Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 1. Breslau, 1824.

Bild:
<< vorherige Seite

treffend bezeichnete das Orakel die Grundsätze, welche
damals Argos befolgen mußte 1:

Feind umwohnender Völker, doch Freund der unsterblichen Götter,
Ziehe die Waffe zurück, und sinne nur stets dich zu wahren,
Schirme das Haupt insonders; das Haupt wird retten die Glieder.

Zugleich aber wurde durch diese Umstände eine völlige
Umwälzung der Verfassung herbeigeführt, und Argos
verlor überhaupt allgemach den eigentlich Dorischen
Charakter, wie wir unten sehen werden.

Die andern Thaten des Kleomenes, von denen
wir wissen, beziehen sich auf die politischen Umwälzun-
gen Athens, und können nur in der Attischen Staatsge-
schichte im Zusammenhange dargestellt werden, oder auf
die Begebnisse Aegina's, die wir anderswo erzählt haben.

8.

Auffallend ist es, daß in dieser ganzen Zeit, in
welcher Sparta sein Principat gründet, von keinem
ernsthaften Kampfe zwischen Doriern und Joniern die
Rede ist. Denn wenn auch die Gränzvölker, Megara
und Aegina, dies seit seinem Abfall von Epidauros,
fortgesetzte Kriege mit Athen führten: so nahm sich
doch deren nichtsweniger als der ganze Stamm an,
und Sparta selbst gab einen unpartheiischen Richter
zwischen Athen und Megara ab. Schon vor Solons
Zeit kämpften Athener und Megarer im Gebiet von
Eleusis 2. Besonders drehte sich der Krieg um Sa-
lamis, das Solon durch die bekannte Kriegslist gewon-
nen haben soll 3, welche Geschichte indeß Daimachos
von Platää läugnete 4. Nach Megarischer Erzählung

1 Her. 7, 148.
2 Herod. 1, 30., wo die astugeito-
nes die Megarer, nicht die Eleusinier sind, wie Lobeck Progr.
de bello Eleusinio
versteht.
3 Paus. 1, 40. 45. Str. 9,
271. Herod. L. Homers 23. Polyän Strateg. 1, 20, 1. 2. Diog.
L. 1. 48. Quinctil. 5, 11.
4 Plut. Compar. Solon. et
Publ.
4.

treffend bezeichnete das Orakel die Grundſaͤtze, welche
damals Argos befolgen mußte 1:

Feind umwohnender Voͤlker, doch Freund der unſterblichen Goͤtter,
Ziehe die Waffe zuruͤck, und ſinne nur ſtets dich zu wahren,
Schirme das Haupt inſonders; das Haupt wird retten die Glieder.

Zugleich aber wurde durch dieſe Umſtaͤnde eine voͤllige
Umwaͤlzung der Verfaſſung herbeigefuͤhrt, und Argos
verlor uͤberhaupt allgemach den eigentlich Doriſchen
Charakter, wie wir unten ſehen werden.

Die andern Thaten des Kleomenes, von denen
wir wiſſen, beziehen ſich auf die politiſchen Umwaͤlzun-
gen Athens, und koͤnnen nur in der Attiſchen Staatsge-
ſchichte im Zuſammenhange dargeſtellt werden, oder auf
die Begebniſſe Aegina’s, die wir anderswo erzaͤhlt haben.

8.

Auffallend iſt es, daß in dieſer ganzen Zeit, in
welcher Sparta ſein Principat gruͤndet, von keinem
ernſthaften Kampfe zwiſchen Doriern und Joniern die
Rede iſt. Denn wenn auch die Graͤnzvoͤlker, Megara
und Aegina, dies ſeit ſeinem Abfall von Epidauros,
fortgeſetzte Kriege mit Athen fuͤhrten: ſo nahm ſich
doch deren nichtsweniger als der ganze Stamm an,
und Sparta ſelbſt gab einen unpartheiiſchen Richter
zwiſchen Athen und Megara ab. Schon vor Solons
Zeit kaͤmpften Athener und Megarer im Gebiet von
Eleuſis 2. Beſonders drehte ſich der Krieg um Sa-
lamis, das Solon durch die bekannte Kriegsliſt gewon-
nen haben ſoll 3, welche Geſchichte indeß Daimachos
von Plataͤaͤ laͤugnete 4. Nach Megariſcher Erzaͤhlung

1 Her. 7, 148.
2 Herod. 1, 30., wo die ἀστυγείτο-
νες die Megarer, nicht die Eleuſinier ſind, wie Lobeck Progr.
de bello Eleusinio
verſteht.
3 Pauſ. 1, 40. 45. Str. 9,
271. Herod. L. Homers 23. Polyaͤn Strateg. 1, 20, 1. 2. Diog.
L. 1. 48. Quinctil. 5, 11.
4 Plut. Compar. Solon. et
Publ.
4.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0206" n="176"/>
treffend bezeichnete das Orakel die Grund&#x017F;a&#x0364;tze, welche<lb/>
damals Argos befolgen mußte <note place="foot" n="1">Her. 7, 148.</note>:</p><lb/>
            <lg type="poem">
              <l>Feind umwohnender Vo&#x0364;lker, doch Freund der un&#x017F;terblichen Go&#x0364;tter,</l><lb/>
              <l>Ziehe die Waffe zuru&#x0364;ck, und &#x017F;inne nur &#x017F;tets dich zu wahren,</l><lb/>
              <l>Schirme das Haupt in&#x017F;onders; das Haupt wird retten die Glieder.</l>
            </lg><lb/>
            <p>Zugleich aber wurde durch die&#x017F;e Um&#x017F;ta&#x0364;nde eine vo&#x0364;llige<lb/>
Umwa&#x0364;lzung der Verfa&#x017F;&#x017F;ung herbeigefu&#x0364;hrt, und Argos<lb/>
verlor u&#x0364;berhaupt allgemach den eigentlich Dori&#x017F;chen<lb/>
Charakter, wie wir unten &#x017F;ehen werden.</p><lb/>
            <p>Die andern Thaten des Kleomenes, von denen<lb/>
wir wi&#x017F;&#x017F;en, beziehen &#x017F;ich auf die politi&#x017F;chen Umwa&#x0364;lzun-<lb/>
gen Athens, und ko&#x0364;nnen nur in der Atti&#x017F;chen Staatsge-<lb/>
&#x017F;chichte im Zu&#x017F;ammenhange darge&#x017F;tellt werden, oder auf<lb/>
die Begebni&#x017F;&#x017F;e Aegina&#x2019;s, die wir anderswo erza&#x0364;hlt haben.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>8.</head><lb/>
            <p>Auffallend i&#x017F;t es, daß in die&#x017F;er ganzen Zeit, in<lb/>
welcher Sparta &#x017F;ein Principat gru&#x0364;ndet, von keinem<lb/>
ern&#x017F;thaften Kampfe zwi&#x017F;chen Doriern und Joniern die<lb/>
Rede i&#x017F;t. Denn wenn auch die Gra&#x0364;nzvo&#x0364;lker, Megara<lb/>
und Aegina, dies &#x017F;eit &#x017F;einem Abfall von Epidauros,<lb/>
fortge&#x017F;etzte Kriege mit Athen fu&#x0364;hrten: &#x017F;o nahm &#x017F;ich<lb/>
doch deren nichtsweniger als der ganze Stamm an,<lb/>
und Sparta &#x017F;elb&#x017F;t gab einen unpartheii&#x017F;chen Richter<lb/>
zwi&#x017F;chen Athen und Megara ab. Schon vor Solons<lb/>
Zeit ka&#x0364;mpften Athener und Megarer im Gebiet von<lb/>
Eleu&#x017F;is <note place="foot" n="2">Herod. 1, 30., wo die &#x1F00;&#x03C3;&#x03C4;&#x03C5;&#x03B3;&#x03B5;&#x03AF;&#x03C4;&#x03BF;-<lb/>
&#x03BD;&#x03B5;&#x03C2; die Megarer, <hi rendition="#g">nicht</hi> die Eleu&#x017F;inier &#x017F;ind, wie Lobeck <hi rendition="#aq">Progr.<lb/>
de bello Eleusinio</hi> ver&#x017F;teht.</note>. Be&#x017F;onders drehte &#x017F;ich der Krieg um Sa-<lb/>
lamis, das Solon durch die bekannte Kriegsli&#x017F;t gewon-<lb/>
nen haben &#x017F;oll <note place="foot" n="3">Pau&#x017F;. 1, 40. 45. Str. 9,<lb/>
271. Herod. L. Homers 23. Polya&#x0364;n Strateg. 1, 20, 1. 2. Diog.<lb/>
L. 1. 48. Quinctil. 5, 11.</note>, welche Ge&#x017F;chichte indeß Daimachos<lb/>
von Plata&#x0364;a&#x0364; la&#x0364;ugnete <note place="foot" n="4">Plut. <hi rendition="#aq">Compar. Solon. et<lb/>
Publ.</hi> 4.</note>. Nach Megari&#x017F;cher Erza&#x0364;hlung<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[176/0206] treffend bezeichnete das Orakel die Grundſaͤtze, welche damals Argos befolgen mußte 1: Feind umwohnender Voͤlker, doch Freund der unſterblichen Goͤtter, Ziehe die Waffe zuruͤck, und ſinne nur ſtets dich zu wahren, Schirme das Haupt inſonders; das Haupt wird retten die Glieder. Zugleich aber wurde durch dieſe Umſtaͤnde eine voͤllige Umwaͤlzung der Verfaſſung herbeigefuͤhrt, und Argos verlor uͤberhaupt allgemach den eigentlich Doriſchen Charakter, wie wir unten ſehen werden. Die andern Thaten des Kleomenes, von denen wir wiſſen, beziehen ſich auf die politiſchen Umwaͤlzun- gen Athens, und koͤnnen nur in der Attiſchen Staatsge- ſchichte im Zuſammenhange dargeſtellt werden, oder auf die Begebniſſe Aegina’s, die wir anderswo erzaͤhlt haben. 8. Auffallend iſt es, daß in dieſer ganzen Zeit, in welcher Sparta ſein Principat gruͤndet, von keinem ernſthaften Kampfe zwiſchen Doriern und Joniern die Rede iſt. Denn wenn auch die Graͤnzvoͤlker, Megara und Aegina, dies ſeit ſeinem Abfall von Epidauros, fortgeſetzte Kriege mit Athen fuͤhrten: ſo nahm ſich doch deren nichtsweniger als der ganze Stamm an, und Sparta ſelbſt gab einen unpartheiiſchen Richter zwiſchen Athen und Megara ab. Schon vor Solons Zeit kaͤmpften Athener und Megarer im Gebiet von Eleuſis 2. Beſonders drehte ſich der Krieg um Sa- lamis, das Solon durch die bekannte Kriegsliſt gewon- nen haben ſoll 3, welche Geſchichte indeß Daimachos von Plataͤaͤ laͤugnete 4. Nach Megariſcher Erzaͤhlung 1 Her. 7, 148. 2 Herod. 1, 30., wo die ἀστυγείτο- νες die Megarer, nicht die Eleuſinier ſind, wie Lobeck Progr. de bello Eleusinio verſteht. 3 Pauſ. 1, 40. 45. Str. 9, 271. Herod. L. Homers 23. Polyaͤn Strateg. 1, 20, 1. 2. Diog. L. 1. 48. Quinctil. 5, 11. 4 Plut. Compar. Solon. et Publ. 4.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische02_1824
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische02_1824/206
Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 1. Breslau, 1824, S. 176. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische02_1824/206>, abgerufen am 17.07.2024.