Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 4. Altenburg, 1779.

Bild:
<< vorherige Seite

Stuhlnachbar an, biß zum Standpunkte
des Gegenfüßlers zum Sporn und Stachel
dient. -- Aber für die Menschenkennt-
niß, fiel ich ihm ins Wort, ist dennoch
nichts lehrreicher, als eine Theegesellschaft.
Es thut mir leid, daß es auf meiner Reise
mir nicht gelungen ist, irgendwo in eine
förmliche Theegesellschaft eingeführet zu wer-
den: Denn Sie sollen wissen, daß die Art
wie eine Theeschaale in die Hand kommt,
darinne sich hält, und wieder an ihrem Ort
zurückkehrt, uns Physiognomen so bedeut-
fam ist, daß wir daraus den ganzen Cha-
rakter des Menschen errathen. Dahinge-
gen das Weinglaß ein so steriles Objekt für
uns ist, daß wir nichts draus judiziren kön-
nen; obgleich das Gerücht sagt, daß die
Brüder Maurer einander beym ersten Trunk
erkennen sollen; denn keiner darf, wie mir
Freund Moser, der Geduldiger der Frey-
mäurer Gesellschaften einmal versichert hat,

einen

Stuhlnachbar an, biß zum Standpunkte
des Gegenfuͤßlers zum Sporn und Stachel
dient. — Aber fuͤr die Menſchenkennt-
niß, fiel ich ihm ins Wort, iſt dennoch
nichts lehrreicher, als eine Theegeſellſchaft.
Es thut mir leid, daß es auf meiner Reiſe
mir nicht gelungen iſt, irgendwo in eine
foͤrmliche Theegeſellſchaft eingefuͤhret zu wer-
den: Denn Sie ſollen wiſſen, daß die Art
wie eine Theeſchaale in die Hand kommt,
darinne ſich haͤlt, und wieder an ihrem Ort
zuruͤckkehrt, uns Phyſiognomen ſo bedeut-
fam iſt, daß wir daraus den ganzen Cha-
rakter des Menſchen errathen. Dahinge-
gen das Weinglaß ein ſo ſteriles Objekt fuͤr
uns iſt, daß wir nichts draus judiziren koͤn-
nen; obgleich das Geruͤcht ſagt, daß die
Bruͤder Maurer einander beym erſten Trunk
erkennen ſollen; denn keiner darf, wie mir
Freund Moſer, der Geduldiger der Frey-
maͤurer Geſellſchaften einmal verſichert hat,

einen
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0256" n="248"/>
Stuhlnachbar an, biß zum Standpunkte<lb/>
des Gegenfu&#x0364;ßlers zum Sporn und Stachel<lb/>
dient. &#x2014; Aber fu&#x0364;r die Men&#x017F;chenkennt-<lb/>
niß, fiel ich ihm ins Wort, i&#x017F;t dennoch<lb/>
nichts lehrreicher, als eine Theege&#x017F;ell&#x017F;chaft.<lb/>
Es thut mir leid, daß es auf meiner Rei&#x017F;e<lb/>
mir nicht gelungen i&#x017F;t, irgendwo in eine<lb/>
fo&#x0364;rmliche Theege&#x017F;ell&#x017F;chaft eingefu&#x0364;hret zu wer-<lb/>
den: Denn Sie &#x017F;ollen wi&#x017F;&#x017F;en, daß die Art<lb/>
wie eine Thee&#x017F;chaale in die Hand kommt,<lb/>
darinne &#x017F;ich ha&#x0364;lt, und wieder an ihrem Ort<lb/>
zuru&#x0364;ckkehrt, uns Phy&#x017F;iognomen &#x017F;o bedeut-<lb/>
fam i&#x017F;t, daß wir daraus den ganzen Cha-<lb/>
rakter des Men&#x017F;chen errathen. Dahinge-<lb/>
gen das Weinglaß ein &#x017F;o &#x017F;teriles Objekt fu&#x0364;r<lb/>
uns i&#x017F;t, daß wir nichts draus judiziren ko&#x0364;n-<lb/>
nen; obgleich das Geru&#x0364;cht &#x017F;agt, daß die<lb/>
Bru&#x0364;der Maurer einander beym er&#x017F;ten Trunk<lb/>
erkennen &#x017F;ollen; denn keiner darf, wie mir<lb/>
Freund Mo&#x017F;er, der Geduldiger der Frey-<lb/>
ma&#x0364;urer Ge&#x017F;ell&#x017F;chaften einmal ver&#x017F;ichert hat,<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">einen</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[248/0256] Stuhlnachbar an, biß zum Standpunkte des Gegenfuͤßlers zum Sporn und Stachel dient. — Aber fuͤr die Menſchenkennt- niß, fiel ich ihm ins Wort, iſt dennoch nichts lehrreicher, als eine Theegeſellſchaft. Es thut mir leid, daß es auf meiner Reiſe mir nicht gelungen iſt, irgendwo in eine foͤrmliche Theegeſellſchaft eingefuͤhret zu wer- den: Denn Sie ſollen wiſſen, daß die Art wie eine Theeſchaale in die Hand kommt, darinne ſich haͤlt, und wieder an ihrem Ort zuruͤckkehrt, uns Phyſiognomen ſo bedeut- fam iſt, daß wir daraus den ganzen Cha- rakter des Menſchen errathen. Dahinge- gen das Weinglaß ein ſo ſteriles Objekt fuͤr uns iſt, daß wir nichts draus judiziren koͤn- nen; obgleich das Geruͤcht ſagt, daß die Bruͤder Maurer einander beym erſten Trunk erkennen ſollen; denn keiner darf, wie mir Freund Moſer, der Geduldiger der Frey- maͤurer Geſellſchaften einmal verſichert hat, einen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779/256
Zitationshilfe: Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 4. Altenburg, 1779, S. 248. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779/256>, abgerufen am 07.08.2022.