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[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756.

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Zehnter Gesang.

Unaussprechlich lieb ich ihn, mehr, als ich iemals noch liebte!
Ach, wenn er mich, mit eben der Liebe, die mich zu ihm hinreißt,
Lieben könnte; so würd er vielleicht den Flecken verbergen,
Welcher, als im am Stolze der Erstgeschaffenen Theil nahm,
Mich entheiligte; würde für mich bey dem Ewigen bitten!
Mir verzeihen, und mich zu Gottes Anschaun erheben!
Gott, vollende dein Thun in deiner Erschaffnen! Erfülle
Jhr entflammtes, ihr immer empfundnes, frommes Verlangen,
Nach Glückseligkeit! Du, nur du, Unendlicher, du bist
Jhr Glückseligkeit! Dir sich nahen ist ewige Wonne!

Also denkt sie, und denkts nicht umsonst. Gott, welcher von fern her
Oft, was er thut, bereitet hat, bildete so die Seele
Zu dem Leben der Prüfung, und zu dem ewigen Leben.
Und nun flog mit freudigem Schwunge die Zeit. Der gehofte,
Von den Engeln gehofte, nur unter den Engeln gefeyrte
Augenblick kam. Es stehn, zum Kreuz hin gerichtet, erwartend,
Voll von frommer heisser Begier, die künftigen Hüter
Dieser Seelen, die izt dem sterblichen Leben sich nahten.
Banger vor Freuden und bebender stehn die Hüter. Jndem geht
Von dem Auge des Gottversöners der grosse Befehl aus,
Mit dem Befehl ein Segen des Sterbenden: Gehet und lebet,
Glaubet, und überwindet! Jch liebt euch, ehe die Welt ward!
Und die Engel führten sie fort. Sionitinn, erzähle,
Wie sie lebten, und wie sie dem grossen Versöner der Sünde,
Jede nach ihren Gaben, im Pilgerleben sich weihten.
Wirkungen von der neuen Empfindung, die sie erfüllte,
Da sie am Kreuze den Göttlichen sahen, blieben in allen,
Wuchsen,
J 2

Zehnter Geſang.

Unausſprechlich lieb ich ihn, mehr, als ich iemals noch liebte!
Ach, wenn er mich, mit eben der Liebe, die mich zu ihm hinreißt,
Lieben koͤnnte; ſo wuͤrd er vielleicht den Flecken verbergen,
Welcher, als im am Stolze der Erſtgeſchaffenen Theil nahm,
Mich entheiligte; wuͤrde fuͤr mich bey dem Ewigen bitten!
Mir verzeihen, und mich zu Gottes Anſchaun erheben!
Gott, vollende dein Thun in deiner Erſchaffnen! Erfuͤlle
Jhr entflammtes, ihr immer empfundnes, frommes Verlangen,
Nach Gluͤckſeligkeit! Du, nur du, Unendlicher, du biſt
Jhr Gluͤckſeligkeit! Dir ſich nahen iſt ewige Wonne!

Alſo denkt ſie, und denkts nicht umſonſt. Gott, welcher von fern her
Oft, was er thut, bereitet hat, bildete ſo die Seele
Zu dem Leben der Pruͤfung, und zu dem ewigen Leben.
Und nun flog mit freudigem Schwunge die Zeit. Der gehofte,
Von den Engeln gehofte, nur unter den Engeln gefeyrte
Augenblick kam. Es ſtehn, zum Kreuz hin gerichtet, erwartend,
Voll von frommer heiſſer Begier, die kuͤnftigen Huͤter
Dieſer Seelen, die izt dem ſterblichen Leben ſich nahten.
Banger vor Freuden und bebender ſtehn die Huͤter. Jndem geht
Von dem Auge des Gottverſoͤners der groſſe Befehl aus,
Mit dem Befehl ein Segen des Sterbenden: Gehet und lebet,
Glaubet, und uͤberwindet! Jch liebt euch, ehe die Welt ward!
Und die Engel fuͤhrten ſie fort. Sionitinn, erzaͤhle,
Wie ſie lebten, und wie ſie dem groſſen Verſoͤner der Suͤnde,
Jede nach ihren Gaben, im Pilgerleben ſich weihten.
Wirkungen von der neuen Empfindung, die ſie erfuͤllte,
Da ſie am Kreuze den Goͤttlichen ſahen, blieben in allen,
Wuchſen,
J 2
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[131/0161] Zehnter Geſang. Unausſprechlich lieb ich ihn, mehr, als ich iemals noch liebte! Ach, wenn er mich, mit eben der Liebe, die mich zu ihm hinreißt, Lieben koͤnnte; ſo wuͤrd er vielleicht den Flecken verbergen, Welcher, als im am Stolze der Erſtgeſchaffenen Theil nahm, Mich entheiligte; wuͤrde fuͤr mich bey dem Ewigen bitten! Mir verzeihen, und mich zu Gottes Anſchaun erheben! Gott, vollende dein Thun in deiner Erſchaffnen! Erfuͤlle Jhr entflammtes, ihr immer empfundnes, frommes Verlangen, Nach Gluͤckſeligkeit! Du, nur du, Unendlicher, du biſt Jhr Gluͤckſeligkeit! Dir ſich nahen iſt ewige Wonne! Alſo denkt ſie, und denkts nicht umſonſt. Gott, welcher von fern her Oft, was er thut, bereitet hat, bildete ſo die Seele Zu dem Leben der Pruͤfung, und zu dem ewigen Leben. Und nun flog mit freudigem Schwunge die Zeit. Der gehofte, Von den Engeln gehofte, nur unter den Engeln gefeyrte Augenblick kam. Es ſtehn, zum Kreuz hin gerichtet, erwartend, Voll von frommer heiſſer Begier, die kuͤnftigen Huͤter Dieſer Seelen, die izt dem ſterblichen Leben ſich nahten. Banger vor Freuden und bebender ſtehn die Huͤter. Jndem geht Von dem Auge des Gottverſoͤners der groſſe Befehl aus, Mit dem Befehl ein Segen des Sterbenden: Gehet und lebet, Glaubet, und uͤberwindet! Jch liebt euch, ehe die Welt ward! Und die Engel fuͤhrten ſie fort. Sionitinn, erzaͤhle, Wie ſie lebten, und wie ſie dem groſſen Verſoͤner der Suͤnde, Jede nach ihren Gaben, im Pilgerleben ſich weihten. Wirkungen von der neuen Empfindung, die ſie erfuͤllte, Da ſie am Kreuze den Goͤttlichen ſahen, blieben in allen, Wuchſen, J 2

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Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/161>, abgerufen am 12.05.2021.