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Fassmann, David: Der Gelehrte Narr. Freiburg, 1729.

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etwas vorbringen oder überreden, das in der Wahrheit sich nicht also verhält,
und stichelt der Autor allhier, verblümter Weise, auf Plinium, dieweil ihm
Schuld gegeben wird, er habe in seinen Schrifften viele falsche und unwahr-
haffte Sachen vorgebracht, welche er aber doch also zuzurichten gewust, daß
ihrer viele selbige vor wahrhafft gehalten haben.

Durch die Torte verstehet der Herr Autor die Italiänischen Commoe-
die,
so Pastor Fido genannt wird, von einem aus Ferrara gebürtig beschrieben,
und in gantz Italien hoch gehalten.

Johannes della Casa ist der Autor so den Galateum hat lassen ausgehen,
und will man hier damit andeuten, daß diejenigen, so gute Regeln und Prae-
cepta
vorschreiben, selbige selbst nicht allezeit so genau observiren.

Fava heisset in dem Italiänischen erstlich eine Bohne, und darnach wird
solches Wort auch vor das vordere Theil des männlichen Gliedes genommen,
und diese Signification hat es allhier. Denn weil der Italiänische Poet Mau-
rus
verschledene Sachen della Fava, wie es in der andern Signification aus-
geleget wird, geschrieben hat, also schertzet der Autor allhier, und spricht, daß
die Weiber:
oder Musae sich ziemlichermassen an denenselben erlustieretz
haben.

Diejenigen Gelehrten, welche ihre gröste Kunst darinnen
bestehen lassen, daß sie stille schweigen und nichts, oder
doch sehr wenig reden, mögen ihre Gedancken über
nachstehende Relation aus dem
Parnasso machen:

ES ließ Apollo diesen Morgen, wieder männigliches Versehen, Harpo-
cratem,
der die Kunst stille zu schweigen sehr wohl studieret hatte, vor sich
kommen, und sagte ihm, wie er sich bißhero über seine Verschwiegenheit sehr
verwundert hätte; nunmehro aber habe er ein grosses Verlangen bekommen,
ihn einmahl reden zu hören. Denn die Gabe des Stillschweigens wäre an einem
Mann am allermeisten zu loben, welcher auch, bey sich ereignender Occasion, mit

sei-

etwas vorbringen oder uͤberreden, das in der Wahrheit ſich nicht alſo verhaͤlt,
und ſtichelt der Autor allhier, verbluͤmter Weiſe, auf Plinium, dieweil ihm
Schuld gegeben wird, er habe in ſeinen Schrifften viele falſche und unwahr-
haffte Sachen vorgebracht, welche er aber doch alſo zuzurichten gewuſt, daß
ihrer viele ſelbige vor wahrhafft gehalten haben.

Durch die Torte verſtehet der Herr Autor die Italiaͤniſchen Commœ-
die,
ſo Paſtor Fido genannt wird, von einem aus Ferrara gebuͤrtig beſchrieben,
und in gantz Italien hoch gehalten.

Johannes della Caſa iſt der Autor ſo den Galateum hat laſſen ausgehen,
und will man hier damit andeuten, daß diejenigen, ſo gute Regeln und Præ-
cepta
vorſchreiben, ſelbige ſelbſt nicht allezeit ſo genau obſerviren.

Fava heiſſet in dem Italiaͤniſchen erſtlich eine Bohne, und darnach wird
ſolches Wort auch vor das vordere Theil des maͤnnlichen Gliedes genommen,
und dieſe Signification hat es allhier. Denn weil der Italiaͤniſche Poët Mau-
rus
verſchledene Sachen della Fava, wie es in der andern Signification aus-
geleget wird, geſchrieben hat, alſo ſchertzet der Autor allhier, und ſpricht, daß
die Weiber:
oder Muſæ ſich ziemlichermaſſen an denenſelben erluſtieretz
haben.

Diejenigen Gelehrten, welche ihre groͤſte Kunſt darinnen
beſtehen laſſen, daß ſie ſtille ſchweigen und nichts, oder
doch ſehr wenig reden, moͤgen ihre Gedancken uͤber
nachſtehende Relation aus dem
Parnaſſo machen:

ES ließ Apollo dieſen Morgen, wieder maͤnnigliches Verſehen, Harpo-
cratem,
der die Kunſt ſtille zu ſchweigen ſehr wohl ſtudieret hatte, vor ſich
kommen, und ſagte ihm, wie er ſich bißhero uͤber ſeine Verſchwiegenheit ſehr
verwundert haͤtte; nunmehro aber habe er ein groſſes Verlangen bekommen,
ihn einmahl reden zu hoͤren. Denn die Gabe des Stillſchweigens waͤre an einem
Mann am allermeiſten zu loben, welcher auch, bey ſich ereignender Occaſion, mit

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[142/0186] etwas vorbringen oder uͤberreden, das in der Wahrheit ſich nicht alſo verhaͤlt, und ſtichelt der Autor allhier, verbluͤmter Weiſe, auf Plinium, dieweil ihm Schuld gegeben wird, er habe in ſeinen Schrifften viele falſche und unwahr- haffte Sachen vorgebracht, welche er aber doch alſo zuzurichten gewuſt, daß ihrer viele ſelbige vor wahrhafft gehalten haben. Durch die Torte verſtehet der Herr Autor die Italiaͤniſchen Commœ- die, ſo Paſtor Fido genannt wird, von einem aus Ferrara gebuͤrtig beſchrieben, und in gantz Italien hoch gehalten. Johannes della Caſa iſt der Autor ſo den Galateum hat laſſen ausgehen, und will man hier damit andeuten, daß diejenigen, ſo gute Regeln und Præ- cepta vorſchreiben, ſelbige ſelbſt nicht allezeit ſo genau obſerviren. Fava heiſſet in dem Italiaͤniſchen erſtlich eine Bohne, und darnach wird ſolches Wort auch vor das vordere Theil des maͤnnlichen Gliedes genommen, und dieſe Signification hat es allhier. Denn weil der Italiaͤniſche Poët Mau- rus verſchledene Sachen della Fava, wie es in der andern Signification aus- geleget wird, geſchrieben hat, alſo ſchertzet der Autor allhier, und ſpricht, daß die Weiber: oder Muſæ ſich ziemlichermaſſen an denenſelben erluſtieretz haben. Diejenigen Gelehrten, welche ihre groͤſte Kunſt darinnen beſtehen laſſen, daß ſie ſtille ſchweigen und nichts, oder doch ſehr wenig reden, moͤgen ihre Gedancken uͤber nachſtehende Relation aus dem Parnaſſo machen: ES ließ Apollo dieſen Morgen, wieder maͤnnigliches Verſehen, Harpo- cratem, der die Kunſt ſtille zu ſchweigen ſehr wohl ſtudieret hatte, vor ſich kommen, und ſagte ihm, wie er ſich bißhero uͤber ſeine Verſchwiegenheit ſehr verwundert haͤtte; nunmehro aber habe er ein groſſes Verlangen bekommen, ihn einmahl reden zu hoͤren. Denn die Gabe des Stillſchweigens waͤre an einem Mann am allermeiſten zu loben, welcher auch, bey ſich ereignender Occaſion, mit ſei-

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Zitationshilfe: Fassmann, David: Der Gelehrte Narr. Freiburg, 1729, S. 142. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fassmann_narr_1729/186>, abgerufen am 17.04.2021.