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Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 1. Stuttgart, 1832.

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Die Feenkinder
(im Zwiegespräch).
Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht spät
Mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
Ach nein!
So sage, was mag es wohl seyn?

Das was du da siehest ist Todtengeleit,
Und was du da hörest sind Klagen;
Gewiß einem Könige gilt es zu Leid,
Doch Geister nur sind's, die ihn tragen.
Ach wohl!
Sie singen so traurig und hohl.

Sie schweben hernieder in's Mummelseethal,
Sie haben den See schon betreten,
Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal,
Sie schwirren in leisen Gebeten;
O schau!
Am Sarge die glänzende Frau!

Nun öffnet der See das grünspiegelnde Thor,
Gib Acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor
Und -- drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glüh'n!
Sie spielen in grünendem Feuer,
Es geisten die Nebel am Ufer dahin,
Zum Meere verzieht sich der Weiher.
Nur still,
Ob dort sich nichts rühren will? --

Die Feenkinder
(im Zwiegeſpräch).
Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht ſpät
Mit Fackeln ſo prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feſte noch geht?
Mir klingen die Lieder ſo munter.
Ach nein!
So ſage, was mag es wohl ſeyn?

Das was du da ſieheſt iſt Todtengeleit,
Und was du da höreſt ſind Klagen;
Gewiß einem Könige gilt es zu Leid,
Doch Geiſter nur ſind’s, die ihn tragen.
Ach wohl!
Sie ſingen ſo traurig und hohl.

Sie ſchweben hernieder in’s Mummelſeethal,
Sie haben den See ſchon betreten,
Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal,
Sie ſchwirren in leiſen Gebeten;
O ſchau!
Am Sarge die glänzende Frau!

Nun öffnet der See das grünſpiegelnde Thor,
Gib Acht, nun tauchen ſie nieder!
Es ſchwankt eine lebende Treppe hervor
Und — drunten ſchon ſummen die Lieder.
Hörſt du?
Sie ſingen ihn unten zur Ruh.

Die Waſſer, wie lieblich ſie brennen und glüh’n!
Sie ſpielen in grünendem Feuer,
Es geiſten die Nebel am Ufer dahin,
Zum Meere verzieht ſich der Weiher.
Nur ſtill,
Ob dort ſich nichts rühren will? —

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[190/0198] Die Feenkinder (im Zwiegeſpräch). Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht ſpät Mit Fackeln ſo prächtig herunter? Ob das wohl zum Tanze, zum Feſte noch geht? Mir klingen die Lieder ſo munter. Ach nein! So ſage, was mag es wohl ſeyn? Das was du da ſieheſt iſt Todtengeleit, Und was du da höreſt ſind Klagen; Gewiß einem Könige gilt es zu Leid, Doch Geiſter nur ſind’s, die ihn tragen. Ach wohl! Sie ſingen ſo traurig und hohl. Sie ſchweben hernieder in’s Mummelſeethal, Sie haben den See ſchon betreten, Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal, Sie ſchwirren in leiſen Gebeten; O ſchau! Am Sarge die glänzende Frau! Nun öffnet der See das grünſpiegelnde Thor, Gib Acht, nun tauchen ſie nieder! Es ſchwankt eine lebende Treppe hervor Und — drunten ſchon ſummen die Lieder. Hörſt du? Sie ſingen ihn unten zur Ruh. Die Waſſer, wie lieblich ſie brennen und glüh’n! Sie ſpielen in grünendem Feuer, Es geiſten die Nebel am Ufer dahin, Zum Meere verzieht ſich der Weiher. Nur ſtill, Ob dort ſich nichts rühren will? —

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 1. Stuttgart, 1832, S. 190. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten01_1832/198>, abgerufen am 22.02.2024.