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Fouqué, Friedrich de la Motte: Undine, eine Erzählung. In: Die Jahreszeiten. Eine Vierteljahrsschrift für romantische Dichtungen, 1811, Frühlings-Heft, S. 1–189.

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Du hast unendlich viel gewonnen,
Du blühst, die Schönst' im ganzen Land,
Doch ach! die allerbesten Wonnen
Ließ'st Du am unbekannten Strand.

Undine senkte mit einem wehmüthigen Lä-
cheln ihre Laute; die Augen der herzoglichen Pfleg-
ältern Bertaldens standen voller Thränen. --
So war es am Morgen, wo ich Dich fand, Du
arme holde Waise, sagte der Herzog tiefbewegt;
die schöne Sängerin hat wohl Recht; das Beste
haben wir Dir dennoch nicht zu geben vermocht. --

Wir müssen aber auch hören, wie es den ar-
men Aeltern ergangen ist, sagte Undine, schlug
die Saiten, und sang:

Mutter geht durch ihre Kammern
Räumt die Schränke ein und aus,
Sucht, und weiß nicht was, mit Jammern,
Findet nichts, als leeres Haus.
Leeres Haus! O Wort der Klage,
Dem, der einst ein holdes Kind
Drin gegängelt hat am Tage,
Drin gewiegt in Nächten lind.

Du haſt unendlich viel gewonnen,
Du bluͤhſt, die Schoͤnſt’ im ganzen Land,
Doch ach! die allerbeſten Wonnen
Ließ’ſt Du am unbekannten Strand.

Undine ſenkte mit einem wehmuͤthigen Laͤ-
cheln ihre Laute; die Augen der herzoglichen Pfleg-
aͤltern Bertaldens ſtanden voller Thraͤnen. —
So war es am Morgen, wo ich Dich fand, Du
arme holde Waiſe, ſagte der Herzog tiefbewegt;
die ſchoͤne Saͤngerin hat wohl Recht; das Beſte
haben wir Dir dennoch nicht zu geben vermocht. —

Wir muͤſſen aber auch hoͤren, wie es den ar-
men Aeltern ergangen iſt, ſagte Undine, ſchlug
die Saiten, und ſang:

Mutter geht durch ihre Kammern
Raͤumt die Schraͤnke ein und aus,
Sucht, und weiß nicht was, mit Jammern,
Findet nichts, als leeres Haus.
Leeres Haus! O Wort der Klage,
Dem, der einſt ein holdes Kind
Drin gegaͤngelt hat am Tage,
Drin gewiegt in Naͤchten lind.

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[108/0122] Du haſt unendlich viel gewonnen, Du bluͤhſt, die Schoͤnſt’ im ganzen Land, Doch ach! die allerbeſten Wonnen Ließ’ſt Du am unbekannten Strand. Undine ſenkte mit einem wehmuͤthigen Laͤ- cheln ihre Laute; die Augen der herzoglichen Pfleg- aͤltern Bertaldens ſtanden voller Thraͤnen. — So war es am Morgen, wo ich Dich fand, Du arme holde Waiſe, ſagte der Herzog tiefbewegt; die ſchoͤne Saͤngerin hat wohl Recht; das Beſte haben wir Dir dennoch nicht zu geben vermocht. — Wir muͤſſen aber auch hoͤren, wie es den ar- men Aeltern ergangen iſt, ſagte Undine, ſchlug die Saiten, und ſang: Mutter geht durch ihre Kammern Raͤumt die Schraͤnke ein und aus, Sucht, und weiß nicht was, mit Jammern, Findet nichts, als leeres Haus. Leeres Haus! O Wort der Klage, Dem, der einſt ein holdes Kind Drin gegaͤngelt hat am Tage, Drin gewiegt in Naͤchten lind.

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Zitationshilfe: Fouqué, Friedrich de la Motte: Undine, eine Erzählung. In: Die Jahreszeiten. Eine Vierteljahrsschrift für romantische Dichtungen, 1811, Frühlings-Heft, S. 1–189, hier S. 108. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fouque_undine_1811/122>, abgerufen am 13.06.2024.