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[La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771.

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wo unser Papa das beste Mittel, sie in
Ordnung zu bringen, anzeigen kann.
Jch bin bey der Prinzessin von W*. und
dem ganzen Adel zur Erscheinung gebracht
worden, und kenne nun den Hof und die
große Welt durch mich selbst.

Jch habe Jhnen schon gesagt, daß ich
beyde aus der Abschilderung kenne, so mir
davon gemacht worden. Lassen Sie mich
dieses Gleichniß noch weiter brauchen; es
war meinem Auge nichts fremde. Aber
denken Sie sich eine Person voll Aufmerk-
samkeit und Empfindung, die schon lange
mit einem großen Gemählde von reicher
und weitläuftiger Composition bekannt ist.
Oft hat sie es betrachtet, und über den
Plan, die Verhältnisse der Gegenstände,
und die Mischung der Farben, nachge-
dacht, alles ist ihr bekannt; aber auf ein-
mal kommt durch eine fremde Kraft das
stillruhende Gemählde, mit allem was es
enthält, in Bewegung; natürlicher Weise
erstaunt diese Person, und ihre Empfin-
dungen werden auf mancherley Art ge-
rührt. Diese erstaunte Person bin ich;

die
G 3

wo unſer Papa das beſte Mittel, ſie in
Ordnung zu bringen, anzeigen kann.
Jch bin bey der Prinzeſſin von W*. und
dem ganzen Adel zur Erſcheinung gebracht
worden, und kenne nun den Hof und die
große Welt durch mich ſelbſt.

Jch habe Jhnen ſchon geſagt, daß ich
beyde aus der Abſchilderung kenne, ſo mir
davon gemacht worden. Laſſen Sie mich
dieſes Gleichniß noch weiter brauchen; es
war meinem Auge nichts fremde. Aber
denken Sie ſich eine Perſon voll Aufmerk-
ſamkeit und Empfindung, die ſchon lange
mit einem großen Gemaͤhlde von reicher
und weitlaͤuftiger Compoſition bekannt iſt.
Oft hat ſie es betrachtet, und uͤber den
Plan, die Verhaͤltniſſe der Gegenſtaͤnde,
und die Miſchung der Farben, nachge-
dacht, alles iſt ihr bekannt; aber auf ein-
mal kommt durch eine fremde Kraft das
ſtillruhende Gemaͤhlde, mit allem was es
enthaͤlt, in Bewegung; natuͤrlicher Weiſe
erſtaunt dieſe Perſon, und ihre Empfin-
dungen werden auf mancherley Art ge-
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die
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[101/0127] wo unſer Papa das beſte Mittel, ſie in Ordnung zu bringen, anzeigen kann. Jch bin bey der Prinzeſſin von W*. und dem ganzen Adel zur Erſcheinung gebracht worden, und kenne nun den Hof und die große Welt durch mich ſelbſt. Jch habe Jhnen ſchon geſagt, daß ich beyde aus der Abſchilderung kenne, ſo mir davon gemacht worden. Laſſen Sie mich dieſes Gleichniß noch weiter brauchen; es war meinem Auge nichts fremde. Aber denken Sie ſich eine Perſon voll Aufmerk- ſamkeit und Empfindung, die ſchon lange mit einem großen Gemaͤhlde von reicher und weitlaͤuftiger Compoſition bekannt iſt. Oft hat ſie es betrachtet, und uͤber den Plan, die Verhaͤltniſſe der Gegenſtaͤnde, und die Miſchung der Farben, nachge- dacht, alles iſt ihr bekannt; aber auf ein- mal kommt durch eine fremde Kraft das ſtillruhende Gemaͤhlde, mit allem was es enthaͤlt, in Bewegung; natuͤrlicher Weiſe erſtaunt dieſe Perſon, und ihre Empfin- dungen werden auf mancherley Art ge- ruͤhrt. Dieſe erſtaunte Perſon bin ich; die G 3

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Zitationshilfe: [La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771, S. 101. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte01_1771/127>, abgerufen am 20.06.2021.