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Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 1. Breslau, 1824.

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ben; Theseus legt hier vor dem Zuge nach Kreta den
mit Wolle umwundenen Oelzweig nieder, am sechsten
Munychion1, und löset eben da die Blutschuld des
Mordes der Pallantiden2.

15.

In Athen fordert noch die politische Stellung
des Apollodienstes unsere Aufmerksamkeit. Es ist durch
das Gesagte hinlänglich deutlich, daß ihn eigentlich
die Jonier angenommen hatten. Daher Jon selbst als
Sohn des Pythischen Gottes erscheint: kein anderer
als der Pythische Apollon war Athens Patroos, wie
Demosthenes sagt3. Folglich muß man streng behaup-
ten, daß eigentlich nur den Joniern der Apollon Ge-
schlechtergott war, daß nur sie im vollen Sinn gene-
tai Apollonos patroou heißen können. Und wenn
also die Archonten bei der Dokimasie den Schwur lei-
steten, daß sie außer dem Haus-Laren Zeus Herkeios
auch den Apollon Patroos verehrten4: so stammte dies
aus jener Zeit, in welcher blos die Eupatriden, d. h.
die Jonischen und Hellenischen Adelsgeschlechter, die
Archontenwürde erhielten, und erst als zunächst durch
die Solonische Timokratie und die Aristideische Demo-

1 Plut. Th. 12. 14. 18. vgl. 1, 19, 1. Rückkehrend opfert
Theseus Ap. und Artemis als Ouliois. Pherekyd. bei Macrob, Sat.
1, 17. (59. S. 212 St.) vgl. Spanh. zu Kallim. Apoll. 40. 46.
2 S. unter andern Pollux 8, 10, 119.
3 Demosth. vom
Kranz 274. vgl. Aristot. bei Harpokr. Ap. patr. -- Die Athener
hatten patroous thusias zu Delphi. Dem. Briefe S. 1481. Vgl.
über Ap. Patroos Platner Beitr. S. 88. Bähr de Ap. Patricio
et Min. Primigenia.
-- Patroos wird erklärt als pater des
Jon; möglich daß er aber so heißt als Gott der patrai der Jo-
nier. -- Ap. hieß auch Leskhenorios (Plut. Ei 2. S. 217. Sui-
das) vielleicht als Vorsteher der 360 Leschae der 360 Geschlechter zu
Athen. Prokl. zu Hesiod Tage u. W. S. 116 Heins.
4 gen-
netai Ap. patr. kai Dios erkeiou Dem. g. Eubulid. S. 1315,
15. Pollux 8, 85.

ben; Theſeus legt hier vor dem Zuge nach Kreta den
mit Wolle umwundenen Oelzweig nieder, am ſechſten
Munychion1, und loͤſet eben da die Blutſchuld des
Mordes der Pallantiden2.

15.

In Athen fordert noch die politiſche Stellung
des Apollodienſtes unſere Aufmerkſamkeit. Es iſt durch
das Geſagte hinlaͤnglich deutlich, daß ihn eigentlich
die Jonier angenommen hatten. Daher Jon ſelbſt als
Sohn des Pythiſchen Gottes erſcheint: kein anderer
als der Pythiſche Apollon war Athens Patroos, wie
Demoſthenes ſagt3. Folglich muß man ſtreng behaup-
ten, daß eigentlich nur den Joniern der Apollon Ge-
ſchlechtergott war, daß nur ſie im vollen Sinn γενῆ-
ται Ἀπόλλωνος πατρῴου heißen koͤnnen. Und wenn
alſo die Archonten bei der Dokimaſie den Schwur lei-
ſteten, daß ſie außer dem Haus-Laren Zeus Herkeios
auch den Apollon Patroos verehrten4: ſo ſtammte dies
aus jener Zeit, in welcher blos die Eupatriden, d. h.
die Joniſchen und Helleniſchen Adelsgeſchlechter, die
Archontenwuͤrde erhielten, und erſt als zunaͤchſt durch
die Soloniſche Timokratie und die Ariſtideiſche Demo-

1 Plut. Th. 12. 14. 18. vgl. 1, 19, 1. Ruͤckkehrend opfert
Theſeus Ap. und Artemis als Οὐλίοις. Pherekyd. bei Macrob, Sat.
1, 17. (59. S. 212 St.) vgl. Spanh. zu Kallim. Apoll. 40. 46.
2 S. unter andern Pollux 8, 10, 119.
3 Demoſth. vom
Kranz 274. vgl. Ariſtot. bei Harpokr. Ἀπ. πατϱ. — Die Athener
hatten πατϱῴους ϑυσίας zu Delphi. Dem. Briefe S. 1481. Vgl.
uͤber Ap. Patroos Platner Beitr. S. 88. Baͤhr de Ap. Patricio
et Min. Primigenia.
— Πατϱῷος wird erklaͤrt als πατὴϱ des
Jon; moͤglich daß er aber ſo heißt als Gott der πάτϱαι der Jo-
nier. — Ap. hieß auch Λεσχηνόϱιος (Plut. Εἰ 2. S. 217. Sui-
das) vielleicht als Vorſteher der 360 Leſchae der 360 Geſchlechter zu
Athen. Prokl. zu Heſiod Tage u. W. S. 116 Heinſ.
4 γεν-
νῆται Ἀπ. πατϱ. καὶ Διὸς έϱκείου Dem. g. Eubulid. S. 1315,
15. Pollux 8, 85.
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[244/0274] ben; Theſeus legt hier vor dem Zuge nach Kreta den mit Wolle umwundenen Oelzweig nieder, am ſechſten Munychion 1, und loͤſet eben da die Blutſchuld des Mordes der Pallantiden 2. 15. In Athen fordert noch die politiſche Stellung des Apollodienſtes unſere Aufmerkſamkeit. Es iſt durch das Geſagte hinlaͤnglich deutlich, daß ihn eigentlich die Jonier angenommen hatten. Daher Jon ſelbſt als Sohn des Pythiſchen Gottes erſcheint: kein anderer als der Pythiſche Apollon war Athens Patroos, wie Demoſthenes ſagt 3. Folglich muß man ſtreng behaup- ten, daß eigentlich nur den Joniern der Apollon Ge- ſchlechtergott war, daß nur ſie im vollen Sinn γενῆ- ται Ἀπόλλωνος πατρῴου heißen koͤnnen. Und wenn alſo die Archonten bei der Dokimaſie den Schwur lei- ſteten, daß ſie außer dem Haus-Laren Zeus Herkeios auch den Apollon Patroos verehrten 4: ſo ſtammte dies aus jener Zeit, in welcher blos die Eupatriden, d. h. die Joniſchen und Helleniſchen Adelsgeſchlechter, die Archontenwuͤrde erhielten, und erſt als zunaͤchſt durch die Soloniſche Timokratie und die Ariſtideiſche Demo- 1 Plut. Th. 12. 14. 18. vgl. 1, 19, 1. Ruͤckkehrend opfert Theſeus Ap. und Artemis als Οὐλίοις. Pherekyd. bei Macrob, Sat. 1, 17. (59. S. 212 St.) vgl. Spanh. zu Kallim. Apoll. 40. 46. 2 S. unter andern Pollux 8, 10, 119. 3 Demoſth. vom Kranz 274. vgl. Ariſtot. bei Harpokr. Ἀπ. πατϱ. — Die Athener hatten πατϱῴους ϑυσίας zu Delphi. Dem. Briefe S. 1481. Vgl. uͤber Ap. Patroos Platner Beitr. S. 88. Baͤhr de Ap. Patricio et Min. Primigenia. — Πατϱῷος wird erklaͤrt als πατὴϱ des Jon; moͤglich daß er aber ſo heißt als Gott der πάτϱαι der Jo- nier. — Ap. hieß auch Λεσχηνόϱιος (Plut. Εἰ 2. S. 217. Sui- das) vielleicht als Vorſteher der 360 Leſchae der 360 Geſchlechter zu Athen. Prokl. zu Heſiod Tage u. W. S. 116 Heinſ. 4 γεν- νῆται Ἀπ. πατϱ. καὶ Διὸς έϱκείου Dem. g. Eubulid. S. 1315, 15. Pollux 8, 85.

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Zitationshilfe: Müller, Karl Otfried: Die Dorier. Vier Bücher. Bd. 1. Breslau, 1824, S. 244. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/mueller_hellenische02_1824/274>, abgerufen am 17.07.2024.