Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771.

Bild:
<< vorherige Seite

wir alle Augenblicke unsers Lebens so viel
Gutes genießen; da die ganze physicalische
Welt lauter Werke und Zeugnisse der
Wohlthätigkeit und Güte unsers Schö-
pfers in sich faßt, deren Anblick und
Kenntniß das reinste und vollkommenste,
keinem Zufall, keinem Menschen unter-
worfene Vergnügen in unsre Seele gießt.
Je mehr Geschmack ihre Kinder an der
natürlichen Geschichte unsers Erdbodens,
je mehr Kenntnisse sie von seinen Gewäch-
sen, Nutzbarkeit und Schönheit erlangen,
je sanfter werden ihre Gesinnungen, Lei-
denschaften und Begierden seyn, und um
so viel mehr wird ihr Geschmack am Edeln
und Einfachen gestärkt und befestigt wer-
den, und um so weiter entfernen sie sich
[v]on der Jdee, daß Pracht und Wollust das
größte Glück sey.

Die Geschichte der moralischen Welt
sollen ihre Kinder auch kennen; die Ver-
änderungen, welche ganze Königreiche
und erhabne Personen betroffen, werden
sie zu Betrachtungen leiten, deren Wür-
kung die Zufriedenheit mit ihren einge-

schränk-

wir alle Augenblicke unſers Lebens ſo viel
Gutes genießen; da die ganze phyſicaliſche
Welt lauter Werke und Zeugniſſe der
Wohlthaͤtigkeit und Guͤte unſers Schoͤ-
pfers in ſich faßt, deren Anblick und
Kenntniß das reinſte und vollkommenſte,
keinem Zufall, keinem Menſchen unter-
worfene Vergnuͤgen in unſre Seele gießt.
Je mehr Geſchmack ihre Kinder an der
natuͤrlichen Geſchichte unſers Erdbodens,
je mehr Kenntniſſe ſie von ſeinen Gewaͤch-
ſen, Nutzbarkeit und Schoͤnheit erlangen,
je ſanfter werden ihre Geſinnungen, Lei-
denſchaften und Begierden ſeyn, und um
ſo viel mehr wird ihr Geſchmack am Edeln
und Einfachen geſtaͤrkt und befeſtigt wer-
den, und um ſo weiter entfernen ſie ſich
[v]on der Jdee, daß Pracht und Wolluſt das
groͤßte Gluͤck ſey.

Die Geſchichte der moraliſchen Welt
ſollen ihre Kinder auch kennen; die Ver-
aͤnderungen, welche ganze Koͤnigreiche
und erhabne Perſonen betroffen, werden
ſie zu Betrachtungen leiten, deren Wuͤr-
kung die Zufriedenheit mit ihren einge-

ſchraͤnk-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0327" n="301"/>
wir alle Augenblicke un&#x017F;ers Lebens &#x017F;o viel<lb/>
Gutes genießen; da die ganze phy&#x017F;icali&#x017F;che<lb/>
Welt lauter Werke und Zeugni&#x017F;&#x017F;e der<lb/>
Wohltha&#x0364;tigkeit und Gu&#x0364;te un&#x017F;ers Scho&#x0364;-<lb/>
pfers in &#x017F;ich faßt, deren Anblick und<lb/>
Kenntniß das rein&#x017F;te und vollkommen&#x017F;te,<lb/>
keinem Zufall, keinem Men&#x017F;chen unter-<lb/>
worfene Vergnu&#x0364;gen in un&#x017F;re Seele gießt.<lb/>
Je mehr Ge&#x017F;chmack ihre Kinder an der<lb/>
natu&#x0364;rlichen Ge&#x017F;chichte un&#x017F;ers Erdbodens,<lb/>
je mehr Kenntni&#x017F;&#x017F;e &#x017F;ie von &#x017F;einen Gewa&#x0364;ch-<lb/>
&#x017F;en, Nutzbarkeit und Scho&#x0364;nheit erlangen,<lb/>
je &#x017F;anfter werden ihre Ge&#x017F;innungen, Lei-<lb/>
den&#x017F;chaften und Begierden &#x017F;eyn, und um<lb/>
&#x017F;o viel mehr wird ihr Ge&#x017F;chmack am Edeln<lb/>
und Einfachen ge&#x017F;ta&#x0364;rkt und befe&#x017F;tigt wer-<lb/>
den, und um &#x017F;o weiter entfernen &#x017F;ie &#x017F;ich<lb/><supplied>v</supplied>on der Jdee, daß Pracht und Wollu&#x017F;t das<lb/>
gro&#x0364;ßte Glu&#x0364;ck &#x017F;ey.</p><lb/>
          <p>Die Ge&#x017F;chichte der morali&#x017F;chen Welt<lb/>
&#x017F;ollen ihre Kinder auch kennen; die Ver-<lb/>
a&#x0364;nderungen, welche ganze Ko&#x0364;nigreiche<lb/>
und erhabne Per&#x017F;onen betroffen, werden<lb/>
&#x017F;ie zu Betrachtungen leiten, deren Wu&#x0364;r-<lb/>
kung die Zufriedenheit mit ihren einge-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x017F;chra&#x0364;nk-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[301/0327] wir alle Augenblicke unſers Lebens ſo viel Gutes genießen; da die ganze phyſicaliſche Welt lauter Werke und Zeugniſſe der Wohlthaͤtigkeit und Guͤte unſers Schoͤ- pfers in ſich faßt, deren Anblick und Kenntniß das reinſte und vollkommenſte, keinem Zufall, keinem Menſchen unter- worfene Vergnuͤgen in unſre Seele gießt. Je mehr Geſchmack ihre Kinder an der natuͤrlichen Geſchichte unſers Erdbodens, je mehr Kenntniſſe ſie von ſeinen Gewaͤch- ſen, Nutzbarkeit und Schoͤnheit erlangen, je ſanfter werden ihre Geſinnungen, Lei- denſchaften und Begierden ſeyn, und um ſo viel mehr wird ihr Geſchmack am Edeln und Einfachen geſtaͤrkt und befeſtigt wer- den, und um ſo weiter entfernen ſie ſich von der Jdee, daß Pracht und Wolluſt das groͤßte Gluͤck ſey. Die Geſchichte der moraliſchen Welt ſollen ihre Kinder auch kennen; die Ver- aͤnderungen, welche ganze Koͤnigreiche und erhabne Perſonen betroffen, werden ſie zu Betrachtungen leiten, deren Wuͤr- kung die Zufriedenheit mit ihren einge- ſchraͤnk-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte01_1771
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte01_1771/327
Zitationshilfe: [La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771, S. 301. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte01_1771/327>, abgerufen am 17.04.2024.