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Laube, Heinrich: Das junge Europa. Bd. 1, 1. Leipzig, 1833.

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sein sollen. Meine Schwester, das gute Ding, schickt
mir unter der Hand einiges Papiergeld -- wenn ich
nur gutes Wasser habe, so lasse ich alles Bier stehen
und trinke Wein. Ich werde ein Dutzend fade Lust¬
spiele schreiben -- wofür bin ich fade und lustig? und
darüber setzen "aus dem Französischen des X. Y. Z." --
Nur eine ausländische Firma hat Credit und wird auch
den Vater vergessen lehren. Töpfer macht es freilich
umgekehrt, er übersetzt ein Lustspiel von Planche aus
dem Englischen und schreibt ausdrücklich "Originallust¬
spiel von Töpfer." --

Es freut mich immer, wenn ich irgend einem Men¬
schen begegne: Du schriebst mir neulich "man weiß noch
zu wenig" und dieses Bewußtsein des Nichtwissens er¬
füllt mich jetzt ganz und gar. Hast Du Börne's Schrif¬
ten noch nicht gelesen, so rathe ich Dir, sie schleunigst
vorzunehmen: das ist ein capitaler Kerl.

Gestern hab' ich drei Festspiele geschrieben, weil
ich heute essen wollte. Morgen werde ich eine Novelle
schreiben in biblischem Style "Wie der ungerathne Sohn
nach Berlin reis't und sich betrügen läßt." Weil ich
jetzt ediren will, lobe ich des alten Claudius Alphabet:

V. Vor Kritikastern hüte Dich,

ſein ſollen. Meine Schweſter, das gute Ding, ſchickt
mir unter der Hand einiges Papiergeld — wenn ich
nur gutes Waſſer habe, ſo laſſe ich alles Bier ſtehen
und trinke Wein. Ich werde ein Dutzend fade Luſt¬
ſpiele ſchreiben — wofür bin ich fade und luſtig? und
darüber ſetzen „aus dem Franzöſiſchen des X. Y. Z.“ —
Nur eine ausländiſche Firma hat Credit und wird auch
den Vater vergeſſen lehren. Töpfer macht es freilich
umgekehrt, er überſetzt ein Luſtſpiel von Planché aus
dem Engliſchen und ſchreibt ausdrücklich „Originalluſt¬
ſpiel von Töpfer.“ —

Es freut mich immer, wenn ich irgend einem Men¬
ſchen begegne: Du ſchriebſt mir neulich „man weiß noch
zu wenig“ und dieſes Bewußtſein des Nichtwiſſens er¬
füllt mich jetzt ganz und gar. Haſt Du Börne's Schrif¬
ten noch nicht geleſen, ſo rathe ich Dir, ſie ſchleunigſt
vorzunehmen: das iſt ein capitaler Kerl.

Geſtern hab' ich drei Feſtſpiele geſchrieben, weil
ich heute eſſen wollte. Morgen werde ich eine Novelle
ſchreiben in bibliſchem Style „Wie der ungerathne Sohn
nach Berlin reiſ't und ſich betrügen läßt.“ Weil ich
jetzt ediren will, lobe ich des alten Claudius Alphabet:

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[72/0082] ſein ſollen. Meine Schweſter, das gute Ding, ſchickt mir unter der Hand einiges Papiergeld — wenn ich nur gutes Waſſer habe, ſo laſſe ich alles Bier ſtehen und trinke Wein. Ich werde ein Dutzend fade Luſt¬ ſpiele ſchreiben — wofür bin ich fade und luſtig? und darüber ſetzen „aus dem Franzöſiſchen des X. Y. Z.“ — Nur eine ausländiſche Firma hat Credit und wird auch den Vater vergeſſen lehren. Töpfer macht es freilich umgekehrt, er überſetzt ein Luſtſpiel von Planché aus dem Engliſchen und ſchreibt ausdrücklich „Originalluſt¬ ſpiel von Töpfer.“ — Es freut mich immer, wenn ich irgend einem Men¬ ſchen begegne: Du ſchriebſt mir neulich „man weiß noch zu wenig“ und dieſes Bewußtſein des Nichtwiſſens er¬ füllt mich jetzt ganz und gar. Haſt Du Börne's Schrif¬ ten noch nicht geleſen, ſo rathe ich Dir, ſie ſchleunigſt vorzunehmen: das iſt ein capitaler Kerl. Geſtern hab' ich drei Feſtſpiele geſchrieben, weil ich heute eſſen wollte. Morgen werde ich eine Novelle ſchreiben in bibliſchem Style „Wie der ungerathne Sohn nach Berlin reiſ't und ſich betrügen läßt.“ Weil ich jetzt ediren will, lobe ich des alten Claudius Alphabet: V. Vor Kritikaſtern hüte Dich,

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Zitationshilfe: Laube, Heinrich: Das junge Europa. Bd. 1, 1. Leipzig, 1833, S. 72. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laube_europa0101_1833/82>, abgerufen am 17.04.2024.