"an der Tugend, quae serit arbores, vt al- "teri seculo prosint!"
Der wahre Uebersezzer soll also Wörter, Redarten und Verbindungen seiner Mutter- sprache aus einer ausgebildetern anpassen: aus der Griechischen und Lateinischen vorzüg- lich, und denn auch aus neuern Sprachen. Nun wollen wir hierüber nach unsern vor- ausgesezten Pramissen schwazzen:
Alle alte Sprachen haben, so wie die al- ten Nationen, und ihre Werke überhaupt, mehr karakteristisches, als das, was neuer ist. Von ihnen muß also unsre Sprache mehr ler- nen können, als von denen, mit welchen sie mehr verwandt ist; oder der Unterschied zwi- schen beiden liefert wenigstens den Sprach- philosophen eine Menge Stoff zu Betrach- tungen. Wir wollen vom leztern etwas ver- suchen.
So wie uns unsre besten Heldenthaten, die wir als Jünglinge thaten, aus dem Gedächt- niß verschwinden: so entgehen uns aus dem Jünglingsalter der Sprache jedesmal die be- sten Dichter, weil sie vor der Schriftstellerei vorausgehen. Jm Griechischen haben wir
aus
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„an der Tugend, quae ſerit arbores, vt al- „teri ſeculo proſint!„
Der wahre Ueberſezzer ſoll alſo Woͤrter, Redarten und Verbindungen ſeiner Mutter- ſprache aus einer ausgebildetern anpaſſen: aus der Griechiſchen und Lateiniſchen vorzuͤg- lich, und denn auch aus neuern Sprachen. Nun wollen wir hieruͤber nach unſern vor- ausgeſezten Pramiſſen ſchwazzen:
Alle alte Sprachen haben, ſo wie die al- ten Nationen, und ihre Werke uͤberhaupt, mehr karakteriſtiſches, als das, was neuer iſt. Von ihnen muß alſo unſre Sprache mehr ler- nen koͤnnen, als von denen, mit welchen ſie mehr verwandt iſt; oder der Unterſchied zwi- ſchen beiden liefert wenigſtens den Sprach- philoſophen eine Menge Stoff zu Betrach- tungen. Wir wollen vom leztern etwas ver- ſuchen.
So wie uns unſre beſten Heldenthaten, die wir als Juͤnglinge thaten, aus dem Gedaͤcht- niß verſchwinden: ſo entgehen uns aus dem Juͤnglingsalter der Sprache jedesmal die be- ſten Dichter, weil ſie vor der Schriftſtellerei vorausgehen. Jm Griechiſchen haben wir
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„an der Tugend, quae ſerit arbores, vt al-
„teri ſeculo proſint!„
Der wahre Ueberſezzer ſoll alſo Woͤrter,
Redarten und Verbindungen ſeiner Mutter-
ſprache aus einer ausgebildetern anpaſſen:
aus der Griechiſchen und Lateiniſchen vorzuͤg-
lich, und denn auch aus neuern Sprachen.
Nun wollen wir hieruͤber nach unſern vor-
ausgeſezten Pramiſſen ſchwazzen:
Alle alte Sprachen haben, ſo wie die al-
ten Nationen, und ihre Werke uͤberhaupt, mehr
karakteriſtiſches, als das, was neuer iſt.
Von ihnen muß alſo unſre Sprache mehr ler-
nen koͤnnen, als von denen, mit welchen ſie
mehr verwandt iſt; oder der Unterſchied zwi-
ſchen beiden liefert wenigſtens den Sprach-
philoſophen eine Menge Stoff zu Betrach-
tungen. Wir wollen vom leztern etwas ver-
ſuchen.
So wie uns unſre beſten Heldenthaten, die
wir als Juͤnglinge thaten, aus dem Gedaͤcht-
niß verſchwinden: ſo entgehen uns aus dem
Juͤnglingsalter der Sprache jedesmal die be-
ſten Dichter, weil ſie vor der Schriftſtellerei
vorausgehen. Jm Griechiſchen haben wir
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 65. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/69>, abgerufen am 11.09.2024.
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