Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 1. Stuttgart, 1832.

Bild:
<< vorherige Seite

Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Stra-
ßen der Residenzstadt. Der ältliche Baron Jaßfeld
machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch bei dem
Maler Tillsen, und nach seinen eilfertigen Schritten
zu urtheilen, führte ihn dießmal ein ganz besonderes
Anliegen zu ihm. Er traf den Maler, wie gewöhnlich
nach Tische, mit seiner jungen Frau in dem kleinen,
ebenso geschmackvollen als einfachen Saale, dessen an-
tike Dekoration sich gar harmonisch mit den gewöhn-
lichen Gegenständen des Gebrauchs und der Mode aus-
nahm. Man sprach zuerst in heiterm Tone über ver-
schiedene Dinge, bis die Frau sich in Angelegenheiten
der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein
ließ.

Der Baron saß bequemlich mit übereinanderge-
schlagenen Beinen im weichen Fauteil, und indeß die
Wange in der rechten Hand ruhte, schien er während der
eingetretenen Pause den Maler in freundlichem Nachsin-
nen mit der neuen Ansicht zu vergleichen, die sich ihm
seit gestern über dessen Werke aufgedrungen. "Mein
Lieber!" fing er jetzt an, "daß ich Ihnen nur sage, war-


Ein heiterer Juniusnachmittag beſonnte die Stra-
ßen der Reſidenzſtadt. Der ältliche Baron Jaßfeld
machte nach längerer Zeit wieder einen Beſuch bei dem
Maler Tillſen, und nach ſeinen eilfertigen Schritten
zu urtheilen, führte ihn dießmal ein ganz beſonderes
Anliegen zu ihm. Er traf den Maler, wie gewöhnlich
nach Tiſche, mit ſeiner jungen Frau in dem kleinen,
ebenſo geſchmackvollen als einfachen Saale, deſſen an-
tike Dekoration ſich gar harmoniſch mit den gewöhn-
lichen Gegenſtänden des Gebrauchs und der Mode aus-
nahm. Man ſprach zuerſt in heiterm Tone über ver-
ſchiedene Dinge, bis die Frau ſich in Angelegenheiten
der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein
ließ.

Der Baron ſaß bequemlich mit übereinanderge-
ſchlagenen Beinen im weichen Fauteil, und indeß die
Wange in der rechten Hand ruhte, ſchien er während der
eingetretenen Pauſe den Maler in freundlichem Nachſin-
nen mit der neuen Anſicht zu vergleichen, die ſich ihm
ſeit geſtern über deſſen Werke aufgedrungen. „Mein
Lieber!“ fing er jetzt an, „daß ich Ihnen nur ſage, war-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0011" n="[3]"/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head/>
          <p><hi rendition="#in">E</hi>in heiterer Juniusnachmittag be&#x017F;onnte die Stra-<lb/>
ßen der Re&#x017F;idenz&#x017F;tadt. Der ältliche Baron <hi rendition="#g">Jaßfeld</hi><lb/>
machte nach längerer Zeit wieder einen Be&#x017F;uch bei dem<lb/>
Maler <hi rendition="#g">Till&#x017F;en</hi>, und nach &#x017F;einen eilfertigen Schritten<lb/>
zu urtheilen, führte ihn dießmal ein ganz be&#x017F;onderes<lb/>
Anliegen zu ihm. Er traf den Maler, wie gewöhnlich<lb/>
nach Ti&#x017F;che, mit &#x017F;einer jungen Frau in dem kleinen,<lb/>
eben&#x017F;o ge&#x017F;chmackvollen als einfachen Saale, de&#x017F;&#x017F;en an-<lb/>
tike Dekoration &#x017F;ich gar harmoni&#x017F;ch mit den gewöhn-<lb/>
lichen Gegen&#x017F;tänden des Gebrauchs und der Mode aus-<lb/>
nahm. Man &#x017F;prach zuer&#x017F;t in heiterm Tone über ver-<lb/>
&#x017F;chiedene Dinge, bis die Frau &#x017F;ich in Angelegenheiten<lb/>
der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein<lb/>
ließ.</p><lb/>
          <p>Der Baron &#x017F;aß bequemlich mit übereinanderge-<lb/>
&#x017F;chlagenen Beinen im weichen Fauteil, und indeß die<lb/>
Wange in der rechten Hand ruhte, &#x017F;chien er während der<lb/>
eingetretenen Pau&#x017F;e den Maler in freundlichem Nach&#x017F;in-<lb/>
nen mit der neuen An&#x017F;icht zu vergleichen, die &#x017F;ich ihm<lb/>
&#x017F;eit ge&#x017F;tern über de&#x017F;&#x017F;en Werke aufgedrungen. &#x201E;Mein<lb/>
Lieber!&#x201C; fing er jetzt an, &#x201E;daß ich Ihnen nur &#x017F;age, war-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[3]/0011] Ein heiterer Juniusnachmittag beſonnte die Stra- ßen der Reſidenzſtadt. Der ältliche Baron Jaßfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Beſuch bei dem Maler Tillſen, und nach ſeinen eilfertigen Schritten zu urtheilen, führte ihn dießmal ein ganz beſonderes Anliegen zu ihm. Er traf den Maler, wie gewöhnlich nach Tiſche, mit ſeiner jungen Frau in dem kleinen, ebenſo geſchmackvollen als einfachen Saale, deſſen an- tike Dekoration ſich gar harmoniſch mit den gewöhn- lichen Gegenſtänden des Gebrauchs und der Mode aus- nahm. Man ſprach zuerſt in heiterm Tone über ver- ſchiedene Dinge, bis die Frau ſich in Angelegenheiten der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein ließ. Der Baron ſaß bequemlich mit übereinanderge- ſchlagenen Beinen im weichen Fauteil, und indeß die Wange in der rechten Hand ruhte, ſchien er während der eingetretenen Pauſe den Maler in freundlichem Nachſin- nen mit der neuen Anſicht zu vergleichen, die ſich ihm ſeit geſtern über deſſen Werke aufgedrungen. „Mein Lieber!“ fing er jetzt an, „daß ich Ihnen nur ſage, war-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten01_1832
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten01_1832/11
Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 1. Stuttgart, 1832, S. [3]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten01_1832/11>, abgerufen am 09.08.2022.