Kerner, Justinus: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826. Elsbeth. Der Stern, den ich euch gab, ist abgefallen, seht! Der Gärtner. Er ist erloschen, weil die Sonn' zu nah' ihm steht. Der Vorhang fällt. Harfenspiel. Neuer Aufzug. Kirchhof. Nacht. Der Todtengräber (geht mit langen Schritten auf den Hügeln hin und her, endlich bleibt er vor zwei geöffneten Gräbern stehen). Einziehen mit euch durch diese stille Pforte? Weh! dürft' ich, weh! der Hölle schwarzer Wächter Peitscht mitleid'slos am Eingang mich zurück. Ein sollt ihr zieh'n in Lieb', durch mich geleitet, Ich aber, blutbesprützt, den schwarzen Geist zur Seite, Schweif' heimatlos im weiten Reich der Luft. -- (Zieht ein Messer und schleift es an einem Grabsteine. Fährt auf.) Es war mein Wille! -- und es soll geschehen! König der Nacht! dir sey was ich gelobet! (Pause). Und wer? -- -- wer blieb mir noch im weiten Raum der Welt? Eltern? da schlummern sie, ringsum die Freunde, Zwei blieben noch -- -- die forderte die Hölle! Und ich, ich bin ihr Werkzeug! -- -- (Stampft auf die Erde.) Sarg ist auf Sarg gethürmt, Geripp' steht auf Gerippe, Euch all' hab' ich zur Ruh gebracht, und ich, Elsbeth. Der Stern, den ich euch gab, iſt abgefallen, ſeht! Der Gaͤrtner. Er iſt erloſchen, weil die Sonn' zu nah' ihm ſteht. Der Vorhang faͤllt. Harfenſpiel. Neuer Aufzug. Kirchhof. Nacht. Der Todtengraͤber (geht mit langen Schritten auf den Huͤgeln hin und her, endlich bleibt er vor zwei geoͤffneten Graͤbern ſtehen). Einziehen mit euch durch dieſe ſtille Pforte? Weh! duͤrft' ich, weh! der Hoͤlle ſchwarzer Waͤchter Peitſcht mitleid'slos am Eingang mich zuruͤck. Ein ſollt ihr zieh'n in Lieb', durch mich geleitet, Ich aber, blutbeſpruͤtzt, den ſchwarzen Geiſt zur Seite, Schweif' heimatlos im weiten Reich der Luft. — (Zieht ein Meſſer und ſchleift es an einem Grabſteine. Faͤhrt auf.) Es war mein Wille! — und es ſoll geſchehen! Koͤnig der Nacht! dir ſey was ich gelobet! (Pauſe). Und wer? — — wer blieb mir noch im weiten Raum der Welt? Eltern? da ſchlummern ſie, ringsum die Freunde, Zwei blieben noch — — die forderte die Hoͤlle! Und ich, ich bin ihr Werkzeug! — — (Stampft auf die Erde.) Sarg iſt auf Sarg gethuͤrmt, Geripp' ſteht auf Gerippe, Euch all' hab' ich zur Ruh gebracht, und ich, <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0232" n="220"/> <sp> <speaker><hi rendition="#g">Elsbeth</hi>.</speaker><lb/> <p>Der Stern, den ich euch gab, iſt abgefallen, ſeht!</p> </sp><lb/> <sp> <speaker><hi rendition="#g">Der Gaͤrtner</hi>.</speaker><lb/> <p>Er iſt erloſchen, weil die Sonn' zu nah' ihm ſteht.</p> </sp><lb/> <stage><hi rendition="#g">Der Vorhang faͤllt.<lb/> Harfenſpiel</hi>.</stage><lb/> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> <div n="3"> <head><hi rendition="#g">Neuer Aufzug</hi>.</head><lb/> <stage><hi rendition="#g">Kirchhof. Nacht</hi>.</stage><lb/> <sp> <speaker> <hi rendition="#g">Der Todtengraͤber</hi> </speaker> <stage> (geht mit langen Schritten auf den Huͤgeln<lb/> hin und her, endlich bleibt er vor zwei geoͤffneten Graͤbern ſtehen).</stage><lb/> <p>Einziehen mit euch durch dieſe ſtille Pforte?<lb/> Weh! duͤrft' ich, weh! der Hoͤlle ſchwarzer Waͤchter<lb/> Peitſcht mitleid'slos am Eingang mich zuruͤck.<lb/> Ein ſollt ihr zieh'n in Lieb', durch mich geleitet,<lb/> Ich aber, blutbeſpruͤtzt, den ſchwarzen Geiſt zur Seite,<lb/> Schweif' heimatlos im weiten Reich der Luft. —</p><lb/> <stage>(Zieht ein Meſſer und ſchleift es an einem Grabſteine. Faͤhrt auf.)</stage><lb/> <p>Es war mein Wille! — und es ſoll geſchehen!<lb/> Koͤnig der Nacht! dir ſey was ich gelobet!</p><lb/> <stage>(Pauſe).</stage><lb/> <p>Und wer? — — wer blieb mir noch im weiten Raum der<lb/> Welt?<lb/> Eltern? da ſchlummern ſie, ringsum die Freunde,<lb/> Zwei blieben noch — — die forderte die Hoͤlle!<lb/> Und ich, ich bin ihr Werkzeug! — —</p><lb/> <stage>(Stampft auf die Erde.)</stage><lb/> <p>Sarg iſt auf Sarg gethuͤrmt, Geripp' ſteht auf Gerippe,<lb/> Euch all' hab' ich zur Ruh gebracht, und ich,<lb/></p> </sp> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [220/0232]
Elsbeth.
Der Stern, den ich euch gab, iſt abgefallen, ſeht!
Der Gaͤrtner.
Er iſt erloſchen, weil die Sonn' zu nah' ihm ſteht.
Der Vorhang faͤllt.
Harfenſpiel.
Neuer Aufzug.
Kirchhof. Nacht.
Der Todtengraͤber (geht mit langen Schritten auf den Huͤgeln
hin und her, endlich bleibt er vor zwei geoͤffneten Graͤbern ſtehen).
Einziehen mit euch durch dieſe ſtille Pforte?
Weh! duͤrft' ich, weh! der Hoͤlle ſchwarzer Waͤchter
Peitſcht mitleid'slos am Eingang mich zuruͤck.
Ein ſollt ihr zieh'n in Lieb', durch mich geleitet,
Ich aber, blutbeſpruͤtzt, den ſchwarzen Geiſt zur Seite,
Schweif' heimatlos im weiten Reich der Luft. —
(Zieht ein Meſſer und ſchleift es an einem Grabſteine. Faͤhrt auf.)
Es war mein Wille! — und es ſoll geſchehen!
Koͤnig der Nacht! dir ſey was ich gelobet!
(Pauſe).
Und wer? — — wer blieb mir noch im weiten Raum der
Welt?
Eltern? da ſchlummern ſie, ringsum die Freunde,
Zwei blieben noch — — die forderte die Hoͤlle!
Und ich, ich bin ihr Werkzeug! — —
(Stampft auf die Erde.)
Sarg iſt auf Sarg gethuͤrmt, Geripp' ſteht auf Gerippe,
Euch all' hab' ich zur Ruh gebracht, und ich,
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Zitationshilfe: | Kerner, Justinus: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826, S. 220. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kerner_gedichte_1826/232>, abgerufen am 18.02.2025. |