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Die Grenzboten. Jg. 13, 1854, II. Semester. III. Band.

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und die Königin Mutter entschlüpfen lassen. Durch solche Halbheiten entwaffnet
man weder die Revolutionärs, indem man sich ihr Vertrauen erwirbt, noch
gewinnt man sich die Freundschaft der gemäßigt Liberalen, die aufrichtig die
Aufrechthaltung des Königthums, gereinigt von seinen absolutistischen Schlacken,
wünschen. In den letzten Tagen hat man wenigstens soviel Muth gezeigt,
der Barrikadenherrschaft in Madrid ein Ende zu machen. Aber es sind noch
viele Klippen zu überschiffen. Der unglückliche Einfall, eine Constituante
einzuberufen, um den Zank über Eonstitutionsparagraphen wieder einmal von
vorn anzufangen, kann die Gelegenheiten zu neuen Verwirrungen nur ver¬
wehren. Es kann eigentlich Spanien ziemlich gleichgiltig fein, ob es nach
der Verfassung von 1837 oder <84!> regiert wird, ob die Krone mehr Einfluß
auf die Cortes, oder die Cortes mehr Einfluß auf die Krone haben; vor allem
sehnt es sich nach dem Glücke, einmal ein Ministerium zu besitzen, welches
die einmal bestehende Verfassung streng achtet, und nach dem Gesetz, anstatt
"ach launenhafter Willkür regiert; welches sich von Palastintriguanten und
^örsenspielern'unabhängig zu erhalten weiß; welches unter dem corrupten und
hungrigen Beamtenthum und dem Sinecurenwesen der Armee aufräumt, den
Steuerdruck vermindert oder mindestens vernünftig vertheilt, und das Finanz¬
wesen durch strenge Sparsamkeit in Ordnung bringt.

Bei der neuen Wendung der Dinge ist ein Name kaum genannt worden,
^'r seit dem Sturze Esparteros vielleicht die wichtigste politische Rolle in
Spanien gespielt, und den das gestürzte Regime als seinen gefährlichsten Gegner
unversöhnlich verfolgt hat -- Marschall Narvaez. Seine Haltung muß auf
dus Bestehen der Herrschaft Esparteros großen Einfluß ausüben. Er hat
^'vße natürliche Anlagen, viel Verstand, Energie und Entschlossenheit, und
ein guter Verwaltungs- und Geschäftsmann. Er würde noch bedeutend
^U'hr Einfluß haben, wenn er sich nicht durch sein herrisches und willkürliches
^eher selbst unter seiner eignen Partei viele Feinde gemacht hätte. Den
^rvgrcMcil ist er verhaßt, weil er Espartero gestürzt und die lange Herr¬
schaft Moderadoö eingeleitet hat; und weil er sich während seiner Amts-
^bring manche tyrannische Maßregeln hat zu Schulden kommen lassen. Aber
leine rastlose Energie und sein brennender Ehrgeiz machen ihn zum gefährlichen
cgner, und er hat zwar unter den eigentlichen Politikern wenig Anhang,
dchvinehr aber unter den höhern Stellen der Armee.




und die Königin Mutter entschlüpfen lassen. Durch solche Halbheiten entwaffnet
man weder die Revolutionärs, indem man sich ihr Vertrauen erwirbt, noch
gewinnt man sich die Freundschaft der gemäßigt Liberalen, die aufrichtig die
Aufrechthaltung des Königthums, gereinigt von seinen absolutistischen Schlacken,
wünschen. In den letzten Tagen hat man wenigstens soviel Muth gezeigt,
der Barrikadenherrschaft in Madrid ein Ende zu machen. Aber es sind noch
viele Klippen zu überschiffen. Der unglückliche Einfall, eine Constituante
einzuberufen, um den Zank über Eonstitutionsparagraphen wieder einmal von
vorn anzufangen, kann die Gelegenheiten zu neuen Verwirrungen nur ver¬
wehren. Es kann eigentlich Spanien ziemlich gleichgiltig fein, ob es nach
der Verfassung von 1837 oder <84!> regiert wird, ob die Krone mehr Einfluß
auf die Cortes, oder die Cortes mehr Einfluß auf die Krone haben; vor allem
sehnt es sich nach dem Glücke, einmal ein Ministerium zu besitzen, welches
die einmal bestehende Verfassung streng achtet, und nach dem Gesetz, anstatt
»ach launenhafter Willkür regiert; welches sich von Palastintriguanten und
^örsenspielern'unabhängig zu erhalten weiß; welches unter dem corrupten und
hungrigen Beamtenthum und dem Sinecurenwesen der Armee aufräumt, den
Steuerdruck vermindert oder mindestens vernünftig vertheilt, und das Finanz¬
wesen durch strenge Sparsamkeit in Ordnung bringt.

Bei der neuen Wendung der Dinge ist ein Name kaum genannt worden,
^'r seit dem Sturze Esparteros vielleicht die wichtigste politische Rolle in
Spanien gespielt, und den das gestürzte Regime als seinen gefährlichsten Gegner
unversöhnlich verfolgt hat — Marschall Narvaez. Seine Haltung muß auf
dus Bestehen der Herrschaft Esparteros großen Einfluß ausüben. Er hat
^'vße natürliche Anlagen, viel Verstand, Energie und Entschlossenheit, und
ein guter Verwaltungs- und Geschäftsmann. Er würde noch bedeutend
^U'hr Einfluß haben, wenn er sich nicht durch sein herrisches und willkürliches
^eher selbst unter seiner eignen Partei viele Feinde gemacht hätte. Den
^rvgrcMcil ist er verhaßt, weil er Espartero gestürzt und die lange Herr¬
schaft Moderadoö eingeleitet hat; und weil er sich während seiner Amts-
^bring manche tyrannische Maßregeln hat zu Schulden kommen lassen. Aber
leine rastlose Energie und sein brennender Ehrgeiz machen ihn zum gefährlichen
cgner, und er hat zwar unter den eigentlichen Politikern wenig Anhang,
dchvinehr aber unter den höhern Stellen der Armee.




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[0477] und die Königin Mutter entschlüpfen lassen. Durch solche Halbheiten entwaffnet man weder die Revolutionärs, indem man sich ihr Vertrauen erwirbt, noch gewinnt man sich die Freundschaft der gemäßigt Liberalen, die aufrichtig die Aufrechthaltung des Königthums, gereinigt von seinen absolutistischen Schlacken, wünschen. In den letzten Tagen hat man wenigstens soviel Muth gezeigt, der Barrikadenherrschaft in Madrid ein Ende zu machen. Aber es sind noch viele Klippen zu überschiffen. Der unglückliche Einfall, eine Constituante einzuberufen, um den Zank über Eonstitutionsparagraphen wieder einmal von vorn anzufangen, kann die Gelegenheiten zu neuen Verwirrungen nur ver¬ wehren. Es kann eigentlich Spanien ziemlich gleichgiltig fein, ob es nach der Verfassung von 1837 oder <84!> regiert wird, ob die Krone mehr Einfluß auf die Cortes, oder die Cortes mehr Einfluß auf die Krone haben; vor allem sehnt es sich nach dem Glücke, einmal ein Ministerium zu besitzen, welches die einmal bestehende Verfassung streng achtet, und nach dem Gesetz, anstatt »ach launenhafter Willkür regiert; welches sich von Palastintriguanten und ^örsenspielern'unabhängig zu erhalten weiß; welches unter dem corrupten und hungrigen Beamtenthum und dem Sinecurenwesen der Armee aufräumt, den Steuerdruck vermindert oder mindestens vernünftig vertheilt, und das Finanz¬ wesen durch strenge Sparsamkeit in Ordnung bringt. Bei der neuen Wendung der Dinge ist ein Name kaum genannt worden, ^'r seit dem Sturze Esparteros vielleicht die wichtigste politische Rolle in Spanien gespielt, und den das gestürzte Regime als seinen gefährlichsten Gegner unversöhnlich verfolgt hat — Marschall Narvaez. Seine Haltung muß auf dus Bestehen der Herrschaft Esparteros großen Einfluß ausüben. Er hat ^'vße natürliche Anlagen, viel Verstand, Energie und Entschlossenheit, und ein guter Verwaltungs- und Geschäftsmann. Er würde noch bedeutend ^U'hr Einfluß haben, wenn er sich nicht durch sein herrisches und willkürliches ^eher selbst unter seiner eignen Partei viele Feinde gemacht hätte. Den ^rvgrcMcil ist er verhaßt, weil er Espartero gestürzt und die lange Herr¬ schaft Moderadoö eingeleitet hat; und weil er sich während seiner Amts- ^bring manche tyrannische Maßregeln hat zu Schulden kommen lassen. Aber leine rastlose Energie und sein brennender Ehrgeiz machen ihn zum gefährlichen cgner, und er hat zwar unter den eigentlichen Politikern wenig Anhang, dchvinehr aber unter den höhern Stellen der Armee.

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 13, 1854, II. Semester. III. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341578_281149/477>, abgerufen am 26.02.2024.