiten Auffassung einer nordeuropäischen slavokeltogermanischen Rasse 1) war hier die treibende Kraft und das gestaltende Vermögen. Es ist unmöglich, den Werdegang unserer nordeuropäischen Kultur richtig zu beurteilen, wenn man sich hartnäckig der Einsicht verschliesst, dass sie auf der physischen und moralischen Grundlage einer bestimmten Menschenart ruht. Das ist heute deutlich zu ersehen. Denn, je weniger germanisch ein Land, um so uncivilisierter ist es. Wer heute von London nach Rom reist, tritt aus Nebel in Sonnenschein, doch zugleich aus raffiniertester Civili- sation und hoher Kultur in halbe Barbarei — in Schmutz, Roheit, Ignoranz, Lüge, Armut. Nun hat aber Italien nicht einen einzigen Tag aufgehört, ein Zentrum hochentwickelter Civilisation zu sein; schon die Sicherheit seiner Bewohner in Bezug auf Haltung und Gebärde bezeugt dies; was hier vorliegt, ist in der That weit weniger eine Das germanische Italien. 1) Siehe Kapitel 6.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/172
Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. [693]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/172>, abgerufen am 28.02.2021.