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Laukhard, Friedrich Christian: F. C. Laukhards Leben und Schicksale. Bd. 2. Halle, 1792.

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war, als Schuhknecht, so räsonnirte er gar nicht
übel. Ich will lieber einem gereiseten Schuhknecht,
der kein Dummkopf ist, zuhören, als manchem Pro-
fessor, der die Dogmatik herbetet. Locke ward erst
durch den Umgang mit dieser Art Leuten praktisch,
oder das, was Baco von Verulam an den
Gelehrten foderte. Kurz, Meister Bornmeister zog
mich an sich, und da kam es einst so weit, daß wir
beide im Kopf warm wurden. Endlich, es mochte
wohl neun Uhr seyn, sagte Bornmeister: "Hör',
was sitzen wir da hier bei dem elenden Brantewein?
komm, wir wollen wo sonst hinwandern!" Ich ging
gern mit: denn wohin folgte ich nicht gern, wenn
mich ein Trinkbruder einlud? Und Ehrgefühl, --
du lieber Gott! Gießen und Ehrgefühl, -- über-
haupt Universität und Delikatesse! -- Freund Bor-
meister führte mich also in die Halle, wo damals ein
berüchtigter, jetzt aber ausgestorbener Pufkeller war:
wir traten hinein, und blieben da bis gegen Mitter-
nacht; dann verliessen wir diesen Ort der schmutzigen
Freude, und wanderten oder stolperten vielmehr auf
die Bruno's-Warte -- Braune Schwarte in Halle
genannt -- wo gleichfalls ein solches berüchtigtes
Haus anzutreffen war. Ich fand einige Studenten y)

y) Damals nämlich! heut zu Tage sind die Herren in
Halle delikater. Ich bitte, meine Zeitpunkte genau

war, als Schuhknecht, ſo raͤſonnirte er gar nicht
uͤbel. Ich will lieber einem gereiſeten Schuhknecht,
der kein Dummkopf iſt, zuhoͤren, als manchem Pro-
feſſor, der die Dogmatik herbetet. Locke ward erſt
durch den Umgang mit dieſer Art Leuten praktiſch,
oder das, was Baco von Verulam an den
Gelehrten foderte. Kurz, Meiſter Bornmeiſter zog
mich an ſich, und da kam es einſt ſo weit, daß wir
beide im Kopf warm wurden. Endlich, es mochte
wohl neun Uhr ſeyn, ſagte Bornmeiſter: „Hoͤr',
was ſitzen wir da hier bei dem elenden Brantewein?
komm, wir wollen wo ſonſt hinwandern!“ Ich ging
gern mit: denn wohin folgte ich nicht gern, wenn
mich ein Trinkbruder einlud? Und Ehrgefuͤhl, —
du lieber Gott! Gießen und Ehrgefuͤhl, — uͤber-
haupt Univerſitaͤt und Delikateſſe! — Freund Bor-
meiſter fuͤhrte mich alſo in die Halle, wo damals ein
beruͤchtigter, jetzt aber ausgeſtorbener Pufkeller war:
wir traten hinein, und blieben da bis gegen Mitter-
nacht; dann verlieſſen wir dieſen Ort der ſchmutzigen
Freude, und wanderten oder ſtolperten vielmehr auf
die Bruno's-Warte — Braune Schwarte in Halle
genannt — wo gleichfalls ein ſolches beruͤchtigtes
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[264[274]/0276] war, als Schuhknecht, ſo raͤſonnirte er gar nicht uͤbel. Ich will lieber einem gereiſeten Schuhknecht, der kein Dummkopf iſt, zuhoͤren, als manchem Pro- feſſor, der die Dogmatik herbetet. Locke ward erſt durch den Umgang mit dieſer Art Leuten praktiſch, oder das, was Baco von Verulam an den Gelehrten foderte. Kurz, Meiſter Bornmeiſter zog mich an ſich, und da kam es einſt ſo weit, daß wir beide im Kopf warm wurden. Endlich, es mochte wohl neun Uhr ſeyn, ſagte Bornmeiſter: „Hoͤr', was ſitzen wir da hier bei dem elenden Brantewein? komm, wir wollen wo ſonſt hinwandern!“ Ich ging gern mit: denn wohin folgte ich nicht gern, wenn mich ein Trinkbruder einlud? Und Ehrgefuͤhl, — du lieber Gott! Gießen und Ehrgefuͤhl, — uͤber- haupt Univerſitaͤt und Delikateſſe! — Freund Bor- meiſter fuͤhrte mich alſo in die Halle, wo damals ein beruͤchtigter, jetzt aber ausgeſtorbener Pufkeller war: wir traten hinein, und blieben da bis gegen Mitter- nacht; dann verlieſſen wir dieſen Ort der ſchmutzigen Freude, und wanderten oder ſtolperten vielmehr auf die Bruno's-Warte — Braune Schwarte in Halle genannt — wo gleichfalls ein ſolches beruͤchtigtes Haus anzutreffen war. Ich fand einige Studenten y) y) Damals naͤmlich! heut zu Tage ſind die Herren in Halle delikater. Ich bitte, meine Zeitpunkte genau

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Zitationshilfe: Laukhard, Friedrich Christian: F. C. Laukhards Leben und Schicksale. Bd. 2. Halle, 1792, S. 264[274]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laukhard_leben02_1792/276>, abgerufen am 28.02.2024.