Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756.

Bild:
<< vorherige Seite

Der Messias.

Doch sie erkannten ihn nicht, so nah er auch dastund, und drangen
Auf die Männer um ihn. Da sprach er gewaltig: Wen sucht ihr?
Unsre Männer fürchteten nichts, und riefen mit Grimme:
Jesum, den Nazaräer? Da sprach er, (noch hör ichs, noch sinken
Alle Gebeine mir hin!) er rief mit der Stimme des Todes
Gegen die Männer: Jch bins! So sprach die Stimme. Sie stürzten
Auf ihr Angesicht hin! Sie liegen todt da! Nur ich bin
Jhm entronnen, damit ich die Botschaft des Todes euch brächte!

Und die Priester hörten den Boten die Worte des Schreckens
Sagen, und standen entfärbt, und blieben starr, wie ein Fels steht,
Stehn. Nur Philo vermag, ununterbrochen von Schrecken,
Diese Worte zu zürnen: Du bist sein Schüler, Verwegner!
Oder dich täuschte die bildende Nacht! Geöfnete Gräber
Sandten dir Schwindel, und Todte. Die Todten sahst du! Die Männer
Welche wir sandten, die leben, und fallen vor Worten nicht nieder!
Als er noch redte, da kam ein andrer Bote: Wir haben
Viel gelitten! Wir sind vor ihm zur Erde gesunken!
Denn sein Blick war entsezlich, und Tod in des Redenden Stimme.
Aber dennoch führen wir ihn gebunden. Er gab uns
Selbst die Hände, sich binden zu lassen. Sie führen ihn bebend,
Wissen nicht, ob sie von neuem gebietende Worte des Schreckens
Hören werden. Allein er geht mit geduldiger Stille,
Und ist schon in Jerusalems Mauer. So sagte der Bote.
Und der dritte kam an, und rief: Gott segne die Väter!
Aber so müssen sie alle verderben, die wider euch aufstehn,
Alle Feinde des Herrn, wie der Galiläer verderben!
Denn wir führen ihn her mit Banden gebunden, die Worte
Nicht

Der Meſſias.

Doch ſie erkannten ihn nicht, ſo nah er auch daſtund, und drangen
Auf die Maͤnner um ihn. Da ſprach er gewaltig: Wen ſucht ihr?
Unſre Maͤnner fuͤrchteten nichts, und riefen mit Grimme:
Jeſum, den Nazaraͤer? Da ſprach er, (noch hoͤr ichs, noch ſinken
Alle Gebeine mir hin!) er rief mit der Stimme des Todes
Gegen die Maͤnner: Jch bins! So ſprach die Stimme. Sie ſtuͤrzten
Auf ihr Angeſicht hin! Sie liegen todt da! Nur ich bin
Jhm entronnen, damit ich die Botſchaft des Todes euch braͤchte!

Und die Prieſter hoͤrten den Boten die Worte des Schreckens
Sagen, und ſtanden entfaͤrbt, und blieben ſtarr, wie ein Fels ſteht,
Stehn. Nur Philo vermag, ununterbrochen von Schrecken,
Dieſe Worte zu zuͤrnen: Du biſt ſein Schuͤler, Verwegner!
Oder dich taͤuſchte die bildende Nacht! Geoͤfnete Graͤber
Sandten dir Schwindel, und Todte. Die Todten ſahſt du! Die Maͤnner
Welche wir ſandten, die leben, und fallen vor Worten nicht nieder!
Als er noch redte, da kam ein andrer Bote: Wir haben
Viel gelitten! Wir ſind vor ihm zur Erde geſunken!
Denn ſein Blick war entſezlich, und Tod in des Redenden Stimme.
Aber dennoch fuͤhren wir ihn gebunden. Er gab uns
Selbſt die Haͤnde, ſich binden zu laſſen. Sie fuͤhren ihn bebend,
Wiſſen nicht, ob ſie von neuem gebietende Worte des Schreckens
Hoͤren werden. Allein er geht mit geduldiger Stille,
Und iſt ſchon in Jeruſalems Mauer. So ſagte der Bote.
Und der dritte kam an, und rief: Gott ſegne die Vaͤter!
Aber ſo muͤſſen ſie alle verderben, die wider euch aufſtehn,
Alle Feinde des Herrn, wie der Galilaͤer verderben!
Denn wir fuͤhren ihn her mit Banden gebunden, die Worte
Nicht
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <lg type="poem">
            <lg n="6">
              <l>
                <pb facs="#f0030" n="8"/>
                <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Der Me&#x017F;&#x017F;ias.</hi> </fw>
              </l><lb/>
              <l>Doch &#x017F;ie erkannten ihn nicht, &#x017F;o nah er auch da&#x017F;tund, und drangen</l><lb/>
              <l>Auf die Ma&#x0364;nner um ihn. Da &#x017F;prach er gewaltig: Wen &#x017F;ucht ihr?</l><lb/>
              <l>Un&#x017F;re Ma&#x0364;nner fu&#x0364;rchteten nichts, und riefen mit Grimme:</l><lb/>
              <l>Je&#x017F;um, den Nazara&#x0364;er? Da &#x017F;prach er, (noch ho&#x0364;r ichs, noch &#x017F;inken</l><lb/>
              <l>Alle Gebeine mir hin!) er rief mit der Stimme des Todes</l><lb/>
              <l>Gegen die Ma&#x0364;nner: Jch bins! So &#x017F;prach die Stimme. Sie &#x017F;tu&#x0364;rzten</l><lb/>
              <l>Auf ihr Ange&#x017F;icht hin! Sie liegen todt da! Nur ich bin</l><lb/>
              <l>Jhm entronnen, damit ich die Bot&#x017F;chaft des Todes euch bra&#x0364;chte!</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="7">
              <l>Und die Prie&#x017F;ter ho&#x0364;rten den Boten die Worte des Schreckens</l><lb/>
              <l>Sagen, und &#x017F;tanden entfa&#x0364;rbt, und blieben &#x017F;tarr, wie ein Fels &#x017F;teht,</l><lb/>
              <l>Stehn. Nur Philo vermag, ununterbrochen von Schrecken,</l><lb/>
              <l>Die&#x017F;e Worte zu zu&#x0364;rnen: Du bi&#x017F;t &#x017F;ein Schu&#x0364;ler, Verwegner!</l><lb/>
              <l>Oder dich ta&#x0364;u&#x017F;chte die bildende Nacht! Geo&#x0364;fnete Gra&#x0364;ber</l><lb/>
              <l>Sandten dir Schwindel, und Todte. Die Todten &#x017F;ah&#x017F;t du! Die Ma&#x0364;nner</l><lb/>
              <l>Welche wir &#x017F;andten, die leben, und fallen vor Worten nicht nieder!</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="8">
              <l>Als er noch redte, da kam ein andrer Bote: Wir haben</l><lb/>
              <l>Viel gelitten! Wir &#x017F;ind vor ihm zur Erde ge&#x017F;unken!</l><lb/>
              <l>Denn &#x017F;ein Blick war ent&#x017F;ezlich, und Tod in des Redenden Stimme.</l><lb/>
              <l>Aber dennoch fu&#x0364;hren wir ihn gebunden. Er gab uns</l><lb/>
              <l>Selb&#x017F;t die Ha&#x0364;nde, &#x017F;ich binden zu la&#x017F;&#x017F;en. Sie fu&#x0364;hren ihn bebend,</l><lb/>
              <l>Wi&#x017F;&#x017F;en nicht, ob &#x017F;ie von neuem gebietende Worte des Schreckens</l><lb/>
              <l>Ho&#x0364;ren werden. Allein er geht mit geduldiger Stille,</l><lb/>
              <l>Und i&#x017F;t &#x017F;chon in Jeru&#x017F;alems Mauer. So &#x017F;agte der Bote.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="9">
              <l>Und der dritte kam an, und rief: Gott &#x017F;egne die Va&#x0364;ter!</l><lb/>
              <l>Aber &#x017F;o mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ie alle verderben, die wider euch auf&#x017F;tehn,</l><lb/>
              <l>Alle Feinde des Herrn, wie der Galila&#x0364;er verderben!</l><lb/>
              <l>Denn wir fu&#x0364;hren ihn her mit Banden gebunden, die Worte<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Nicht</fw><lb/></l>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[8/0030] Der Meſſias. Doch ſie erkannten ihn nicht, ſo nah er auch daſtund, und drangen Auf die Maͤnner um ihn. Da ſprach er gewaltig: Wen ſucht ihr? Unſre Maͤnner fuͤrchteten nichts, und riefen mit Grimme: Jeſum, den Nazaraͤer? Da ſprach er, (noch hoͤr ichs, noch ſinken Alle Gebeine mir hin!) er rief mit der Stimme des Todes Gegen die Maͤnner: Jch bins! So ſprach die Stimme. Sie ſtuͤrzten Auf ihr Angeſicht hin! Sie liegen todt da! Nur ich bin Jhm entronnen, damit ich die Botſchaft des Todes euch braͤchte! Und die Prieſter hoͤrten den Boten die Worte des Schreckens Sagen, und ſtanden entfaͤrbt, und blieben ſtarr, wie ein Fels ſteht, Stehn. Nur Philo vermag, ununterbrochen von Schrecken, Dieſe Worte zu zuͤrnen: Du biſt ſein Schuͤler, Verwegner! Oder dich taͤuſchte die bildende Nacht! Geoͤfnete Graͤber Sandten dir Schwindel, und Todte. Die Todten ſahſt du! Die Maͤnner Welche wir ſandten, die leben, und fallen vor Worten nicht nieder! Als er noch redte, da kam ein andrer Bote: Wir haben Viel gelitten! Wir ſind vor ihm zur Erde geſunken! Denn ſein Blick war entſezlich, und Tod in des Redenden Stimme. Aber dennoch fuͤhren wir ihn gebunden. Er gab uns Selbſt die Haͤnde, ſich binden zu laſſen. Sie fuͤhren ihn bebend, Wiſſen nicht, ob ſie von neuem gebietende Worte des Schreckens Hoͤren werden. Allein er geht mit geduldiger Stille, Und iſt ſchon in Jeruſalems Mauer. So ſagte der Bote. Und der dritte kam an, und rief: Gott ſegne die Vaͤter! Aber ſo muͤſſen ſie alle verderben, die wider euch aufſtehn, Alle Feinde des Herrn, wie der Galilaͤer verderben! Denn wir fuͤhren ihn her mit Banden gebunden, die Worte Nicht

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/30
Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/30>, abgerufen am 06.03.2021.