Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Eichendorff, Joseph von: Dichter und ihre Gesellen. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

der Dorfschenke in das fürstliche Schloß geladen wor¬
den, wie wunderbar da beim Wiederschein Blitze
das Schloß in der Nacht aussah, das Getümmel
dann im Hofe, und wie darauf ein Bedienter ihn
mitten aus dem Gewirre in dieses Gemach gewiesen.
Hier hatte er durch das Fenster bemerkt, daß die übri¬
gen Schauspieler nochmals weiterziehen mußten, und
beim trüben Schein einiger Windlichter einen dunklen
Baumgang hinabgeführt wurden, bis zuletzt die Lich¬
ter, das Rumpeln des Reisewagens und die wohlbe¬
kannten Stimmen sich in dem Plätschern des Regens
verloren, der nun plötzlich in Strömen herabstürzte.

Jetzt aber regte sich noch kein Laut, nur draußen
blickten einzelne Flüsse und Landschaften mit funkelnden
Kirchthürmen schon geheimnißvoll zwischen den hohen
Bäumen herauf. Da kleidete Fortunat sich schnell
an, und eilte durch das stille Haus die breiten, däm¬
mernden Marmortreppen hinab. Unter einer luftigen
Säulenhalle, die von beiden Seiten mit hohen, aus¬
ländischen Blumen besetzt war, trat er in den präch¬
tigen Garten. Hier war nach dem erfrischenden Re¬
gen der Morgen wie ein bunter Teppich ausgebreitet,
auf dem das Schloß gleich einer schlummernden
Sphinx noch räthselhaft ruhte. -- Er wollte eben
tiefer in das Grün hineingehen, als er überrascht in
einiger Entfernung folgendes Lied singen hörte:

der Dorfſchenke in das fuͤrſtliche Schloß geladen wor¬
den, wie wunderbar da beim Wiederſchein Blitze
das Schloß in der Nacht ausſah, das Getuͤmmel
dann im Hofe, und wie darauf ein Bedienter ihn
mitten aus dem Gewirre in dieſes Gemach gewieſen.
Hier hatte er durch das Fenſter bemerkt, daß die uͤbri¬
gen Schauſpieler nochmals weiterziehen mußten, und
beim truͤben Schein einiger Windlichter einen dunklen
Baumgang hinabgefuͤhrt wurden, bis zuletzt die Lich¬
ter, das Rumpeln des Reiſewagens und die wohlbe¬
kannten Stimmen ſich in dem Plaͤtſchern des Regens
verloren, der nun ploͤtzlich in Stroͤmen herabſtuͤrzte.

Jetzt aber regte ſich noch kein Laut, nur draußen
blickten einzelne Fluͤſſe und Landſchaften mit funkelnden
Kirchthuͤrmen ſchon geheimnißvoll zwiſchen den hohen
Baͤumen herauf. Da kleidete Fortunat ſich ſchnell
an, und eilte durch das ſtille Haus die breiten, daͤm¬
mernden Marmortreppen hinab. Unter einer luftigen
Saͤulenhalle, die von beiden Seiten mit hohen, aus¬
laͤndiſchen Blumen beſetzt war, trat er in den praͤch¬
tigen Garten. Hier war nach dem erfriſchenden Re¬
gen der Morgen wie ein bunter Teppich ausgebreitet,
auf dem das Schloß gleich einer ſchlummernden
Sphinx noch raͤthſelhaft ruhte. — Er wollte eben
tiefer in das Gruͤn hineingehen, als er uͤberraſcht in
einiger Entfernung folgendes Lied ſingen hoͤrte:

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0095" n="88"/>
der Dorf&#x017F;chenke in das fu&#x0364;r&#x017F;tliche Schloß geladen wor¬<lb/>
den, wie wunderbar da beim Wieder&#x017F;chein Blitze<lb/>
das Schloß in der Nacht aus&#x017F;ah, das Getu&#x0364;mmel<lb/>
dann im Hofe, und wie darauf ein Bedienter ihn<lb/>
mitten aus dem Gewirre in die&#x017F;es Gemach gewie&#x017F;en.<lb/>
Hier hatte er durch das Fen&#x017F;ter bemerkt, daß die u&#x0364;bri¬<lb/>
gen Schau&#x017F;pieler nochmals weiterziehen mußten, und<lb/>
beim tru&#x0364;ben Schein einiger Windlichter einen dunklen<lb/>
Baumgang hinabgefu&#x0364;hrt wurden, bis zuletzt die Lich¬<lb/>
ter, das Rumpeln des Rei&#x017F;ewagens und die wohlbe¬<lb/>
kannten Stimmen &#x017F;ich in dem Pla&#x0364;t&#x017F;chern des Regens<lb/>
verloren, der nun plo&#x0364;tzlich in Stro&#x0364;men herab&#x017F;tu&#x0364;rzte.</p><lb/>
          <p>Jetzt aber regte &#x017F;ich noch kein Laut, nur draußen<lb/>
blickten einzelne Flu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e und Land&#x017F;chaften mit funkelnden<lb/>
Kirchthu&#x0364;rmen &#x017F;chon geheimnißvoll zwi&#x017F;chen den hohen<lb/>
Ba&#x0364;umen herauf. Da kleidete Fortunat &#x017F;ich &#x017F;chnell<lb/>
an, und eilte durch das &#x017F;tille Haus die breiten, da&#x0364;<lb/>
mernden Marmortreppen hinab. Unter einer luftigen<lb/>
Sa&#x0364;ulenhalle, die von beiden Seiten mit hohen, aus¬<lb/>
la&#x0364;ndi&#x017F;chen Blumen be&#x017F;etzt war, trat er in den pra&#x0364;ch¬<lb/>
tigen Garten. Hier war nach dem erfri&#x017F;chenden Re¬<lb/>
gen der Morgen wie ein bunter Teppich ausgebreitet,<lb/>
auf dem das Schloß gleich einer &#x017F;chlummernden<lb/>
Sphinx noch ra&#x0364;th&#x017F;elhaft ruhte. &#x2014; Er wollte eben<lb/>
tiefer in das Gru&#x0364;n hineingehen, als er u&#x0364;berra&#x017F;cht in<lb/>
einiger Entfernung folgendes Lied &#x017F;ingen ho&#x0364;rte:</p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[88/0095] der Dorfſchenke in das fuͤrſtliche Schloß geladen wor¬ den, wie wunderbar da beim Wiederſchein Blitze das Schloß in der Nacht ausſah, das Getuͤmmel dann im Hofe, und wie darauf ein Bedienter ihn mitten aus dem Gewirre in dieſes Gemach gewieſen. Hier hatte er durch das Fenſter bemerkt, daß die uͤbri¬ gen Schauſpieler nochmals weiterziehen mußten, und beim truͤben Schein einiger Windlichter einen dunklen Baumgang hinabgefuͤhrt wurden, bis zuletzt die Lich¬ ter, das Rumpeln des Reiſewagens und die wohlbe¬ kannten Stimmen ſich in dem Plaͤtſchern des Regens verloren, der nun ploͤtzlich in Stroͤmen herabſtuͤrzte. Jetzt aber regte ſich noch kein Laut, nur draußen blickten einzelne Fluͤſſe und Landſchaften mit funkelnden Kirchthuͤrmen ſchon geheimnißvoll zwiſchen den hohen Baͤumen herauf. Da kleidete Fortunat ſich ſchnell an, und eilte durch das ſtille Haus die breiten, daͤm¬ mernden Marmortreppen hinab. Unter einer luftigen Saͤulenhalle, die von beiden Seiten mit hohen, aus¬ laͤndiſchen Blumen beſetzt war, trat er in den praͤch¬ tigen Garten. Hier war nach dem erfriſchenden Re¬ gen der Morgen wie ein bunter Teppich ausgebreitet, auf dem das Schloß gleich einer ſchlummernden Sphinx noch raͤthſelhaft ruhte. — Er wollte eben tiefer in das Gruͤn hineingehen, als er uͤberraſcht in einiger Entfernung folgendes Lied ſingen hoͤrte:

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_dichter_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_dichter_1834/95
Zitationshilfe: Eichendorff, Joseph von: Dichter und ihre Gesellen. Berlin, 1834, S. 88. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_dichter_1834/95>, abgerufen am 20.07.2024.