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Fontane, Theodor: Effi Briest. Berlin, 1896.

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Achtes Kapitel.

Elf war es längst vorüber; aber Gieshübler
hatte sich noch immer nicht sehen lassen. "Ich kann
nicht länger warten," hatte Geert gesagt, den der
Dienst abrief. "Wenn Gieshübler noch erscheint, so
sei möglichst entgegenkommend, dann wird es vor¬
züglich gehen; er darf nicht verlegen werden; ist er
befangen, so kann er kein Wort finden oder sagt die
sonderbarsten Dinge; weißt Du ihn aber in Zutrauen
und gute Laune zu bringen, dann redet er wie ein
Buch. Nun, Du wirst es schon machen. Erwarte
mich nicht vor drei; es giebt drüben allerlei zu thun.
Und das mit dem Saal oben wollen wir noch über¬
legen ; es wird aber wohl am besten sein, wir lassen
es beim Alten."

Damit ging Innstetten und ließ seine junge Frau
allein. Diese saß, etwas zurückgelehnt, in einem
lauschigen Winkel am Fenster und stützte sich, während
sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines

Achtes Kapitel.

Elf war es längſt vorüber; aber Gieshübler
hatte ſich noch immer nicht ſehen laſſen. „Ich kann
nicht länger warten,“ hatte Geert geſagt, den der
Dienſt abrief. „Wenn Gieshübler noch erſcheint, ſo
ſei möglichſt entgegenkommend, dann wird es vor¬
züglich gehen; er darf nicht verlegen werden; iſt er
befangen, ſo kann er kein Wort finden oder ſagt die
ſonderbarſten Dinge; weißt Du ihn aber in Zutrauen
und gute Laune zu bringen, dann redet er wie ein
Buch. Nun, Du wirſt es ſchon machen. Erwarte
mich nicht vor drei; es giebt drüben allerlei zu thun.
Und das mit dem Saal oben wollen wir noch über¬
legen ; es wird aber wohl am beſten ſein, wir laſſen
es beim Alten.“

Damit ging Innſtetten und ließ ſeine junge Frau
allein. Dieſe ſaß, etwas zurückgelehnt, in einem
lauſchigen Winkel am Fenſter und ſtützte ſich, während
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[[95]/0104] Achtes Kapitel. Elf war es längſt vorüber; aber Gieshübler hatte ſich noch immer nicht ſehen laſſen. „Ich kann nicht länger warten,“ hatte Geert geſagt, den der Dienſt abrief. „Wenn Gieshübler noch erſcheint, ſo ſei möglichſt entgegenkommend, dann wird es vor¬ züglich gehen; er darf nicht verlegen werden; iſt er befangen, ſo kann er kein Wort finden oder ſagt die ſonderbarſten Dinge; weißt Du ihn aber in Zutrauen und gute Laune zu bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun, Du wirſt es ſchon machen. Erwarte mich nicht vor drei; es giebt drüben allerlei zu thun. Und das mit dem Saal oben wollen wir noch über¬ legen ; es wird aber wohl am beſten ſein, wir laſſen es beim Alten.“ Damit ging Innſtetten und ließ ſeine junge Frau allein. Dieſe ſaß, etwas zurückgelehnt, in einem lauſchigen Winkel am Fenſter und ſtützte ſich, während ſie hinausſah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Effi Briest. Berlin, 1896, S. [95]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_briest_1896/104>, abgerufen am 21.09.2021.