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Laukhard, Friedrich Christian: F. C. Laukhards Leben und Schicksale. Bd. 4,1. Leipzig, 1797.

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und zu meiner Zeit hatten die Jakobiner einen starken
Klub darin, welcher alles, was von der ehemaligen
Tyranney der Päpste übrig war, zerstöhrt hatte.

Ich habe mich in dieser Stadt besonders umge-
sehen, weil sie viel Interesse für mich hatte, da ich
mich an die alte hier ausgeübte Hierarchie so recht
lebhaft erinnern konnte. Denn hier hat Clemens V
die Schätze, die er den Tempelherren genommen hatte,
auf dem Schlosse angehäuft. In Avignon stiftete
Johann XXII die römische Dataria, die An-
naten, Reservationen, Provisionen und anderes
Teufelswerk, welches ihm 25 Millionen Gulden,
eine für jene Geldarme Zeit unermeßliche Summe,
einbrachte. In Avignon sprach Clemens VI den
Bannfluch über den tapfern Kaiser, Ludwig den
Baier
, die Päpste zu Avignon sind alle in der
Geschichte merkwürdig. Clemens V, Johann
XXII, Benedict XII, Clemens
VI, Innocenz
VI, Urbanus V und Gregorius XI haben von
hier aus die Christenheit, welche besonders im 14ten
Jahrhundert so tief gesunken war, als sie beynahe
sinken konnte, gewaltig tyrannisirt; ja, einige von
ihnen haben sogar die Menschheit durch ihre großen
Laster entehrt. Petrarca lebte damals, und schil-
derte den päpstlichen Hof zu Avignon als eine Schule
der Laster, einen Mittelpunkt der Irreligiosität,
des Atheismus, und des Aberglaubens. -- Das

und zu meiner Zeit hatten die Jakobiner einen ſtarken
Klub darin, welcher alles, was von der ehemaligen
Tyranney der Paͤpſte uͤbrig war, zerſtoͤhrt hatte.

Ich habe mich in dieſer Stadt beſonders umge-
ſehen, weil ſie viel Intereſſe fuͤr mich hatte, da ich
mich an die alte hier ausgeuͤbte Hierarchie ſo recht
lebhaft erinnern konnte. Denn hier hat Clemens V
die Schaͤtze, die er den Tempelherren genommen hatte,
auf dem Schloſſe angehaͤuft. In Avignon ſtiftete
Johann XXII die roͤmiſche Dataria, die An-
naten, Reſervationen, Proviſionen und anderes
Teufelswerk, welches ihm 25 Millionen Gulden,
eine fuͤr jene Geldarme Zeit unermeßliche Summe,
einbrachte. In Avignon ſprach Clemens VI den
Bannfluch uͤber den tapfern Kaiſer, Ludwig den
Baier
, die Paͤpſte zu Avignon ſind alle in der
Geſchichte merkwuͤrdig. Clemens V, Johann
XXII, Benedict XII, Clemens
VI, Innocenz
VI, Urbanus V und Gregorius XI haben von
hier aus die Chriſtenheit, welche beſonders im 14ten
Jahrhundert ſo tief geſunken war, als ſie beynahe
ſinken konnte, gewaltig tyranniſirt; ja, einige von
ihnen haben ſogar die Menſchheit durch ihre großen
Laſter entehrt. Petrarca lebte damals, und ſchil-
derte den paͤpſtlichen Hof zu Avignon als eine Schule
der Laſter, einen Mittelpunkt der Irreligioſitaͤt,
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[395/0399] und zu meiner Zeit hatten die Jakobiner einen ſtarken Klub darin, welcher alles, was von der ehemaligen Tyranney der Paͤpſte uͤbrig war, zerſtoͤhrt hatte. Ich habe mich in dieſer Stadt beſonders umge- ſehen, weil ſie viel Intereſſe fuͤr mich hatte, da ich mich an die alte hier ausgeuͤbte Hierarchie ſo recht lebhaft erinnern konnte. Denn hier hat Clemens V die Schaͤtze, die er den Tempelherren genommen hatte, auf dem Schloſſe angehaͤuft. In Avignon ſtiftete Johann XXII die roͤmiſche Dataria, die An- naten, Reſervationen, Proviſionen und anderes Teufelswerk, welches ihm 25 Millionen Gulden, eine fuͤr jene Geldarme Zeit unermeßliche Summe, einbrachte. In Avignon ſprach Clemens VI den Bannfluch uͤber den tapfern Kaiſer, Ludwig den Baier, die Paͤpſte zu Avignon ſind alle in der Geſchichte merkwuͤrdig. Clemens V, Johann XXII, Benedict XII, Clemens VI, Innocenz VI, Urbanus V und Gregorius XI haben von hier aus die Chriſtenheit, welche beſonders im 14ten Jahrhundert ſo tief geſunken war, als ſie beynahe ſinken konnte, gewaltig tyranniſirt; ja, einige von ihnen haben ſogar die Menſchheit durch ihre großen Laſter entehrt. Petrarca lebte damals, und ſchil- derte den paͤpſtlichen Hof zu Avignon als eine Schule der Laſter, einen Mittelpunkt der Irreligioſitaͤt, des Atheismus, und des Aberglaubens. — Das

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Zitationshilfe: Laukhard, Friedrich Christian: F. C. Laukhards Leben und Schicksale. Bd. 4,1. Leipzig, 1797, S. 395. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laukhard_leben0401_1797/399>, abgerufen am 22.02.2024.