Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Kotzebue, August von: Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804. Bd. 2. Berlin, 1804.

Bild:
<< vorherige Seite

eine zerhackte Unterhaltung, Peinlichkeit des Wirths,
und folglich keine Geselligkeit.

Die Mittagsgesellschaften sind noch erträglich, weil
die Tafelfreuden sie würzen, aber die abendlichen Zusam-
menkünfte, wo man kommt, geht, im halben Zirkel sitzt,
wo kein Gespräch allgemein wird, und Jeder sich ängstlich
nach Einem umsieht, dem er sagen könne, was heute
für Wetter ist; wo die Frau vom Hause, mit nicht im-
mer glücklich verhölter Verlegenheit, bald Diesen, bald
Jenen zu unterhalten strebt, indessen der Herr Gemahl
bloß dadurch als Herr vom Hause kenntlich wird, daß
er sich nicht die geringste Mühe giebt seine Langeweile
zu verbergen, und sich höchst nachläßig auf alle Sofas
streckt -- ja, solche Assembleen, denen ich auch ein paar-
mal beizuwohnen das Glück gehabt, bestättigen leider auf-
fallend die Bemerkungen jener geistreichen fremden Dame.

Eine geschmackvolle Wirthinn sucht natürlich Alles
hervor, um ihren nicht Karten spielenden Gästen einen
angenehmen Zeitvertreib zu verschaffen, und man bedient
sich dazu vorzüglich dreier Mittel, die allerdings vor-
trefflich, nur aber meistentheils schwer zu erlangen sind.
Das erste ist der Abbe Delille, der berühmte Dich-
ter, der die Gefälligkeit hat, in Häusern, wo er bekannt
ist, seine Verse herzusagen, (nicht herzulesen, denn er
ist fast ganz blind,) der Genuß des Zuhörers beschränkt
sich dabei nicht bloß auf die mancherlei Gedichte selbst,
die sein erstaunenswürdiges Gedächtniß alle auswendig
weis, und die größten Theils aus schön versifizirten neuen
Wendungen alter Gedanken bestehn; sondern man erfreut
sich auch vorzüglich der unbefangenen Kindlichkeit
des alten Mannes, die man überall, und besonders in
Paris, so selten trifft. Sehr gern erinnere ich mich ei-

eine zerhackte Unterhaltung, Peinlichkeit des Wirths,
und folglich keine Geselligkeit.

Die Mittagsgesellschaften sind noch ertraͤglich, weil
die Tafelfreuden sie wuͤrzen, aber die abendlichen Zusam-
menkuͤnfte, wo man kommt, geht, im halben Zirkel sitzt,
wo kein Gespraͤch allgemein wird, und Jeder sich aͤngstlich
nach Einem umsieht, dem er sagen koͤnne, was heute
fuͤr Wetter ist; wo die Frau vom Hause, mit nicht im-
mer gluͤcklich verhoͤlter Verlegenheit, bald Diesen, bald
Jenen zu unterhalten strebt, indessen der Herr Gemahl
bloß dadurch als Herr vom Hause kenntlich wird, daß
er sich nicht die geringste Muͤhe giebt seine Langeweile
zu verbergen, und sich hoͤchst nachlaͤßig auf alle Sofas
streckt — ja, solche Assembleen, denen ich auch ein paar-
mal beizuwohnen das Gluͤck gehabt, bestaͤttigen leider auf-
fallend die Bemerkungen jener geistreichen fremden Dame.

Eine geschmackvolle Wirthinn sucht natuͤrlich Alles
hervor, um ihren nicht Karten spielenden Gaͤsten einen
angenehmen Zeitvertreib zu verschaffen, und man bedient
sich dazu vorzuͤglich dreier Mittel, die allerdings vor-
trefflich, nur aber meistentheils schwer zu erlangen sind.
Das erste ist der Abbe Delille, der beruͤhmte Dich-
ter, der die Gefaͤlligkeit hat, in Haͤusern, wo er bekannt
ist, seine Verse herzusagen, (nicht herzulesen, denn er
ist fast ganz blind,) der Genuß des Zuhoͤrers beschraͤnkt
sich dabei nicht bloß auf die mancherlei Gedichte selbst,
die sein erstaunenswuͤrdiges Gedaͤchtniß alle auswendig
weis, und die groͤßten Theils aus schoͤn versifizirten neuen
Wendungen alter Gedanken bestehn; sondern man erfreut
sich auch vorzuͤglich der unbefangenen Kindlichkeit
des alten Mannes, die man uͤberall, und besonders in
Paris, so selten trifft. Sehr gern erinnere ich mich ei-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0037" n="37"/>
eine zerhackte Unterhaltung, Peinlichkeit des Wirths,<lb/>
und folglich keine Geselligkeit.</p><lb/>
        <p>Die Mittagsgesellschaften sind noch ertra&#x0364;glich, weil<lb/>
die Tafelfreuden sie wu&#x0364;rzen, aber die abendlichen Zusam-<lb/>
menku&#x0364;nfte, wo man kommt, geht, im halben Zirkel sitzt,<lb/>
wo kein Gespra&#x0364;ch allgemein wird, und Jeder sich a&#x0364;ngstlich<lb/>
nach Einem umsieht, dem er sagen ko&#x0364;nne, was heute<lb/>
fu&#x0364;r Wetter ist; wo die Frau vom Hause, mit nicht im-<lb/>
mer glu&#x0364;cklich verho&#x0364;lter Verlegenheit, bald Diesen, bald<lb/>
Jenen zu unterhalten strebt, indessen der Herr Gemahl<lb/>
bloß dadurch als Herr vom Hause kenntlich wird, daß<lb/>
er sich nicht die geringste Mu&#x0364;he giebt seine Langeweile<lb/>
zu verbergen, und sich ho&#x0364;chst nachla&#x0364;ßig auf alle Sofas<lb/>
streckt &#x2014; ja, solche Assembleen, denen ich auch ein paar-<lb/>
mal beizuwohnen das Glu&#x0364;ck gehabt, besta&#x0364;ttigen leider auf-<lb/>
fallend die Bemerkungen jener geistreichen fremden Dame.</p><lb/>
        <p>Eine geschmackvolle Wirthinn sucht natu&#x0364;rlich Alles<lb/>
hervor, um ihren nicht Karten spielenden Ga&#x0364;sten einen<lb/>
angenehmen Zeitvertreib zu verschaffen, und man bedient<lb/>
sich dazu vorzu&#x0364;glich dreier Mittel, die allerdings vor-<lb/>
trefflich, nur aber meistentheils schwer zu erlangen sind.<lb/>
Das <hi rendition="#g">erste</hi> ist der Abbe <hi rendition="#g">Delille,</hi> der beru&#x0364;hmte Dich-<lb/>
ter, der die Gefa&#x0364;lligkeit hat, in Ha&#x0364;usern, wo er bekannt<lb/>
ist, seine Verse herzusagen, (nicht herzulesen, denn er<lb/>
ist fast ganz blind,) der Genuß des Zuho&#x0364;rers beschra&#x0364;nkt<lb/>
sich dabei nicht bloß auf die mancherlei Gedichte selbst,<lb/>
die sein erstaunenswu&#x0364;rdiges Geda&#x0364;chtniß alle auswendig<lb/>
weis, und die gro&#x0364;ßten Theils aus scho&#x0364;n versifizirten neuen<lb/>
Wendungen alter Gedanken bestehn; sondern man erfreut<lb/>
sich auch vorzu&#x0364;glich der unbefangenen <hi rendition="#g">Kindlichkeit</hi><lb/>
des alten Mannes, die man u&#x0364;berall, und besonders in<lb/>
Paris, so selten trifft. Sehr gern erinnere ich mich ei-<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[37/0037] eine zerhackte Unterhaltung, Peinlichkeit des Wirths, und folglich keine Geselligkeit. Die Mittagsgesellschaften sind noch ertraͤglich, weil die Tafelfreuden sie wuͤrzen, aber die abendlichen Zusam- menkuͤnfte, wo man kommt, geht, im halben Zirkel sitzt, wo kein Gespraͤch allgemein wird, und Jeder sich aͤngstlich nach Einem umsieht, dem er sagen koͤnne, was heute fuͤr Wetter ist; wo die Frau vom Hause, mit nicht im- mer gluͤcklich verhoͤlter Verlegenheit, bald Diesen, bald Jenen zu unterhalten strebt, indessen der Herr Gemahl bloß dadurch als Herr vom Hause kenntlich wird, daß er sich nicht die geringste Muͤhe giebt seine Langeweile zu verbergen, und sich hoͤchst nachlaͤßig auf alle Sofas streckt — ja, solche Assembleen, denen ich auch ein paar- mal beizuwohnen das Gluͤck gehabt, bestaͤttigen leider auf- fallend die Bemerkungen jener geistreichen fremden Dame. Eine geschmackvolle Wirthinn sucht natuͤrlich Alles hervor, um ihren nicht Karten spielenden Gaͤsten einen angenehmen Zeitvertreib zu verschaffen, und man bedient sich dazu vorzuͤglich dreier Mittel, die allerdings vor- trefflich, nur aber meistentheils schwer zu erlangen sind. Das erste ist der Abbe Delille, der beruͤhmte Dich- ter, der die Gefaͤlligkeit hat, in Haͤusern, wo er bekannt ist, seine Verse herzusagen, (nicht herzulesen, denn er ist fast ganz blind,) der Genuß des Zuhoͤrers beschraͤnkt sich dabei nicht bloß auf die mancherlei Gedichte selbst, die sein erstaunenswuͤrdiges Gedaͤchtniß alle auswendig weis, und die groͤßten Theils aus schoͤn versifizirten neuen Wendungen alter Gedanken bestehn; sondern man erfreut sich auch vorzuͤglich der unbefangenen Kindlichkeit des alten Mannes, die man uͤberall, und besonders in Paris, so selten trifft. Sehr gern erinnere ich mich ei-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Die "Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804" von Au… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/kotzebue_erinnerungen02_1804
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/kotzebue_erinnerungen02_1804/37
Zitationshilfe: Kotzebue, August von: Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804. Bd. 2. Berlin, 1804, S. 37. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kotzebue_erinnerungen02_1804/37>, abgerufen am 08.08.2022.