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Ebeling, Johann Justus: Andächtige Betrachtungen aus dem Buche der Natur und Schrift. Bd. 2. Hildesheim, 1747.

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Der Neid.
So elend sind die Leidenschaften,
Die in des Neiders Seele haften,
Er sucht in Niederträchtigkeit
Die Quelle der Zufriedenheit.
O! wie verblendet sind die Seelen,
Die Schlam und Staub sich auserwählen!
Und darum in den Pfüzzen wühln,
Die heisse Galle abzukühln!
Die sich in Schmuz und Unflat stekken,
Damit sie andre nur beflekken.
Erstikt, erstikt des Neides Triebe,
Und trachtet nach der wahren Liebe
Das Eigenthum der Menschlichkeit!
Der Neider lebt in steten Streit,
Und muß wenn reine Tugend sieget,
Und sich an GOtt und Mensch vergnüget,
Mit inren Harm sich selbst verzehrn,
Und sich mit andrer Lust beschwern:
Und darum ist ohn allen Zweifel,
Der Neid der aller ärmste Teufel.
Wer eines andern Vortheil suchet,
Und keinem dem es wol geht fluchet
Vergnügt sich, wie ein Mensche sol,
Zugleich an eines andern Wol:
Und so geniessen alle beide,
An einen Gute ihre Freude;
So kan man sich die ganze Welt,
Worin viel Gutes vorgestellt,
Und das Vergnügen fremder Sachen,
Durch Liebe ganz zu eigen machen.


Die
Der Neid.
So elend ſind die Leidenſchaften,
Die in des Neiders Seele haften,
Er ſucht in Niedertraͤchtigkeit
Die Quelle der Zufriedenheit.
O! wie verblendet ſind die Seelen,
Die Schlam und Staub ſich auserwaͤhlen!
Und darum in den Pfuͤzzen wuͤhln,
Die heiſſe Galle abzukuͤhln!
Die ſich in Schmuz und Unflat ſtekken,
Damit ſie andre nur beflekken.
Erſtikt, erſtikt des Neides Triebe,
Und trachtet nach der wahren Liebe
Das Eigenthum der Menſchlichkeit!
Der Neider lebt in ſteten Streit,
Und muß wenn reine Tugend ſieget,
Und ſich an GOtt und Menſch vergnuͤget,
Mit inren Harm ſich ſelbſt verzehrn,
Und ſich mit andrer Luſt beſchwern:
Und darum iſt ohn allen Zweifel,
Der Neid der aller aͤrmſte Teufel.
Wer eines andern Vortheil ſuchet,
Und keinem dem es wol geht fluchet
Vergnuͤgt ſich, wie ein Menſche ſol,
Zugleich an eines andern Wol:
Und ſo genieſſen alle beide,
An einen Gute ihre Freude;
So kan man ſich die ganze Welt,
Worin viel Gutes vorgeſtellt,
Und das Vergnuͤgen fremder Sachen,
Durch Liebe ganz zu eigen machen.


Die
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[202/0214] Der Neid. So elend ſind die Leidenſchaften, Die in des Neiders Seele haften, Er ſucht in Niedertraͤchtigkeit Die Quelle der Zufriedenheit. O! wie verblendet ſind die Seelen, Die Schlam und Staub ſich auserwaͤhlen! Und darum in den Pfuͤzzen wuͤhln, Die heiſſe Galle abzukuͤhln! Die ſich in Schmuz und Unflat ſtekken, Damit ſie andre nur beflekken. Erſtikt, erſtikt des Neides Triebe, Und trachtet nach der wahren Liebe Das Eigenthum der Menſchlichkeit! Der Neider lebt in ſteten Streit, Und muß wenn reine Tugend ſieget, Und ſich an GOtt und Menſch vergnuͤget, Mit inren Harm ſich ſelbſt verzehrn, Und ſich mit andrer Luſt beſchwern: Und darum iſt ohn allen Zweifel, Der Neid der aller aͤrmſte Teufel. Wer eines andern Vortheil ſuchet, Und keinem dem es wol geht fluchet Vergnuͤgt ſich, wie ein Menſche ſol, Zugleich an eines andern Wol: Und ſo genieſſen alle beide, An einen Gute ihre Freude; So kan man ſich die ganze Welt, Worin viel Gutes vorgeſtellt, Und das Vergnuͤgen fremder Sachen, Durch Liebe ganz zu eigen machen. Die

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Zitationshilfe: Ebeling, Johann Justus: Andächtige Betrachtungen aus dem Buche der Natur und Schrift. Bd. 2. Hildesheim, 1747, S. 202. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen02_1747/214>, abgerufen am 18.06.2021.