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Consentius, Ernst: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben. Nach der alten Handschrift in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Ebenhausen, 1915.

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Da fand ich bald Gelegenheit, mit ihr zu reden und mein Anliegen zu verstehen zu geben. sie schlug's eben nicht aus und schob es auf ihren Vormund, Herrn Stadtrichter Graßhoffen, welcher endlich selbst hereinkam und sich zu mir setzte. Fragte mich: woher ich wär? - Ich verhielt ihm keine Sache, und daß ich von seiner Jungfer Pflegtochter gehöret und sie gerne sehen wollen, weil ich willens, zu heiraten. - Der Mann bedankte sich; und wollten sie die Sache miteinander überlegen. In vierzehen Tagen wollten sie nach Halle kommen, sich der Sache bei ihrem Freund, dem Sieber, erkunden und mich holen lassen. - Damit mußte ich vor diesmal hinreisen.

In vierzehen Tagen drauf kommen die Leute bei dem Sieber, welcher aber mir und meinen Eltern - ich weiß nicht, aus was vor Freundschaft - übele rekommandieret; daß sie gleich wieder fortreisen.

Dieser Sieber ward hernach der Unzucht mit Knaben beschuldiget. Welches ihm sein ganz Vermögen kostete; und starb.

Von meiner Verheiratung

Der liebe GOtt möchte es so versehen haben, daß ich, nach so vielen, guten Gelegenheiten und Wahlen, eine arme Witfrau mit drei kleinen, unerzogenen Kindern sollte aufbringen und erhalten. Denn, ob ich wohl viel Gelegenheiten hatte, die profitabel gnung, wurde ich doch durch Weiber gefangen.

Die vorgemeldte Frau Pathe ließ nicht nach, anzuwerben vor die Frau Watzlauen. Welches ohne Zweifel so angestellet, daß sie mich einmal in ihren Garten bate. Und da war schon gemeldte Witwe. Mit welcher ich leicht ins Gespräch kam. Und sie mich bei einem Trunk Wein dermaßen bestrickten, daß's auf einmal klar wurde. NB. Da hieß es: jählinge Sprünge geraten nicht wohl (wie

Da fand ich bald Gelegenheit, mit ihr zu reden und mein Anliegen zu verstehen zu geben. sie schlug’s eben nicht aus und schob es auf ihren Vormund, Herrn Stadtrichter Graßhoffen, welcher endlich selbst hereinkam und sich zu mir setzte. Fragte mich: woher ich wär? – Ich verhielt ihm keine Sache, und daß ich von seiner Jungfer Pflegtochter gehöret und sie gerne sehen wollen, weil ich willens, zu heiraten. – Der Mann bedankte sich; und wollten sie die Sache miteinander überlegen. In vierzehen Tagen wollten sie nach Halle kommen, sich der Sache bei ihrem Freund, dem Sieber, erkunden und mich holen lassen. – Damit mußte ich vor diesmal hinreisen.

In vierzehen Tagen drauf kommen die Leute bei dem Sieber, welcher aber mir und meinen Eltern – ich weiß nicht, aus was vor Freundschaft – übele rekommandieret; daß sie gleich wieder fortreisen.

Dieser Sieber ward hernach der Unzucht mit Knaben beschuldiget. Welches ihm sein ganz Vermögen kostete; und starb.

Von meiner Verheiratung

Der liebe GOtt möchte es so versehen haben, daß ich, nach so vielen, guten Gelegenheiten und Wahlen, eine arme Witfrau mit drei kleinen, unerzogenen Kindern sollte aufbringen und erhalten. Denn, ob ich wohl viel Gelegenheiten hatte, die profitabel gnung, wurde ich doch durch Weiber gefangen.

Die vorgemeldte Frau Pathe ließ nicht nach, anzuwerben vor die Frau Watzlauen. Welches ohne Zweifel so angestellet, daß sie mich einmal in ihren Garten bate. Und da war schon gemeldte Witwe. Mit welcher ich leicht ins Gespräch kam. Und sie mich bei einem Trunk Wein dermaßen bestrickten, daß’s auf einmal klar wurde. NB. Da hieß es: jählinge Sprünge geraten nicht wohl (wie

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[0230] Da fand ich bald Gelegenheit, mit ihr zu reden und mein Anliegen zu verstehen zu geben. sie schlug’s eben nicht aus und schob es auf ihren Vormund, Herrn Stadtrichter Graßhoffen, welcher endlich selbst hereinkam und sich zu mir setzte. Fragte mich: woher ich wär? – Ich verhielt ihm keine Sache, und daß ich von seiner Jungfer Pflegtochter gehöret und sie gerne sehen wollen, weil ich willens, zu heiraten. – Der Mann bedankte sich; und wollten sie die Sache miteinander überlegen. In vierzehen Tagen wollten sie nach Halle kommen, sich der Sache bei ihrem Freund, dem Sieber, erkunden und mich holen lassen. – Damit mußte ich vor diesmal hinreisen. In vierzehen Tagen drauf kommen die Leute bei dem Sieber, welcher aber mir und meinen Eltern – ich weiß nicht, aus was vor Freundschaft – übele rekommandieret; daß sie gleich wieder fortreisen. Dieser Sieber ward hernach der Unzucht mit Knaben beschuldiget. Welches ihm sein ganz Vermögen kostete; und starb. Von meiner Verheiratung Der liebe GOtt möchte es so versehen haben, daß ich, nach so vielen, guten Gelegenheiten und Wahlen, eine arme Witfrau mit drei kleinen, unerzogenen Kindern sollte aufbringen und erhalten. Denn, ob ich wohl viel Gelegenheiten hatte, die profitabel gnung, wurde ich doch durch Weiber gefangen. Die vorgemeldte Frau Pathe ließ nicht nach, anzuwerben vor die Frau Watzlauen. Welches ohne Zweifel so angestellet, daß sie mich einmal in ihren Garten bate. Und da war schon gemeldte Witwe. Mit welcher ich leicht ins Gespräch kam. Und sie mich bei einem Trunk Wein dermaßen bestrickten, daß’s auf einmal klar wurde. NB. Da hieß es: jählinge Sprünge geraten nicht wohl (wie

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Zitationshilfe: Consentius, Ernst: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben. Nach der alten Handschrift in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Ebenhausen, 1915, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/dietz_leben_1915/230>, abgerufen am 20.05.2022.