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Die Grenzboten. Jg. 13, 1854, II. Semester. III. Band.

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Dies war der erste Act der Revolution, der nach einigen vergeblichen
Versuchen durch Bildung eines Ministeriums Eordova oder Rivas einen Mittel¬
weg eingeschlagen, mit der Berufung des seit fünf Jahren von dem politischen
Schauplatz verbannten Espartero, und jener denkwürdigen Bekanntmachung
der Königin endete. Unter dem Jubel des Volks ist Espartero in Madrid
eingezogen und hat die Zügel der Herrschaft in die Hand genommen. Wird
sein Griff energisch genug sein, um sie festzuhalten? Sein erster Schritt ist
gewesen, sich ein Ministerium zu bilden, in dessen Schoße sich alle politischen
Nuancen, aus denen die Opposition gegen das gestürzte Regime bestanden hat,
von der conservativ-moderatistischcn bis zu der am weitesten vorgeschrittenen pro¬
gressiven, zusammenfinden, und dessen beide Hauptpersonen, Espartero und
ODonnell, schon die Gegensätze genügend bezeichnen. Espartero, der gegenwärtig
das Schicksal Spaniens in der Hand hat, ist jetzt Jahre alt. Mehr durch
eine Art Verhängnist als durch Wahl der progressistifchen Partei angehörig,
gelangte er 1"i-0 durch eine Revolution zur Regentschaft, und wurde
durch eine Revolution gestürzt. Seitdem ist er dem politischen Treiben ganz
fremd geblieben. Espartero hat sich immer als ein tapferer Soldat gezeigt;
aber als Staatsmann erstellt er sich keines besondern Rufes. Was ihm An¬
sehen und Gewicht gibt, ist seine Ehrlichkeit, eine bei spanischen Politikern
äußerst selten zu findende Uneigennützigkeit und Freiheit von persönlichem
Ehrgeiz; aber er ist auch unentschlossen im Rathe, dem Coteriegeist leicht zu¬
gänglich, lind in seiner frühern Stellung war er noch nicht zwei Jahre im
Amte, als er sich bereits mit allen Parteien verfeindet hatte. In revolutio¬
nären Zeiten geht alles glatt, solange das Werk der Zerstörung fortdauert-^
eine Partei greift jenen Mißbrauch an, die andre einen andern, und unter
den einträchtigen Schlägen sinkt ein ganzes Regierungsgebäude rasch zusammen-
Soweit scheinen alle Angreifenden von einem Geiste beseelt zu sein und nach
einem gemeinsamen Ziele zu streben. Sowie aber die Zeit kommt, wo neues
aufgebaut werden soll, kommt Zwietracht unter die früher einträchtigen Arbeiter¬
gruppen, die große Masse zerfällt in unzählige Fractionen, und ihr Gcsammt-
wille zersplittert sich in ebenso viele Meinungen und Pläne, als die Masse
Persönlichkeiten zählt. In den ersten Tagen seines Bestehens hat das neue
Ministerium sicherlich keine Macht gezeigt. Es hat die bestehende Verfassung
in Frage gestellt und die Entscheidung darüber.den constituirenden Cortes über¬
lassen, die noch nicht einmal gewählt sind, und die wenigstens in den Pr"'
vinzen unter dem Druck der revolutionären Junten werden gewählt werden-
Es hat in Madrid mit der Revolution unterhandelt und sich in mehr als einer
wichtigen Maßregel nach ihrem Willen richten müssen. Es hat erst zugestan¬
den, der Königin Mutter den Proceß zu machen, und dann, außer Stande,
den Junten offen entgegenzutreten, sich gegen dieselben der List als Waffe bedient


Dies war der erste Act der Revolution, der nach einigen vergeblichen
Versuchen durch Bildung eines Ministeriums Eordova oder Rivas einen Mittel¬
weg eingeschlagen, mit der Berufung des seit fünf Jahren von dem politischen
Schauplatz verbannten Espartero, und jener denkwürdigen Bekanntmachung
der Königin endete. Unter dem Jubel des Volks ist Espartero in Madrid
eingezogen und hat die Zügel der Herrschaft in die Hand genommen. Wird
sein Griff energisch genug sein, um sie festzuhalten? Sein erster Schritt ist
gewesen, sich ein Ministerium zu bilden, in dessen Schoße sich alle politischen
Nuancen, aus denen die Opposition gegen das gestürzte Regime bestanden hat,
von der conservativ-moderatistischcn bis zu der am weitesten vorgeschrittenen pro¬
gressiven, zusammenfinden, und dessen beide Hauptpersonen, Espartero und
ODonnell, schon die Gegensätze genügend bezeichnen. Espartero, der gegenwärtig
das Schicksal Spaniens in der Hand hat, ist jetzt Jahre alt. Mehr durch
eine Art Verhängnist als durch Wahl der progressistifchen Partei angehörig,
gelangte er 1»i-0 durch eine Revolution zur Regentschaft, und wurde
durch eine Revolution gestürzt. Seitdem ist er dem politischen Treiben ganz
fremd geblieben. Espartero hat sich immer als ein tapferer Soldat gezeigt;
aber als Staatsmann erstellt er sich keines besondern Rufes. Was ihm An¬
sehen und Gewicht gibt, ist seine Ehrlichkeit, eine bei spanischen Politikern
äußerst selten zu findende Uneigennützigkeit und Freiheit von persönlichem
Ehrgeiz; aber er ist auch unentschlossen im Rathe, dem Coteriegeist leicht zu¬
gänglich, lind in seiner frühern Stellung war er noch nicht zwei Jahre im
Amte, als er sich bereits mit allen Parteien verfeindet hatte. In revolutio¬
nären Zeiten geht alles glatt, solange das Werk der Zerstörung fortdauert-^
eine Partei greift jenen Mißbrauch an, die andre einen andern, und unter
den einträchtigen Schlägen sinkt ein ganzes Regierungsgebäude rasch zusammen-
Soweit scheinen alle Angreifenden von einem Geiste beseelt zu sein und nach
einem gemeinsamen Ziele zu streben. Sowie aber die Zeit kommt, wo neues
aufgebaut werden soll, kommt Zwietracht unter die früher einträchtigen Arbeiter¬
gruppen, die große Masse zerfällt in unzählige Fractionen, und ihr Gcsammt-
wille zersplittert sich in ebenso viele Meinungen und Pläne, als die Masse
Persönlichkeiten zählt. In den ersten Tagen seines Bestehens hat das neue
Ministerium sicherlich keine Macht gezeigt. Es hat die bestehende Verfassung
in Frage gestellt und die Entscheidung darüber.den constituirenden Cortes über¬
lassen, die noch nicht einmal gewählt sind, und die wenigstens in den Pr»'
vinzen unter dem Druck der revolutionären Junten werden gewählt werden-
Es hat in Madrid mit der Revolution unterhandelt und sich in mehr als einer
wichtigen Maßregel nach ihrem Willen richten müssen. Es hat erst zugestan¬
den, der Königin Mutter den Proceß zu machen, und dann, außer Stande,
den Junten offen entgegenzutreten, sich gegen dieselben der List als Waffe bedient


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[0476] Dies war der erste Act der Revolution, der nach einigen vergeblichen Versuchen durch Bildung eines Ministeriums Eordova oder Rivas einen Mittel¬ weg eingeschlagen, mit der Berufung des seit fünf Jahren von dem politischen Schauplatz verbannten Espartero, und jener denkwürdigen Bekanntmachung der Königin endete. Unter dem Jubel des Volks ist Espartero in Madrid eingezogen und hat die Zügel der Herrschaft in die Hand genommen. Wird sein Griff energisch genug sein, um sie festzuhalten? Sein erster Schritt ist gewesen, sich ein Ministerium zu bilden, in dessen Schoße sich alle politischen Nuancen, aus denen die Opposition gegen das gestürzte Regime bestanden hat, von der conservativ-moderatistischcn bis zu der am weitesten vorgeschrittenen pro¬ gressiven, zusammenfinden, und dessen beide Hauptpersonen, Espartero und ODonnell, schon die Gegensätze genügend bezeichnen. Espartero, der gegenwärtig das Schicksal Spaniens in der Hand hat, ist jetzt Jahre alt. Mehr durch eine Art Verhängnist als durch Wahl der progressistifchen Partei angehörig, gelangte er 1»i-0 durch eine Revolution zur Regentschaft, und wurde durch eine Revolution gestürzt. Seitdem ist er dem politischen Treiben ganz fremd geblieben. Espartero hat sich immer als ein tapferer Soldat gezeigt; aber als Staatsmann erstellt er sich keines besondern Rufes. Was ihm An¬ sehen und Gewicht gibt, ist seine Ehrlichkeit, eine bei spanischen Politikern äußerst selten zu findende Uneigennützigkeit und Freiheit von persönlichem Ehrgeiz; aber er ist auch unentschlossen im Rathe, dem Coteriegeist leicht zu¬ gänglich, lind in seiner frühern Stellung war er noch nicht zwei Jahre im Amte, als er sich bereits mit allen Parteien verfeindet hatte. In revolutio¬ nären Zeiten geht alles glatt, solange das Werk der Zerstörung fortdauert-^ eine Partei greift jenen Mißbrauch an, die andre einen andern, und unter den einträchtigen Schlägen sinkt ein ganzes Regierungsgebäude rasch zusammen- Soweit scheinen alle Angreifenden von einem Geiste beseelt zu sein und nach einem gemeinsamen Ziele zu streben. Sowie aber die Zeit kommt, wo neues aufgebaut werden soll, kommt Zwietracht unter die früher einträchtigen Arbeiter¬ gruppen, die große Masse zerfällt in unzählige Fractionen, und ihr Gcsammt- wille zersplittert sich in ebenso viele Meinungen und Pläne, als die Masse Persönlichkeiten zählt. In den ersten Tagen seines Bestehens hat das neue Ministerium sicherlich keine Macht gezeigt. Es hat die bestehende Verfassung in Frage gestellt und die Entscheidung darüber.den constituirenden Cortes über¬ lassen, die noch nicht einmal gewählt sind, und die wenigstens in den Pr»' vinzen unter dem Druck der revolutionären Junten werden gewählt werden- Es hat in Madrid mit der Revolution unterhandelt und sich in mehr als einer wichtigen Maßregel nach ihrem Willen richten müssen. Es hat erst zugestan¬ den, der Königin Mutter den Proceß zu machen, und dann, außer Stande, den Junten offen entgegenzutreten, sich gegen dieselben der List als Waffe bedient

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 13, 1854, II. Semester. III. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341578_281149/476>, abgerufen am 26.02.2024.