Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Bd. 2. Leipzig, 1774.

Bild:
<< vorherige Seite


Der Herausgeber
an den Leser.

Die ausführliche Geschichte der lezten merkwür-
digen Tage unsers Freundes zu liefern, seh
ich mich genöthiget seine Briefe durch Erzählung
zu unterbrechen, wozu ich den Stof aus dem Mun-
de Lottens, Albertens, seines Bedienten, und an-
derer Zeugen gesammlet habe.

Werthers Leidenschaft hatte den Frieden zwi-
schen Alberten und seiner Frau allmählig unter-
graben, dieser liebte sie mit der ruhigen Treue ei-
nes rechtschafnen Manns, und der freundliche Um-
gang mit ihr subordinirte sich nach und nach sei-
nen Geschäften. Zwar wollte er sich nicht den Un-
terschied gestehen, der die gegenwärtige Zeit den
Bräutigams-Tagen so ungleich machte: doch fühl-
te er innerlich einen gewissen Widerwillen gegen
Werthers Aufmerksamkeiten für Lotten, die ihn zu-
gleich ein Eingriff in seine Rechte und ein stiller
Vorwurf zu seyn scheinen mußten. Dadurch ward
der üble Humor vermehrt, den ihm seine über-
häuften, gehinderten, schlecht belohnten Geschäfte
manchmal gaben, und da denn Werthers Lage auch

ihm


Der Herausgeber
an den Leſer.

Die ausfuͤhrliche Geſchichte der lezten merkwuͤr-
digen Tage unſers Freundes zu liefern, ſeh
ich mich genoͤthiget ſeine Briefe durch Erzaͤhlung
zu unterbrechen, wozu ich den Stof aus dem Mun-
de Lottens, Albertens, ſeines Bedienten, und an-
derer Zeugen geſammlet habe.

Werthers Leidenſchaft hatte den Frieden zwi-
ſchen Alberten und ſeiner Frau allmaͤhlig unter-
graben, dieſer liebte ſie mit der ruhigen Treue ei-
nes rechtſchafnen Manns, und der freundliche Um-
gang mit ihr ſubordinirte ſich nach und nach ſei-
nen Geſchaͤften. Zwar wollte er ſich nicht den Un-
terſchied geſtehen, der die gegenwaͤrtige Zeit den
Braͤutigams-Tagen ſo ungleich machte: doch fuͤhl-
te er innerlich einen gewiſſen Widerwillen gegen
Werthers Aufmerkſamkeiten fuͤr Lotten, die ihn zu-
gleich ein Eingriff in ſeine Rechte und ein ſtiller
Vorwurf zu ſeyn ſcheinen mußten. Dadurch ward
der uͤble Humor vermehrt, den ihm ſeine uͤber-
haͤuften, gehinderten, ſchlecht belohnten Geſchaͤfte
manchmal gaben, und da denn Werthers Lage auch

ihm
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="diaryEntry">
        <pb facs="#f0064" n="176"/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div n="1">
          <head><hi rendition="#g">Der Herausgeber</hi><lb/>
an den Le&#x017F;er.</head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">D</hi>ie ausfu&#x0364;hrliche Ge&#x017F;chichte der lezten merkwu&#x0364;r-<lb/>
digen Tage un&#x017F;ers Freundes zu liefern, &#x017F;eh<lb/>
ich mich geno&#x0364;thiget &#x017F;eine Briefe durch Erza&#x0364;hlung<lb/>
zu unterbrechen, wozu ich den Stof aus dem Mun-<lb/>
de Lottens, Albertens, &#x017F;eines Bedienten, und an-<lb/>
derer Zeugen ge&#x017F;ammlet habe.</p><lb/>
          <p>Werthers Leiden&#x017F;chaft hatte den Frieden zwi-<lb/>
&#x017F;chen Alberten und &#x017F;einer Frau allma&#x0364;hlig unter-<lb/>
graben, die&#x017F;er liebte &#x017F;ie mit der ruhigen Treue ei-<lb/>
nes recht&#x017F;chafnen Manns, und der freundliche Um-<lb/>
gang mit ihr &#x017F;ubordinirte &#x017F;ich nach und nach &#x017F;ei-<lb/>
nen Ge&#x017F;cha&#x0364;ften. Zwar wollte er &#x017F;ich nicht den Un-<lb/>
ter&#x017F;chied ge&#x017F;tehen, der die gegenwa&#x0364;rtige Zeit den<lb/>
Bra&#x0364;utigams-Tagen &#x017F;o ungleich machte: doch fu&#x0364;hl-<lb/>
te er innerlich einen gewi&#x017F;&#x017F;en Widerwillen gegen<lb/>
Werthers Aufmerk&#x017F;amkeiten fu&#x0364;r Lotten, die ihn zu-<lb/>
gleich ein Eingriff in &#x017F;eine Rechte und ein &#x017F;tiller<lb/>
Vorwurf zu &#x017F;eyn &#x017F;cheinen mußten. Dadurch ward<lb/>
der u&#x0364;ble Humor vermehrt, den ihm &#x017F;eine u&#x0364;ber-<lb/>
ha&#x0364;uften, gehinderten, &#x017F;chlecht belohnten Ge&#x017F;cha&#x0364;fte<lb/>
manchmal gaben, und da denn Werthers Lage auch<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">ihm</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[176/0064] Der Herausgeber an den Leſer. Die ausfuͤhrliche Geſchichte der lezten merkwuͤr- digen Tage unſers Freundes zu liefern, ſeh ich mich genoͤthiget ſeine Briefe durch Erzaͤhlung zu unterbrechen, wozu ich den Stof aus dem Mun- de Lottens, Albertens, ſeines Bedienten, und an- derer Zeugen geſammlet habe. Werthers Leidenſchaft hatte den Frieden zwi- ſchen Alberten und ſeiner Frau allmaͤhlig unter- graben, dieſer liebte ſie mit der ruhigen Treue ei- nes rechtſchafnen Manns, und der freundliche Um- gang mit ihr ſubordinirte ſich nach und nach ſei- nen Geſchaͤften. Zwar wollte er ſich nicht den Un- terſchied geſtehen, der die gegenwaͤrtige Zeit den Braͤutigams-Tagen ſo ungleich machte: doch fuͤhl- te er innerlich einen gewiſſen Widerwillen gegen Werthers Aufmerkſamkeiten fuͤr Lotten, die ihn zu- gleich ein Eingriff in ſeine Rechte und ein ſtiller Vorwurf zu ſeyn ſcheinen mußten. Dadurch ward der uͤble Humor vermehrt, den ihm ſeine uͤber- haͤuften, gehinderten, ſchlecht belohnten Geſchaͤfte manchmal gaben, und da denn Werthers Lage auch ihm

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther02_1774
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther02_1774/64
Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Bd. 2. Leipzig, 1774, S. 176. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther02_1774/64>, abgerufen am 18.07.2024.