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Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. 1. Aufl. Berlin, 1898.

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Namentlich unsrem Leo Goldammer waren die wie sich denken läßt nicht gut zu vermeidenden allsonntäglichen Begegnungen mit dem von Standesbewußtsein getragenen und von Natur etwas feierlichen Obertribunalsrat anfänglich ziemlich peinlich; der Verein indes, den die ganze Situation erheiterte, ließ es an einer dem Schwächeren zu gute kommenden moralischen Unterstützung nicht fehlen und zeigte, daß er den Bäcker mehr oder weniger bevorzuge. Wie viel Recht dazu vorlag, mag ununtersucht bleiben, aber daß der von uns Bevorzugte, der sich besonders liebevoll an Scherenberg anschloß und von diesem wieder geliebt wurde, von einer sehr gewinnenden Eigenart war, das stand fest. Er hatte manches, was an den Handwerksmeister erinnerte, ja, wenn man's erst wußte, konnte man so gar die Belege für sein spezielles Gewerbe herausfinden; aber

Meinung. Wenn ich eine davon und zwar mit voller Ueberzeugung bevorzugt habe, so zwingen mich dazu die sich im Leben in ähnlicher Lage beständig wiederholenden Beobachtungen, bez. Empfindlichkeiten. Ein Beispiel nur. In meinem Romane "Effi Briest" spreche ich in einer halben Briefzeile von einem Tapezier Madelung, der, in Abwesenheit Effis, das Zimmer der jungen Frau neu tapeziert habe. Bald nach Erscheinen des Romans erhielt ich von einem in der Provinz lebenden Madelung eine Zuschrift, in der er mir mitteilte "daß seines Wissens niemals ein Madelung Tapezier gewesen sei." Schade. Tapezier ist etwas ganz Hübsches.

Namentlich unsrem Leo Goldammer waren die wie sich denken läßt nicht gut zu vermeidenden allsonntäglichen Begegnungen mit dem von Standesbewußtsein getragenen und von Natur etwas feierlichen Obertribunalsrat anfänglich ziemlich peinlich; der Verein indes, den die ganze Situation erheiterte, ließ es an einer dem Schwächeren zu gute kommenden moralischen Unterstützung nicht fehlen und zeigte, daß er den Bäcker mehr oder weniger bevorzuge. Wie viel Recht dazu vorlag, mag ununtersucht bleiben, aber daß der von uns Bevorzugte, der sich besonders liebevoll an Scherenberg anschloß und von diesem wieder geliebt wurde, von einer sehr gewinnenden Eigenart war, das stand fest. Er hatte manches, was an den Handwerksmeister erinnerte, ja, wenn man’s erst wußte, konnte man so gar die Belege für sein spezielles Gewerbe herausfinden; aber

Meinung. Wenn ich eine davon und zwar mit voller Ueberzeugung bevorzugt habe, so zwingen mich dazu die sich im Leben in ähnlicher Lage beständig wiederholenden Beobachtungen, bez. Empfindlichkeiten. Ein Beispiel nur. In meinem Romane „Effi Briest“ spreche ich in einer halben Briefzeile von einem Tapezier Madelung, der, in Abwesenheit Effis, das Zimmer der jungen Frau neu tapeziert habe. Bald nach Erscheinen des Romans erhielt ich von einem in der Provinz lebenden Madelung eine Zuschrift, in der er mir mitteilte „daß seines Wissens niemals ein Madelung Tapezier gewesen sei.“ Schade. Tapezier ist etwas ganz Hübsches.
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Namentlich unsrem Leo Goldammer waren die wie sich denken läßt nicht gut zu vermeidenden allsonntäglichen Begegnungen mit dem von Standesbewußtsein getragenen und von Natur etwas feierlichen Obertribunalsrat anfänglich ziemlich peinlich; der Verein indes, den die ganze Situation erheiterte, ließ es an einer dem Schwächeren zu gute kommenden moralischen Unterstützung nicht fehlen und zeigte, daß er den Bäcker mehr oder weniger bevorzuge. Wie viel Recht dazu vorlag, mag ununtersucht bleiben, aber daß der von uns Bevorzugte, der sich besonders liebevoll an Scherenberg anschloß und von diesem wieder geliebt wurde, von einer sehr gewinnenden Eigenart war, das stand fest. Er hatte manches, was an den Handwerksmeister erinnerte, ja, wenn man&#x2019;s erst wußte, konnte man so gar die Belege für sein spezielles Gewerbe herausfinden; aber<note xml:id="ID_08" prev="#ID_07" place="foot" n="*)">Meinung. Wenn ich eine davon und zwar mit voller Ueberzeugung bevorzugt habe, so zwingen mich dazu die sich im Leben in ähnlicher Lage beständig wiederholenden Beobachtungen, bez. Empfindlichkeiten. Ein Beispiel nur. In meinem Romane &#x201E;Effi Briest&#x201C; spreche ich in einer halben Briefzeile von einem Tapezier Madelung, der, in Abwesenheit Effis, das Zimmer der jungen Frau neu tapeziert habe. Bald nach Erscheinen des Romans erhielt ich von einem in der Provinz lebenden Madelung eine Zuschrift, in der er mir mitteilte &#x201E;daß seines Wissens niemals ein Madelung Tapezier gewesen sei.&#x201C; Schade. Tapezier ist etwas ganz Hübsches.</note><lb/></p>
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[375/0384] Namentlich unsrem Leo Goldammer waren die wie sich denken läßt nicht gut zu vermeidenden allsonntäglichen Begegnungen mit dem von Standesbewußtsein getragenen und von Natur etwas feierlichen Obertribunalsrat anfänglich ziemlich peinlich; der Verein indes, den die ganze Situation erheiterte, ließ es an einer dem Schwächeren zu gute kommenden moralischen Unterstützung nicht fehlen und zeigte, daß er den Bäcker mehr oder weniger bevorzuge. Wie viel Recht dazu vorlag, mag ununtersucht bleiben, aber daß der von uns Bevorzugte, der sich besonders liebevoll an Scherenberg anschloß und von diesem wieder geliebt wurde, von einer sehr gewinnenden Eigenart war, das stand fest. Er hatte manches, was an den Handwerksmeister erinnerte, ja, wenn man’s erst wußte, konnte man so gar die Belege für sein spezielles Gewerbe herausfinden; aber *) *) Meinung. Wenn ich eine davon und zwar mit voller Ueberzeugung bevorzugt habe, so zwingen mich dazu die sich im Leben in ähnlicher Lage beständig wiederholenden Beobachtungen, bez. Empfindlichkeiten. Ein Beispiel nur. In meinem Romane „Effi Briest“ spreche ich in einer halben Briefzeile von einem Tapezier Madelung, der, in Abwesenheit Effis, das Zimmer der jungen Frau neu tapeziert habe. Bald nach Erscheinen des Romans erhielt ich von einem in der Provinz lebenden Madelung eine Zuschrift, in der er mir mitteilte „daß seines Wissens niemals ein Madelung Tapezier gewesen sei.“ Schade. Tapezier ist etwas ganz Hübsches.

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Georg-August-Universität Göttingen, Theodor Fontane: Große Brandenburger Ausgabe (GBA): Bereitstellung der Texttranskription (mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin). (2018-07-25T10:02:20Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Rahel Gajaneh Hartz: Bearbeitung der digitalen Edition. (2018-07-25T10:02:20Z)

Weitere Informationen:

Theodor Fontane: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches. Hrsg. von der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen. Bandbearbeiter: Wolfgang Rasch. Berlin 2014 [= Große Brandenburger Ausgabe, Das autobiographische Werk, Bd. 3]: Bereitstellung der Texttranskription (mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin).

Verfahren der Texterfassung: manuell (einfach erfasst).

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. 1. Aufl. Berlin, 1898, S. 375. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_zwanzig_1898/384>, abgerufen am 22.02.2024.