Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Eichendorff, Joseph von: Ahnung und Gegenwart. Nürnberg, 1815.

Bild:
<< vorherige Seite

thirambist aber fühlte die Schwere der Beschämung
wohl, er wagte nicht weiter mit seinen Bitten in
den Schmachtenden zu dringen und fürchtete Frie¬
drich'n seitdem wie ein richtendes Gewissen. Frie¬
drich wandte sich darauf wieder zu dem Landmanne
und sagte zu ihm laut genug, daß es der Thyrsus¬
schwinger hören konnte: Fahren Sie nur fort, sich
ruhig an den Werken der Dichter zu ergötzen, mit
schlichtem Sinne und redlichen Willen wird Ihnen
nach und nach alles in denselben klar werden. Es
ist in unseren Tagen das größte Hinderniß für das
wahrhafte Verständniß aller Dichterwerke, daß je¬
der, statt sich recht und auf sein ganzes Leben da¬
von durchdringen zu lassen, sogleich ein unruhiges,
krankenartiges Jucken verspürt, selber zu dichten
und etwas Dergleichen zu liefern. Adler werden
sogleich hochgebohren und schwingen sich schon vom
Neste in die Luft, der Strauß aber wird oft als
König der Vögel gespriesen, weil er mit großem
Getös seinen Anlauf nimmt, aber er kann nicht
fliegen.

Es ist nichts künstlicher und lustiger, als die
Unterhaltung einer solchen Gesellschaft. Was das
Ganze noch so leidlich zusammenhält, sind tausend
feine, fast unsichtbare Fäden von Eitelkeit, Lob und
Gegenlob u. s. w., und sie nennen es denn gar zu
gern ein goldenes Liebesnetz. Arbeitet dann unver¬
hofft einmal einer, der davon nichts weiß, tüchtig
darin herum, geht die ganze Spinnwebe von ewi¬
ger Freundschaft und heiligem Bunde auseinander.

thirambiſt aber fühlte die Schwere der Beſchämung
wohl, er wagte nicht weiter mit ſeinen Bitten in
den Schmachtenden zu dringen und fürchtete Frie¬
drich'n ſeitdem wie ein richtendes Gewiſſen. Frie¬
drich wandte ſich darauf wieder zu dem Landmanne
und ſagte zu ihm laut genug, daß es der Thyrſus¬
ſchwinger hören konnte: Fahren Sie nur fort, ſich
ruhig an den Werken der Dichter zu ergötzen, mit
ſchlichtem Sinne und redlichen Willen wird Ihnen
nach und nach alles in denſelben klar werden. Es
iſt in unſeren Tagen das größte Hinderniß für das
wahrhafte Verſtändniß aller Dichterwerke, daß je¬
der, ſtatt ſich recht und auf ſein ganzes Leben da¬
von durchdringen zu laſſen, ſogleich ein unruhiges,
krankenartiges Jucken verſpürt, ſelber zu dichten
und etwas Dergleichen zu liefern. Adler werden
ſogleich hochgebohren und ſchwingen ſich ſchon vom
Neſte in die Luft, der Strauß aber wird oft als
König der Vögel geſprieſen, weil er mit großem
Getös ſeinen Anlauf nimmt, aber er kann nicht
fliegen.

Es iſt nichts künſtlicher und luſtiger, als die
Unterhaltung einer ſolchen Geſellſchaft. Was das
Ganze noch ſo leidlich zuſammenhält, ſind tauſend
feine, faſt unſichtbare Fäden von Eitelkeit, Lob und
Gegenlob u. ſ. w., und ſie nennen es denn gar zu
gern ein goldenes Liebesnetz. Arbeitet dann unver¬
hofft einmal einer, der davon nichts weiß, tüchtig
darin herum, geht die ganze Spinnwebe von ewi¬
ger Freundſchaft und heiligem Bunde auseinander.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0229" n="223"/>
thirambi&#x017F;t aber fühlte die Schwere der Be&#x017F;chämung<lb/>
wohl, er wagte nicht weiter mit &#x017F;einen Bitten in<lb/>
den Schmachtenden zu dringen und fürchtete Frie¬<lb/>
drich'n &#x017F;eitdem wie ein richtendes Gewi&#x017F;&#x017F;en. Frie¬<lb/>
drich wandte &#x017F;ich darauf wieder zu dem Landmanne<lb/>
und &#x017F;agte zu ihm laut genug, daß es der Thyr&#x017F;us¬<lb/>
&#x017F;chwinger hören konnte: Fahren Sie nur fort, &#x017F;ich<lb/>
ruhig an den Werken der Dichter zu ergötzen, mit<lb/>
&#x017F;chlichtem Sinne und redlichen Willen wird Ihnen<lb/>
nach und nach alles in den&#x017F;elben klar werden. Es<lb/>
i&#x017F;t in un&#x017F;eren Tagen das größte Hinderniß für das<lb/>
wahrhafte Ver&#x017F;tändniß aller Dichterwerke, daß je¬<lb/>
der, &#x017F;tatt &#x017F;ich recht und auf &#x017F;ein ganzes Leben da¬<lb/>
von durchdringen zu la&#x017F;&#x017F;en, &#x017F;ogleich ein unruhiges,<lb/>
krankenartiges Jucken ver&#x017F;pürt, &#x017F;elber zu dichten<lb/>
und etwas Dergleichen zu liefern. Adler werden<lb/>
&#x017F;ogleich hochgebohren und &#x017F;chwingen &#x017F;ich &#x017F;chon vom<lb/>
Ne&#x017F;te in die Luft, der Strauß aber wird oft als<lb/>
König der Vögel ge&#x017F;prie&#x017F;en, weil er mit großem<lb/>
Getös &#x017F;einen Anlauf nimmt, aber er kann nicht<lb/>
fliegen.</p><lb/>
          <p>Es i&#x017F;t nichts kün&#x017F;tlicher und lu&#x017F;tiger, als die<lb/>
Unterhaltung einer &#x017F;olchen Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft. Was das<lb/>
Ganze noch &#x017F;o leidlich zu&#x017F;ammenhält, &#x017F;ind tau&#x017F;end<lb/>
feine, fa&#x017F;t un&#x017F;ichtbare Fäden von Eitelkeit, Lob und<lb/>
Gegenlob u. &#x017F;. w., und &#x017F;ie nennen es denn gar zu<lb/>
gern ein goldenes Liebesnetz. Arbeitet dann unver¬<lb/>
hofft einmal einer, der davon nichts weiß, tüchtig<lb/>
darin herum, geht die ganze Spinnwebe von ewi¬<lb/>
ger Freund&#x017F;chaft und heiligem Bunde auseinander.<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[223/0229] thirambiſt aber fühlte die Schwere der Beſchämung wohl, er wagte nicht weiter mit ſeinen Bitten in den Schmachtenden zu dringen und fürchtete Frie¬ drich'n ſeitdem wie ein richtendes Gewiſſen. Frie¬ drich wandte ſich darauf wieder zu dem Landmanne und ſagte zu ihm laut genug, daß es der Thyrſus¬ ſchwinger hören konnte: Fahren Sie nur fort, ſich ruhig an den Werken der Dichter zu ergötzen, mit ſchlichtem Sinne und redlichen Willen wird Ihnen nach und nach alles in denſelben klar werden. Es iſt in unſeren Tagen das größte Hinderniß für das wahrhafte Verſtändniß aller Dichterwerke, daß je¬ der, ſtatt ſich recht und auf ſein ganzes Leben da¬ von durchdringen zu laſſen, ſogleich ein unruhiges, krankenartiges Jucken verſpürt, ſelber zu dichten und etwas Dergleichen zu liefern. Adler werden ſogleich hochgebohren und ſchwingen ſich ſchon vom Neſte in die Luft, der Strauß aber wird oft als König der Vögel geſprieſen, weil er mit großem Getös ſeinen Anlauf nimmt, aber er kann nicht fliegen. Es iſt nichts künſtlicher und luſtiger, als die Unterhaltung einer ſolchen Geſellſchaft. Was das Ganze noch ſo leidlich zuſammenhält, ſind tauſend feine, faſt unſichtbare Fäden von Eitelkeit, Lob und Gegenlob u. ſ. w., und ſie nennen es denn gar zu gern ein goldenes Liebesnetz. Arbeitet dann unver¬ hofft einmal einer, der davon nichts weiß, tüchtig darin herum, geht die ganze Spinnwebe von ewi¬ ger Freundſchaft und heiligem Bunde auseinander.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_ahnung_1815
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_ahnung_1815/229
Zitationshilfe: Eichendorff, Joseph von: Ahnung und Gegenwart. Nürnberg, 1815, S. 223. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_ahnung_1815/229>, abgerufen am 25.02.2024.