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Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

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dasselbe intuitive Genie, das seiner Naturanschauung einen so bedeutenden pgo_014.002
Werth gab. Jn seinen "Propyläen," in seinen "Schriften pgo_014.003
über Kunst und Alterthum
" hat er sich vorzugsweise über bildende pgo_014.004
Kunst und Malerei, und zwar auch mehr über die äußerlichen Seiten pgo_014.005
derselben ausgesprochen. Dagegen enthalten seine "Briefe," seine pgo_014.006
"Maximen," seine später veröffentlichten Gespräche eine Fülle jener sinnigen pgo_014.007
Reflexionen über die Poesie, wie sie aus einem mit ihren höchsten pgo_014.008
Aufgaben und ihrer Technik gleich vertrauten Sinne ungezwungen hervorgehen, pgo_014.009
ohne die charakteristische Vorliebe des Dichters für das Plastische pgo_014.010
und Epische zu verleugnen. Goethe fügte dem Schatze der klassischen pgo_014.011
Poetik die Maximen der Kunstbetrachtung und Offenbarungen pgo_014.012
ihrer technischen Geheimnisse hinzu.

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Noch fehlte der klassischen Poetik ein wesentlicher Abschnitt; der pgo_014.014
Humor war von jenen großen Genien nicht in den Kreis ihrer Betrachtung pgo_014.015
gezogen worden. Der reichbegabte Geist Jean Paul's war vor pgo_014.016
Allen berufen, diesen Abschnitt zu ergänzen. Jn seiner "Vorschule der pgo_014.017
Aesthetik,
" in welcher über das Wesen der Dichtkunst, besonders über pgo_014.018
den dichterischen Styl die geistreichsten und schlagendsten Reflexionen enthalten pgo_014.019
sind, kamen auch zuerst der Humor, die Jronie, der Witz zu ihrem pgo_014.020
vollen ästhetischen Recht. Vom Geiste der brittischen Humoristen pgo_014.021
genährt, in Deutschland selbst Meister und Muster dieses Styles, verschmolz pgo_014.022
Jean Paul Regel und Beispiel in seltenster Weise; er sprach pgo_014.023
humoristisch über den Humor, witzig über den Witz; aber mit diesen pgo_014.024
Blitzen seines Genius erhellte er das Wesen des Komischen in einer so pgo_014.025
schlagenden Weise, daß die späteren Aesthetiker sich nur an seine Erklärungen pgo_014.026
anschließen konnten. Zugleich sehen wir bei Jean Paul am deutlichsten pgo_014.027
das Hervorgehen der klassischen Poetik aus einer praktischen pgo_014.028
Nöthigung, ihren innigen Zusammenhang mit der Production der Dichter. pgo_014.029
Auch Jean Paul fühlte das Bedürfniß, seine Schöpfungen, seine pgo_014.030
Dichtweise zu rechtfertigen, weil für den Humor in Deutschland keine pgo_014.031
ästhetische Richtschnur bestand. So trat er auf als Gesetzgeber für ein pgo_014.032
Gebiet, das er thatsächlich in Besitz genommen, und dessen Besitz er in pgo_014.033
ein gutes Recht verwandeln wollte. Jn der That macht unsere klassische pgo_014.034
Epoche den Eindruck literarischer Anfänge, so sehr man auch vom pgo_014.035
Gegentheil durchdrungen zu sein scheint; die Autoren gleichen jenen

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Auch Jean Paul fühlte das Bedürfniß, seine Schöpfungen, seine pgo_014.030
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Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/36>, abgerufen am 20.05.2022.