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Knigge, Adolph von: Ueber den Umgang mit Menschen. Bd. 2. Hannover, 1788.

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ler nennt, das ist eine andre Gattung von
Menschen. Diese haben nicht die Absicht, je¬
mand eigentlich zu hintergehn; Um sich in bes¬
serm Glanze zu zeigen; um sich bemerken zu
machen; um Andern eine so hohe Meinung von
sich beyzubringen, als sie selbst haben; um Auf¬
merksamkeit durch Erzählung wunderbarer Vor¬
fälle zu erregen; oder um für angenehme, un¬
terhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten
sie, was nie existiert hat, oder vergrößern, was
wenigstens nie also gewesen ist; und haben sie
einmal die Fertigkeit erlangt, auf Unkosten der
Wahrheit, eine Begebenheit, ein Bild, einen
Satz zu verziehren; so fangen sie zuweilen an,
ihren eigenen Windbeuteleyen zu glauben, alle
Gegenstände durch ein Vergrößerungs-Glas
anzusehn, und so in Riesengestalten, wieder zu
Papier zu bringen.

Die Erzählungen und Beschreibungen ei¬
nes solchen Aufschneiders sind zuweilen ganz lu¬
stig anzuhören, und wenn man erst mit seiner
Bildersprache bekannt ist; so weiß man schon,
was man vom Ganzen abzurechnen hat, um
den Ueberrest für baares Geld anzurechnen.

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ler nennt, das iſt eine andre Gattung von
Menſchen. Dieſe haben nicht die Abſicht, je¬
mand eigentlich zu hintergehn; Um ſich in beſ¬
ſerm Glanze zu zeigen; um ſich bemerken zu
machen; um Andern eine ſo hohe Meinung von
ſich beyzubringen, als ſie ſelbſt haben; um Auf¬
merkſamkeit durch Erzaͤhlung wunderbarer Vor¬
faͤlle zu erregen; oder um fuͤr angenehme, un¬
terhaltende Geſellſchafter zu gelten, erdichten
ſie, was nie exiſtiert hat, oder vergroͤßern, was
wenigſtens nie alſo geweſen iſt; und haben ſie
einmal die Fertigkeit erlangt, auf Unkoſten der
Wahrheit, eine Begebenheit, ein Bild, einen
Satz zu verziehren; ſo fangen ſie zuweilen an,
ihren eigenen Windbeuteleyen zu glauben, alle
Gegenſtaͤnde durch ein Vergroͤßerungs-Glas
anzuſehn, und ſo in Rieſengeſtalten, wieder zu
Papier zu bringen.

Die Erzaͤhlungen und Beſchreibungen ei¬
nes ſolchen Aufſchneiders ſind zuweilen ganz lu¬
ſtig anzuhoͤren, und wenn man erſt mit ſeiner
Bilderſprache bekannt iſt; ſo weiß man ſchon,
was man vom Ganzen abzurechnen hat, um
den Ueberreſt fuͤr baares Geld anzurechnen.

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[233/0255] ler nennt, das iſt eine andre Gattung von Menſchen. Dieſe haben nicht die Abſicht, je¬ mand eigentlich zu hintergehn; Um ſich in beſ¬ ſerm Glanze zu zeigen; um ſich bemerken zu machen; um Andern eine ſo hohe Meinung von ſich beyzubringen, als ſie ſelbſt haben; um Auf¬ merkſamkeit durch Erzaͤhlung wunderbarer Vor¬ faͤlle zu erregen; oder um fuͤr angenehme, un¬ terhaltende Geſellſchafter zu gelten, erdichten ſie, was nie exiſtiert hat, oder vergroͤßern, was wenigſtens nie alſo geweſen iſt; und haben ſie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Unkoſten der Wahrheit, eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verziehren; ſo fangen ſie zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleyen zu glauben, alle Gegenſtaͤnde durch ein Vergroͤßerungs-Glas anzuſehn, und ſo in Rieſengeſtalten, wieder zu Papier zu bringen. Die Erzaͤhlungen und Beſchreibungen ei¬ nes ſolchen Aufſchneiders ſind zuweilen ganz lu¬ ſtig anzuhoͤren, und wenn man erſt mit ſeiner Bilderſprache bekannt iſt; ſo weiß man ſchon, was man vom Ganzen abzurechnen hat, um den Ueberreſt fuͤr baares Geld anzurechnen. Geht P 5

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Zitationshilfe: Knigge, Adolph von: Ueber den Umgang mit Menschen. Bd. 2. Hannover, 1788, S. 233. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/knigge_umgang02_1788/255>, abgerufen am 28.02.2024.