Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Der Arbeitgeber. Nr. 669. Frankfurt a. M., 25. Februar 1870.

Bild:
<< vorherige Seite

[Spaltenumbruch] übrig? Man sehe sich nur einmal danach um, welches Maß von
Komfort in der großen Mehrzahl der Fälle für Dienstboten aus-
reichend gehalten wird. Sie wohnen mit uns unter einem Dache.
Aber thatsächlich stecken wir sie mit ihren Habseligkeiten gar häufig
auch unmittelbar unter's Dach, oder, was noch schlimme ist, in den
Keller; der schlechteste Winkel des Hauses soll für Die gut genug
sein, denen wir es als Lebensaufgabe zuweisen, für unser häusliches
Behagen zu sorgen. Sie speisen mit uns vom gleichen Mahle.
Aber denken wir auch daran, daß auch sie, gleich uns, die Mahlzeit
nicht verkümmert haben, weder in der Quantität, noch Qualität, noch
in der Zeit dabei verkürzt sein wollen? Ja, daß sie auf alle diese
Dinge bei ihrem Bildungsgrade fast noch größeren Werth zu legen
berechtigt sind, als wir? Dürfen wir uns wundern, daß, je weniger
wir ihnen an äußeren Annehmlichkeiten freiwillig bieten, um so aus-
schreitender und maßloser ihre Forderungen werden?

Wir, die wir für uns ein Leben, welches nicht den Wechsel
böte zwischen Arbeit und Erholung, nicht lebenswerth finden würden
-- wie können wir verlangen, daß so ein junges Blut, oder gar
ein im Dienste ergrauter Dienstbote, nicht auch nach schwerer Arbeit
sich der Erholung freuen möge? Heißt es nicht zu viel von den
Dienstboten verlangen, daß sie, wenn's hoch kommt, allwöchentlich nur
einmal einige Stunden, sich selbst und ihrem Vergnügen angehören
mögen? Darf es uns wundern, wenn dieses knapp bemessene Maß
heimlich oder ganz offen überschritten, und eine ausnahmsweise nöthige
Versagung auch dieses knappen Maßes nur mit Widerwillen ge-
tragen wird?

Wir beklagen uns über den niedrigen Flug, den die Gedanken
dieser unserer Hausgenossen nehmen, wenn sie sich vergnügen wollen.
Aber denken wir auch daran, ihnen Gelegenheit zu edleren Vergnü-
gungen zu verschaffen?

Für mich ist es keine Frage, daß die wesentlichsten, die em-
pfindlichsten der Mängel des Dienstbotenwesens, unter denen alle,
unter denen auch die tüchtigsten und gebildetsten Hausfrauen leiden,
ganz vorzugsweise zu Lasten der durchschnittlich fehlerhaften, nämlich
viel zu einseitigen Erziehung der Töchter höherer Stände kommen.

Zwei Kommnnisten=Staaten.
IV.

Höchst lehrreich ist in der That Alles, was uns über den alten
Jnka=Staat und Paraguay überliefert ist; denn mutatis mutandis
wird es heute auch bei uns sich nicht anders gestalten. Die klarer
Blickenden unter den Fanatikern der Staatshilfe sehen wohl ein, daß,
wie die Verhältnisse und Menschen gegenwärtig sind, ihr System
wenig Aussicht auf Erfolg und Bestand hat, sie wollen deshalb
zuerst die Menschheit zu diesem Jdeal eines Staates heranziehen,
wie man theoretisirende Philister oft von der Republik sagen hört:
schafft erst Republikaner.

Auch die Politik der Jnka's ging wie die Robespierre's und St.
Jnst's dahin, mit allen Mitteln der Gewalt die Masse ihrer Mit-
bürger in eine neue Form der Sitte, der Religion und des Lebens
zu gießen, ihr Staatswesen nicht nach dem Bedürfniß der Menschen
zu gestalten, sondern den Willen unter das Modell des neuen Regi-
ments zu beugen und zu zwingen.

Wenn der Staat sich als Erzieher des Volks hinstellt, sagt
Sybel in seiner Geschichte der Revolutionszeit, so darf er nicht ver-
gessen, daß die Erziehung nicht die Knechtung, sondern die Befreiung
des persönlichen Geistes bedeutet. Religion und Sitte verdienen
ihren Namen nur in so ferne, als sie bei jedem Einzelnen neu aus
der inneren Gesinnung geboren werden. Jedes äußerlich zwingende
Strafgesetz auf diesem Gebiet ist ein Dolchstoß in das Herz des
Völkerlebens. Die mit Schrecken erpreßte Sitte taugt so viel wie
die mit Scheiterhaufen befestigte Religion; beide erstarren zu einem
Werkdienste, indem sie selbst zu Grunde gehen, und der unterworfenen
Nation nur die Wahl zwischen Empörung oder Erstickung lassen.

So zerschnitt mit den großen Ketzergerichten des XIII. Saec.
die päbstliche Weltherrschaft sich selbst die Wurzeln und wies die
sittliche Schöpferkraft Europas auf außerkirchliche Bahnen. So er-
schöpften im XVI. Saec. Spanien und Polen durch den kirchlichen
Zwang und Kampf den Lebensstoff ihrer Völker auf Jahrhunderte
hinaus und ertödteten ihr Staatswesen hier in lähmender Betäu-
[Spaltenumbruch] bung, dort in sittenloser Ungebundenheit. Es waren dieselben Wege,
auf welche Robespierre einlenkte. Nach seinem Sinne sollte die Re-
volution, welche einst auf Hampden und Franklin als ihre Vorbilder
geblickt, welche dann getobt hatte wie die Bauern Georg Metzlers
und Thomas Münzers, in einer dumpfen und stillen Tyrannei nach
dem Muster König Philipps oder des Jnkastaates endigen.

Ein höchst merkwürdiges Aktenstück ist in dieser Richtung der
Gesetz=Entwurf St. Just's
vom Jahre 1794 über die künf-
tige Gestaltung Frankreichs.
( Buchez. Bd. 35. S. 294, zum
Kampf am 7. Thermidor im Jahre II der Republik. ) "Die Jnsti-
tutionen, sagt St. Just darin, sind die Gewähr freier Regierungen
gegen die Verderbniß der Sitten, und die Gewähr freier Völker
gegen die Verderbniß der Regierung. Wenn es Sitten gäbe, so
ginge Alles gut: man bedarf deshalb Einrichtungen, sie zu reinigen,
dann folgt alles Andere von selbst. Leider ist der augenblickliche
Zustand in hohem Grad hoffnungsarm. Die Revolution ist erstarrt,
die Grundsätze sind erschlafft, man sieht nur nach Freiheitsmützen
auf Wühlerköpfen; die Handhabung des Schreckens hat die Ver-
brecher abgestumpft, wie starke Getränke den Gaumen abstumpfen.
Das Papiergeld in seiner Masse und seinen Schwankungen ist ins-
besondere eine Pest für die Sitten des Volks. Viele Menschen sind
dadurch reich, viele zu Bettlern, alle aber arbeitsscheu, habgierig und
weichlich geworden. Das Trachten nach Reichthum ist allgemein;
der Reichthum an sich aber ist ein Verbrechen. Jn einem ge-
sunden Staat darf es keine Reichen und keine Armen
geben, sondern jeder Bürger soll in dem Besitz eines ge-
rade auskömmlichen Grundbesitzes sein.

Denn die Hand des Mannes ist nur für den Pflug oder das
Schwert bestimmt; jedes andere Gewerbe aber oder jede Gewerb-
losigkeit verabscheuenswerth. Niemand darf Schätze aufhäufen und
dadurch die Quote seines Nächsten schmälern, oder, wie Couthon im
Convente gesagt, man muß die Gefühle der Menschen so stimmen,
daß sie all ihr Gut nur als Eigenthum der einen großen Familie
betrachten.

Daher muß man die Nationalgüter in kleinen Loosen unter
die Armen verschenken und wo das nicht ausreicht, die Grundbesitzer
zur Bildung zahlreicher kleiner Pachthöfe zwingen; jeder Mensch
über 25 Jahre, der nicht Beamter oder Handwerker ist, muß dann
selbst den Acker bauen und jährlich 4 Schaafe auf jedem Morgen
Landes aufziehen.

Die Schlichtheit der bäuerlichen Sitten soll sich im Verbote
aller Dienstboten und aller goldenen oder silbernen Geräthe aus-
prägen; kein Kind unter 16 Jahren soll an irgend einem Tage,
kein Erwachsener an 3 Tagen der Decade Fleisch essen, jeder Bürger
jährlich Rechenschaft über den Stand seines Vermögens ablegen.
Auf Grund dieser Prüfung wird er dann ein Zehntel seiner Renten
und ein Fünfzehntel seines Arbeitsgewinn dem Staate zahlen und
dieser hierauf jede andere Abgabe entbehren können.

Sofort diese spartanische Bauernrepublik im vollen Umfang zu
verwirklichen, erscheint uns zweifelhaft. Daher werfen wir unser
Augenmerk auf das heranwachsende Geschlecht. Vom siebenten Jahre
müssen die Knaben den Eltern weggenommen und der Schule der
Nation überliefert werden, wo man sie in soldatischer Zucht, zu
kurzer Redeweise und abgehärtetem Leben erzieht, und in Kriegsdienst,
Ackerbau und Sprachkenntniß unterrichtet. Die Erklärung der Ehe
wird erst nach erfolgter Schwangerschaft erfordert, jede kinderlose Ehe
durch das Gesetz getrennt. Statt dessen tritt als öffentliche Jnsti-
tution die Freundschaft. Mit dem 21. Lebensjahr hat jeder
Bürger im Tempel zu erklären, wer seine Freunde sind, und wer
keine Freunde nachweist, wird verbaunt. Die Freunde stehen im
Gefecht nebeneinander, tragen als Schiedsrichter die Prozesse ihrer
Genossen aus, müssen bei Schließung eines Vertrages anwesend
sein. Wenn Jemand ein Verbrechen begeht, so werden seine Freunde
verbannt.

Bis diese Einrichtungen ihre Wirkung erzielt, und eine sittliche
Bevölkerung erzogen haben, bedarf der Staat entweder eines kräftigen
Diktators oder tugendhafter Censoren zu seiner Rettung. Unter
Censoren verstehe ich hochbejahrte Männer, deren einer in jedem Be-
zirk mit einem Gehalt von 6000 L. ohne eigene Amtsgewalt aber
zur Beaufsichtigung der Beamten und Klageerhebung gegen schlechte
Behörden aufgestellt werde. Jndessen, wie die Dinge einmal liegen,
scheint mir der Weg durch die Diktatur der angemessenere. Ohne
Zweifel ist die Zeit noch nicht gekommen, das Gute zu thun; man

[Spaltenumbruch] übrig? Man sehe sich nur einmal danach um, welches Maß von
Komfort in der großen Mehrzahl der Fälle für Dienstboten aus-
reichend gehalten wird. Sie wohnen mit uns unter einem Dache.
Aber thatsächlich stecken wir sie mit ihren Habseligkeiten gar häufig
auch unmittelbar unter's Dach, oder, was noch schlimme ist, in den
Keller; der schlechteste Winkel des Hauses soll für Die gut genug
sein, denen wir es als Lebensaufgabe zuweisen, für unser häusliches
Behagen zu sorgen. Sie speisen mit uns vom gleichen Mahle.
Aber denken wir auch daran, daß auch sie, gleich uns, die Mahlzeit
nicht verkümmert haben, weder in der Quantität, noch Qualität, noch
in der Zeit dabei verkürzt sein wollen? Ja, daß sie auf alle diese
Dinge bei ihrem Bildungsgrade fast noch größeren Werth zu legen
berechtigt sind, als wir? Dürfen wir uns wundern, daß, je weniger
wir ihnen an äußeren Annehmlichkeiten freiwillig bieten, um so aus-
schreitender und maßloser ihre Forderungen werden?

Wir, die wir für uns ein Leben, welches nicht den Wechsel
böte zwischen Arbeit und Erholung, nicht lebenswerth finden würden
-- wie können wir verlangen, daß so ein junges Blut, oder gar
ein im Dienste ergrauter Dienstbote, nicht auch nach schwerer Arbeit
sich der Erholung freuen möge? Heißt es nicht zu viel von den
Dienstboten verlangen, daß sie, wenn's hoch kommt, allwöchentlich nur
einmal einige Stunden, sich selbst und ihrem Vergnügen angehören
mögen? Darf es uns wundern, wenn dieses knapp bemessene Maß
heimlich oder ganz offen überschritten, und eine ausnahmsweise nöthige
Versagung auch dieses knappen Maßes nur mit Widerwillen ge-
tragen wird?

Wir beklagen uns über den niedrigen Flug, den die Gedanken
dieser unserer Hausgenossen nehmen, wenn sie sich vergnügen wollen.
Aber denken wir auch daran, ihnen Gelegenheit zu edleren Vergnü-
gungen zu verschaffen?

Für mich ist es keine Frage, daß die wesentlichsten, die em-
pfindlichsten der Mängel des Dienstbotenwesens, unter denen alle,
unter denen auch die tüchtigsten und gebildetsten Hausfrauen leiden,
ganz vorzugsweise zu Lasten der durchschnittlich fehlerhaften, nämlich
viel zu einseitigen Erziehung der Töchter höherer Stände kommen.

Zwei Kommnnisten=Staaten.
IV.

Höchst lehrreich ist in der That Alles, was uns über den alten
Jnka=Staat und Paraguay überliefert ist; denn mutatis mutandis
wird es heute auch bei uns sich nicht anders gestalten. Die klarer
Blickenden unter den Fanatikern der Staatshilfe sehen wohl ein, daß,
wie die Verhältnisse und Menschen gegenwärtig sind, ihr System
wenig Aussicht auf Erfolg und Bestand hat, sie wollen deshalb
zuerst die Menschheit zu diesem Jdeal eines Staates heranziehen,
wie man theoretisirende Philister oft von der Republik sagen hört:
schafft erst Republikaner.

Auch die Politik der Jnka's ging wie die Robespierre's und St.
Jnst's dahin, mit allen Mitteln der Gewalt die Masse ihrer Mit-
bürger in eine neue Form der Sitte, der Religion und des Lebens
zu gießen, ihr Staatswesen nicht nach dem Bedürfniß der Menschen
zu gestalten, sondern den Willen unter das Modell des neuen Regi-
ments zu beugen und zu zwingen.

Wenn der Staat sich als Erzieher des Volks hinstellt, sagt
Sybel in seiner Geschichte der Revolutionszeit, so darf er nicht ver-
gessen, daß die Erziehung nicht die Knechtung, sondern die Befreiung
des persönlichen Geistes bedeutet. Religion und Sitte verdienen
ihren Namen nur in so ferne, als sie bei jedem Einzelnen neu aus
der inneren Gesinnung geboren werden. Jedes äußerlich zwingende
Strafgesetz auf diesem Gebiet ist ein Dolchstoß in das Herz des
Völkerlebens. Die mit Schrecken erpreßte Sitte taugt so viel wie
die mit Scheiterhaufen befestigte Religion; beide erstarren zu einem
Werkdienste, indem sie selbst zu Grunde gehen, und der unterworfenen
Nation nur die Wahl zwischen Empörung oder Erstickung lassen.

So zerschnitt mit den großen Ketzergerichten des XIII. Saec.
die päbstliche Weltherrschaft sich selbst die Wurzeln und wies die
sittliche Schöpferkraft Europas auf außerkirchliche Bahnen. So er-
schöpften im XVI. Saec. Spanien und Polen durch den kirchlichen
Zwang und Kampf den Lebensstoff ihrer Völker auf Jahrhunderte
hinaus und ertödteten ihr Staatswesen hier in lähmender Betäu-
[Spaltenumbruch] bung, dort in sittenloser Ungebundenheit. Es waren dieselben Wege,
auf welche Robespierre einlenkte. Nach seinem Sinne sollte die Re-
volution, welche einst auf Hampden und Franklin als ihre Vorbilder
geblickt, welche dann getobt hatte wie die Bauern Georg Metzlers
und Thomas Münzers, in einer dumpfen und stillen Tyrannei nach
dem Muster König Philipps oder des Jnkastaates endigen.

Ein höchst merkwürdiges Aktenstück ist in dieser Richtung der
Gesetz=Entwurf St. Just's
vom Jahre 1794 über die künf-
tige Gestaltung Frankreichs.
( Buchez. Bd. 35. S. 294, zum
Kampf am 7. Thermidor im Jahre II der Republik. ) „Die Jnsti-
tutionen, sagt St. Just darin, sind die Gewähr freier Regierungen
gegen die Verderbniß der Sitten, und die Gewähr freier Völker
gegen die Verderbniß der Regierung. Wenn es Sitten gäbe, so
ginge Alles gut: man bedarf deshalb Einrichtungen, sie zu reinigen,
dann folgt alles Andere von selbst. Leider ist der augenblickliche
Zustand in hohem Grad hoffnungsarm. Die Revolution ist erstarrt,
die Grundsätze sind erschlafft, man sieht nur nach Freiheitsmützen
auf Wühlerköpfen; die Handhabung des Schreckens hat die Ver-
brecher abgestumpft, wie starke Getränke den Gaumen abstumpfen.
Das Papiergeld in seiner Masse und seinen Schwankungen ist ins-
besondere eine Pest für die Sitten des Volks. Viele Menschen sind
dadurch reich, viele zu Bettlern, alle aber arbeitsscheu, habgierig und
weichlich geworden. Das Trachten nach Reichthum ist allgemein;
der Reichthum an sich aber ist ein Verbrechen. Jn einem ge-
sunden Staat darf es keine Reichen und keine Armen
geben, sondern jeder Bürger soll in dem Besitz eines ge-
rade auskömmlichen Grundbesitzes sein.

Denn die Hand des Mannes ist nur für den Pflug oder das
Schwert bestimmt; jedes andere Gewerbe aber oder jede Gewerb-
losigkeit verabscheuenswerth. Niemand darf Schätze aufhäufen und
dadurch die Quote seines Nächsten schmälern, oder, wie Couthon im
Convente gesagt, man muß die Gefühle der Menschen so stimmen,
daß sie all ihr Gut nur als Eigenthum der einen großen Familie
betrachten.

Daher muß man die Nationalgüter in kleinen Loosen unter
die Armen verschenken und wo das nicht ausreicht, die Grundbesitzer
zur Bildung zahlreicher kleiner Pachthöfe zwingen; jeder Mensch
über 25 Jahre, der nicht Beamter oder Handwerker ist, muß dann
selbst den Acker bauen und jährlich 4 Schaafe auf jedem Morgen
Landes aufziehen.

Die Schlichtheit der bäuerlichen Sitten soll sich im Verbote
aller Dienstboten und aller goldenen oder silbernen Geräthe aus-
prägen; kein Kind unter 16 Jahren soll an irgend einem Tage,
kein Erwachsener an 3 Tagen der Decade Fleisch essen, jeder Bürger
jährlich Rechenschaft über den Stand seines Vermögens ablegen.
Auf Grund dieser Prüfung wird er dann ein Zehntel seiner Renten
und ein Fünfzehntel seines Arbeitsgewinn dem Staate zahlen und
dieser hierauf jede andere Abgabe entbehren können.

Sofort diese spartanische Bauernrepublik im vollen Umfang zu
verwirklichen, erscheint uns zweifelhaft. Daher werfen wir unser
Augenmerk auf das heranwachsende Geschlecht. Vom siebenten Jahre
müssen die Knaben den Eltern weggenommen und der Schule der
Nation überliefert werden, wo man sie in soldatischer Zucht, zu
kurzer Redeweise und abgehärtetem Leben erzieht, und in Kriegsdienst,
Ackerbau und Sprachkenntniß unterrichtet. Die Erklärung der Ehe
wird erst nach erfolgter Schwangerschaft erfordert, jede kinderlose Ehe
durch das Gesetz getrennt. Statt dessen tritt als öffentliche Jnsti-
tution die Freundschaft. Mit dem 21. Lebensjahr hat jeder
Bürger im Tempel zu erklären, wer seine Freunde sind, und wer
keine Freunde nachweist, wird verbaunt. Die Freunde stehen im
Gefecht nebeneinander, tragen als Schiedsrichter die Prozesse ihrer
Genossen aus, müssen bei Schließung eines Vertrages anwesend
sein. Wenn Jemand ein Verbrechen begeht, so werden seine Freunde
verbannt.

Bis diese Einrichtungen ihre Wirkung erzielt, und eine sittliche
Bevölkerung erzogen haben, bedarf der Staat entweder eines kräftigen
Diktators oder tugendhafter Censoren zu seiner Rettung. Unter
Censoren verstehe ich hochbejahrte Männer, deren einer in jedem Be-
zirk mit einem Gehalt von 6000 L. ohne eigene Amtsgewalt aber
zur Beaufsichtigung der Beamten und Klageerhebung gegen schlechte
Behörden aufgestellt werde. Jndessen, wie die Dinge einmal liegen,
scheint mir der Weg durch die Diktatur der angemessenere. Ohne
Zweifel ist die Zeit noch nicht gekommen, das Gute zu thun; man

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="jPoliticalNews">
        <div type="jPoliticalNews">
          <p><pb facs="#f0002"/><cb n="8224"/>
übrig? Man sehe sich nur einmal danach um, welches Maß von<lb/>
Komfort in der großen Mehrzahl der Fälle für Dienstboten aus-<lb/>
reichend gehalten wird. Sie wohnen mit uns unter <hi rendition="#g">einem</hi> Dache.<lb/>
Aber thatsächlich stecken wir sie mit ihren Habseligkeiten gar häufig<lb/>
auch unmittelbar unter's Dach, oder, was noch schlimme ist, in den<lb/>
Keller; der schlechteste Winkel des Hauses soll für Die gut genug<lb/>
sein, denen wir es als Lebensaufgabe zuweisen, für unser häusliches<lb/>
Behagen zu sorgen. Sie speisen mit uns vom gleichen Mahle.<lb/>
Aber denken wir auch daran, daß auch sie, gleich uns, die Mahlzeit<lb/>
nicht verkümmert haben, weder in der Quantität, noch Qualität, noch<lb/>
in der Zeit dabei verkürzt sein wollen? Ja, daß sie auf alle diese<lb/>
Dinge bei ihrem Bildungsgrade fast noch größeren Werth zu legen<lb/>
berechtigt sind, als wir? Dürfen wir uns wundern, daß, je weniger<lb/>
wir ihnen an äußeren Annehmlichkeiten freiwillig bieten, um so aus-<lb/>
schreitender und maßloser ihre Forderungen werden?</p><lb/>
          <p>Wir, die wir für uns ein Leben, welches nicht den Wechsel<lb/>
böte zwischen Arbeit und Erholung, nicht lebenswerth finden würden<lb/>
-- wie können wir verlangen, daß so ein junges Blut, oder gar<lb/>
ein im Dienste ergrauter Dienstbote, nicht auch nach schwerer Arbeit<lb/>
sich der Erholung freuen möge? Heißt es nicht zu viel von den<lb/>
Dienstboten verlangen, daß sie, wenn's hoch kommt, allwöchentlich nur<lb/>
einmal einige Stunden, sich selbst und ihrem Vergnügen angehören<lb/>
mögen? Darf es uns wundern, wenn dieses knapp bemessene Maß<lb/>
heimlich oder ganz offen überschritten, und eine ausnahmsweise nöthige<lb/>
Versagung auch dieses knappen Maßes nur mit Widerwillen ge-<lb/>
tragen wird?</p><lb/>
          <p>Wir beklagen uns über den niedrigen Flug, den die Gedanken<lb/>
dieser unserer Hausgenossen nehmen, wenn sie sich vergnügen wollen.<lb/>
Aber denken wir auch daran, ihnen Gelegenheit zu edleren Vergnü-<lb/>
gungen zu verschaffen?</p><lb/>
          <p>Für mich ist es keine Frage, daß die wesentlichsten, die em-<lb/>
pfindlichsten der Mängel des Dienstbotenwesens, unter denen alle,<lb/>
unter denen auch die tüchtigsten und gebildetsten Hausfrauen leiden,<lb/>
ganz vorzugsweise zu Lasten der durchschnittlich fehlerhaften, nämlich<lb/>
viel zu einseitigen Erziehung der Töchter höherer Stände kommen.</p>
        </div><lb/>
        <div type="jPoliticalNews">
          <head> <hi rendition="#c">Zwei Kommnnisten=Staaten.<lb/><hi rendition="#aq">IV.</hi> </hi> </head><lb/>
          <p>Höchst lehrreich ist in der That Alles, was uns über den alten<lb/>
Jnka=Staat und Paraguay überliefert ist; denn <hi rendition="#aq">mutatis mutandis</hi><lb/>
wird es heute auch bei uns sich nicht anders gestalten. Die klarer<lb/>
Blickenden unter den Fanatikern der Staatshilfe sehen wohl ein, daß,<lb/>
wie die Verhältnisse und Menschen gegenwärtig sind, ihr System<lb/>
wenig Aussicht auf Erfolg und Bestand hat, sie wollen deshalb<lb/>
zuerst die Menschheit zu diesem Jdeal eines Staates <hi rendition="#g">heranziehen,</hi><lb/>
wie man theoretisirende Philister oft von der Republik sagen hört:<lb/>
schafft erst Republikaner.</p><lb/>
          <p>Auch die Politik der Jnka's ging wie die Robespierre's und St.<lb/>
Jnst's dahin, mit allen Mitteln der Gewalt die Masse ihrer Mit-<lb/>
bürger in eine neue Form der Sitte, der Religion und des Lebens<lb/>
zu gießen, ihr Staatswesen nicht nach dem Bedürfniß der Menschen<lb/>
zu gestalten, sondern den Willen unter das Modell des neuen Regi-<lb/>
ments zu beugen und zu zwingen.</p><lb/>
          <p>Wenn der Staat sich als Erzieher des Volks hinstellt, sagt<lb/>
Sybel in seiner Geschichte der Revolutionszeit, so darf er nicht ver-<lb/>
gessen, daß die Erziehung nicht die Knechtung, sondern die Befreiung<lb/>
des persönlichen Geistes bedeutet. Religion und Sitte verdienen<lb/>
ihren Namen nur in so ferne, als sie bei jedem Einzelnen neu aus<lb/>
der inneren Gesinnung geboren werden. Jedes äußerlich zwingende<lb/>
Strafgesetz auf diesem Gebiet ist ein Dolchstoß in das Herz des<lb/>
Völkerlebens. Die mit Schrecken erpreßte Sitte taugt so viel wie<lb/>
die mit Scheiterhaufen befestigte Religion; beide erstarren zu einem<lb/>
Werkdienste, indem sie selbst zu Grunde gehen, und der unterworfenen<lb/>
Nation nur die Wahl zwischen Empörung oder Erstickung lassen.</p><lb/>
          <p>So zerschnitt mit den großen Ketzergerichten des <hi rendition="#aq">XIII. Saec.</hi><lb/>
die päbstliche Weltherrschaft sich selbst die Wurzeln und wies die<lb/>
sittliche Schöpferkraft Europas auf außerkirchliche Bahnen. So er-<lb/>
schöpften im <hi rendition="#aq">XVI. Saec</hi>. Spanien und Polen durch den kirchlichen<lb/>
Zwang und Kampf den Lebensstoff ihrer Völker auf Jahrhunderte<lb/>
hinaus und ertödteten ihr Staatswesen hier in lähmender Betäu-<lb/><cb n="8225"/>
bung, dort in sittenloser Ungebundenheit. Es waren dieselben Wege,<lb/>
auf welche Robespierre einlenkte. Nach seinem Sinne sollte die Re-<lb/>
volution, welche einst auf Hampden und Franklin als ihre Vorbilder<lb/>
geblickt, welche dann getobt hatte wie die Bauern Georg Metzlers<lb/>
und Thomas Münzers, in einer dumpfen und stillen Tyrannei nach<lb/>
dem Muster König Philipps oder des Jnkastaates endigen.</p><lb/>
          <p>Ein höchst merkwürdiges Aktenstück ist in dieser Richtung <hi rendition="#g">der<lb/>
Gesetz=Entwurf St. Just's</hi> vom Jahre 1794 über die <hi rendition="#g">künf-<lb/>
tige Gestaltung Frankreichs.</hi> ( Buchez. Bd. 35. S. 294, zum<lb/>
Kampf am 7. Thermidor im Jahre <hi rendition="#aq">II</hi> der Republik. ) &#x201E;Die Jnsti-<lb/>
tutionen, sagt St. Just darin, sind die Gewähr freier Regierungen<lb/>
gegen die Verderbniß der Sitten, und die Gewähr freier Völker<lb/>
gegen die Verderbniß der Regierung. Wenn es Sitten gäbe, so<lb/>
ginge Alles gut: man bedarf deshalb Einrichtungen, sie zu reinigen,<lb/>
dann folgt alles Andere von selbst. Leider ist der augenblickliche<lb/>
Zustand in hohem Grad hoffnungsarm. Die Revolution ist erstarrt,<lb/>
die Grundsätze sind erschlafft, man sieht nur nach Freiheitsmützen<lb/>
auf Wühlerköpfen; die Handhabung des Schreckens hat die Ver-<lb/>
brecher abgestumpft, wie starke Getränke den Gaumen abstumpfen.<lb/>
Das Papiergeld in seiner Masse und seinen Schwankungen ist ins-<lb/>
besondere eine Pest für die Sitten des Volks. Viele Menschen sind<lb/>
dadurch reich, viele zu Bettlern, alle aber arbeitsscheu, habgierig und<lb/>
weichlich geworden. Das Trachten nach Reichthum ist allgemein;<lb/>
der Reichthum an sich aber ist ein Verbrechen. <hi rendition="#g">Jn einem ge-<lb/>
sunden Staat darf es keine Reichen und keine Armen<lb/>
geben, sondern jeder Bürger soll in dem Besitz eines ge-<lb/>
rade auskömmlichen Grundbesitzes sein.</hi> </p><lb/>
          <p>Denn die Hand des Mannes ist nur für den Pflug oder das<lb/>
Schwert bestimmt; jedes andere Gewerbe aber oder jede Gewerb-<lb/>
losigkeit verabscheuenswerth. Niemand darf Schätze aufhäufen und<lb/>
dadurch die Quote seines Nächsten schmälern, oder, wie Couthon im<lb/>
Convente gesagt, man muß die Gefühle der Menschen so stimmen,<lb/>
daß sie all ihr Gut nur als Eigenthum der einen großen Familie<lb/>
betrachten.</p><lb/>
          <p>Daher muß man die Nationalgüter in kleinen Loosen unter<lb/>
die Armen verschenken und wo das nicht ausreicht, die Grundbesitzer<lb/>
zur Bildung zahlreicher kleiner Pachthöfe zwingen; jeder Mensch<lb/>
über 25 Jahre, der nicht Beamter oder Handwerker ist, muß dann<lb/>
selbst den Acker bauen und jährlich 4 Schaafe auf jedem Morgen<lb/>
Landes aufziehen.</p><lb/>
          <p>Die Schlichtheit der bäuerlichen Sitten soll sich im Verbote<lb/>
aller Dienstboten und aller goldenen oder silbernen Geräthe aus-<lb/>
prägen; kein Kind unter 16 Jahren soll an irgend einem Tage,<lb/>
kein Erwachsener an 3 Tagen der Decade Fleisch essen, jeder Bürger<lb/>
jährlich Rechenschaft über den Stand seines Vermögens ablegen.<lb/>
Auf Grund dieser Prüfung wird er dann ein Zehntel seiner Renten<lb/>
und ein Fünfzehntel seines Arbeitsgewinn dem Staate zahlen und<lb/>
dieser hierauf jede andere Abgabe entbehren können.</p><lb/>
          <p>Sofort diese spartanische Bauernrepublik im vollen Umfang zu<lb/>
verwirklichen, erscheint uns zweifelhaft. Daher werfen wir unser<lb/>
Augenmerk auf das heranwachsende Geschlecht. Vom siebenten Jahre<lb/>
müssen die Knaben den Eltern weggenommen und der Schule der<lb/>
Nation überliefert werden, wo man sie in soldatischer Zucht, zu<lb/>
kurzer Redeweise und abgehärtetem Leben erzieht, und in Kriegsdienst,<lb/>
Ackerbau und Sprachkenntniß unterrichtet. Die Erklärung der Ehe<lb/>
wird erst nach erfolgter Schwangerschaft erfordert, jede kinderlose Ehe<lb/>
durch das Gesetz getrennt. Statt dessen tritt als öffentliche Jnsti-<lb/>
tution die <hi rendition="#g">Freundschaft.</hi> Mit dem 21. Lebensjahr hat jeder<lb/>
Bürger im Tempel zu erklären, wer seine Freunde sind, und wer<lb/>
keine Freunde nachweist, wird verbaunt. Die Freunde stehen im<lb/>
Gefecht nebeneinander, tragen als Schiedsrichter die Prozesse ihrer<lb/>
Genossen aus, müssen bei Schließung eines Vertrages anwesend<lb/>
sein. Wenn Jemand ein Verbrechen begeht, so werden seine Freunde<lb/>
verbannt.</p><lb/>
          <p>Bis diese Einrichtungen ihre Wirkung erzielt, und eine sittliche<lb/>
Bevölkerung erzogen haben, bedarf der Staat entweder eines kräftigen<lb/>
Diktators oder tugendhafter Censoren zu seiner Rettung. Unter<lb/>
Censoren verstehe ich hochbejahrte Männer, deren einer in jedem Be-<lb/>
zirk mit einem Gehalt von 6000 L. ohne eigene Amtsgewalt aber<lb/>
zur Beaufsichtigung der Beamten und Klageerhebung gegen schlechte<lb/>
Behörden aufgestellt werde. Jndessen, wie die Dinge einmal liegen,<lb/>
scheint mir der Weg durch die Diktatur der angemessenere. Ohne<lb/>
Zweifel ist die Zeit noch nicht gekommen, das Gute zu thun; man<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0002] übrig? Man sehe sich nur einmal danach um, welches Maß von Komfort in der großen Mehrzahl der Fälle für Dienstboten aus- reichend gehalten wird. Sie wohnen mit uns unter einem Dache. Aber thatsächlich stecken wir sie mit ihren Habseligkeiten gar häufig auch unmittelbar unter's Dach, oder, was noch schlimme ist, in den Keller; der schlechteste Winkel des Hauses soll für Die gut genug sein, denen wir es als Lebensaufgabe zuweisen, für unser häusliches Behagen zu sorgen. Sie speisen mit uns vom gleichen Mahle. Aber denken wir auch daran, daß auch sie, gleich uns, die Mahlzeit nicht verkümmert haben, weder in der Quantität, noch Qualität, noch in der Zeit dabei verkürzt sein wollen? Ja, daß sie auf alle diese Dinge bei ihrem Bildungsgrade fast noch größeren Werth zu legen berechtigt sind, als wir? Dürfen wir uns wundern, daß, je weniger wir ihnen an äußeren Annehmlichkeiten freiwillig bieten, um so aus- schreitender und maßloser ihre Forderungen werden? Wir, die wir für uns ein Leben, welches nicht den Wechsel böte zwischen Arbeit und Erholung, nicht lebenswerth finden würden -- wie können wir verlangen, daß so ein junges Blut, oder gar ein im Dienste ergrauter Dienstbote, nicht auch nach schwerer Arbeit sich der Erholung freuen möge? Heißt es nicht zu viel von den Dienstboten verlangen, daß sie, wenn's hoch kommt, allwöchentlich nur einmal einige Stunden, sich selbst und ihrem Vergnügen angehören mögen? Darf es uns wundern, wenn dieses knapp bemessene Maß heimlich oder ganz offen überschritten, und eine ausnahmsweise nöthige Versagung auch dieses knappen Maßes nur mit Widerwillen ge- tragen wird? Wir beklagen uns über den niedrigen Flug, den die Gedanken dieser unserer Hausgenossen nehmen, wenn sie sich vergnügen wollen. Aber denken wir auch daran, ihnen Gelegenheit zu edleren Vergnü- gungen zu verschaffen? Für mich ist es keine Frage, daß die wesentlichsten, die em- pfindlichsten der Mängel des Dienstbotenwesens, unter denen alle, unter denen auch die tüchtigsten und gebildetsten Hausfrauen leiden, ganz vorzugsweise zu Lasten der durchschnittlich fehlerhaften, nämlich viel zu einseitigen Erziehung der Töchter höherer Stände kommen. Zwei Kommnnisten=Staaten. IV. Höchst lehrreich ist in der That Alles, was uns über den alten Jnka=Staat und Paraguay überliefert ist; denn mutatis mutandis wird es heute auch bei uns sich nicht anders gestalten. Die klarer Blickenden unter den Fanatikern der Staatshilfe sehen wohl ein, daß, wie die Verhältnisse und Menschen gegenwärtig sind, ihr System wenig Aussicht auf Erfolg und Bestand hat, sie wollen deshalb zuerst die Menschheit zu diesem Jdeal eines Staates heranziehen, wie man theoretisirende Philister oft von der Republik sagen hört: schafft erst Republikaner. Auch die Politik der Jnka's ging wie die Robespierre's und St. Jnst's dahin, mit allen Mitteln der Gewalt die Masse ihrer Mit- bürger in eine neue Form der Sitte, der Religion und des Lebens zu gießen, ihr Staatswesen nicht nach dem Bedürfniß der Menschen zu gestalten, sondern den Willen unter das Modell des neuen Regi- ments zu beugen und zu zwingen. Wenn der Staat sich als Erzieher des Volks hinstellt, sagt Sybel in seiner Geschichte der Revolutionszeit, so darf er nicht ver- gessen, daß die Erziehung nicht die Knechtung, sondern die Befreiung des persönlichen Geistes bedeutet. Religion und Sitte verdienen ihren Namen nur in so ferne, als sie bei jedem Einzelnen neu aus der inneren Gesinnung geboren werden. Jedes äußerlich zwingende Strafgesetz auf diesem Gebiet ist ein Dolchstoß in das Herz des Völkerlebens. Die mit Schrecken erpreßte Sitte taugt so viel wie die mit Scheiterhaufen befestigte Religion; beide erstarren zu einem Werkdienste, indem sie selbst zu Grunde gehen, und der unterworfenen Nation nur die Wahl zwischen Empörung oder Erstickung lassen. So zerschnitt mit den großen Ketzergerichten des XIII. Saec. die päbstliche Weltherrschaft sich selbst die Wurzeln und wies die sittliche Schöpferkraft Europas auf außerkirchliche Bahnen. So er- schöpften im XVI. Saec. Spanien und Polen durch den kirchlichen Zwang und Kampf den Lebensstoff ihrer Völker auf Jahrhunderte hinaus und ertödteten ihr Staatswesen hier in lähmender Betäu- bung, dort in sittenloser Ungebundenheit. Es waren dieselben Wege, auf welche Robespierre einlenkte. Nach seinem Sinne sollte die Re- volution, welche einst auf Hampden und Franklin als ihre Vorbilder geblickt, welche dann getobt hatte wie die Bauern Georg Metzlers und Thomas Münzers, in einer dumpfen und stillen Tyrannei nach dem Muster König Philipps oder des Jnkastaates endigen. Ein höchst merkwürdiges Aktenstück ist in dieser Richtung der Gesetz=Entwurf St. Just's vom Jahre 1794 über die künf- tige Gestaltung Frankreichs. ( Buchez. Bd. 35. S. 294, zum Kampf am 7. Thermidor im Jahre II der Republik. ) „Die Jnsti- tutionen, sagt St. Just darin, sind die Gewähr freier Regierungen gegen die Verderbniß der Sitten, und die Gewähr freier Völker gegen die Verderbniß der Regierung. Wenn es Sitten gäbe, so ginge Alles gut: man bedarf deshalb Einrichtungen, sie zu reinigen, dann folgt alles Andere von selbst. Leider ist der augenblickliche Zustand in hohem Grad hoffnungsarm. Die Revolution ist erstarrt, die Grundsätze sind erschlafft, man sieht nur nach Freiheitsmützen auf Wühlerköpfen; die Handhabung des Schreckens hat die Ver- brecher abgestumpft, wie starke Getränke den Gaumen abstumpfen. Das Papiergeld in seiner Masse und seinen Schwankungen ist ins- besondere eine Pest für die Sitten des Volks. Viele Menschen sind dadurch reich, viele zu Bettlern, alle aber arbeitsscheu, habgierig und weichlich geworden. Das Trachten nach Reichthum ist allgemein; der Reichthum an sich aber ist ein Verbrechen. Jn einem ge- sunden Staat darf es keine Reichen und keine Armen geben, sondern jeder Bürger soll in dem Besitz eines ge- rade auskömmlichen Grundbesitzes sein. Denn die Hand des Mannes ist nur für den Pflug oder das Schwert bestimmt; jedes andere Gewerbe aber oder jede Gewerb- losigkeit verabscheuenswerth. Niemand darf Schätze aufhäufen und dadurch die Quote seines Nächsten schmälern, oder, wie Couthon im Convente gesagt, man muß die Gefühle der Menschen so stimmen, daß sie all ihr Gut nur als Eigenthum der einen großen Familie betrachten. Daher muß man die Nationalgüter in kleinen Loosen unter die Armen verschenken und wo das nicht ausreicht, die Grundbesitzer zur Bildung zahlreicher kleiner Pachthöfe zwingen; jeder Mensch über 25 Jahre, der nicht Beamter oder Handwerker ist, muß dann selbst den Acker bauen und jährlich 4 Schaafe auf jedem Morgen Landes aufziehen. Die Schlichtheit der bäuerlichen Sitten soll sich im Verbote aller Dienstboten und aller goldenen oder silbernen Geräthe aus- prägen; kein Kind unter 16 Jahren soll an irgend einem Tage, kein Erwachsener an 3 Tagen der Decade Fleisch essen, jeder Bürger jährlich Rechenschaft über den Stand seines Vermögens ablegen. Auf Grund dieser Prüfung wird er dann ein Zehntel seiner Renten und ein Fünfzehntel seines Arbeitsgewinn dem Staate zahlen und dieser hierauf jede andere Abgabe entbehren können. Sofort diese spartanische Bauernrepublik im vollen Umfang zu verwirklichen, erscheint uns zweifelhaft. Daher werfen wir unser Augenmerk auf das heranwachsende Geschlecht. Vom siebenten Jahre müssen die Knaben den Eltern weggenommen und der Schule der Nation überliefert werden, wo man sie in soldatischer Zucht, zu kurzer Redeweise und abgehärtetem Leben erzieht, und in Kriegsdienst, Ackerbau und Sprachkenntniß unterrichtet. Die Erklärung der Ehe wird erst nach erfolgter Schwangerschaft erfordert, jede kinderlose Ehe durch das Gesetz getrennt. Statt dessen tritt als öffentliche Jnsti- tution die Freundschaft. Mit dem 21. Lebensjahr hat jeder Bürger im Tempel zu erklären, wer seine Freunde sind, und wer keine Freunde nachweist, wird verbaunt. Die Freunde stehen im Gefecht nebeneinander, tragen als Schiedsrichter die Prozesse ihrer Genossen aus, müssen bei Schließung eines Vertrages anwesend sein. Wenn Jemand ein Verbrechen begeht, so werden seine Freunde verbannt. Bis diese Einrichtungen ihre Wirkung erzielt, und eine sittliche Bevölkerung erzogen haben, bedarf der Staat entweder eines kräftigen Diktators oder tugendhafter Censoren zu seiner Rettung. Unter Censoren verstehe ich hochbejahrte Männer, deren einer in jedem Be- zirk mit einem Gehalt von 6000 L. ohne eigene Amtsgewalt aber zur Beaufsichtigung der Beamten und Klageerhebung gegen schlechte Behörden aufgestellt werde. Jndessen, wie die Dinge einmal liegen, scheint mir der Weg durch die Diktatur der angemessenere. Ohne Zweifel ist die Zeit noch nicht gekommen, das Gute zu thun; man

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Institut für Deutsche Sprache, Mannheim: Bereitstellung der Bilddigitalisate und TEI Transkription
Peter Fankhauser: Transformation von TUSTEP nach TEI P5. Transformation von TEI P5 in das DTA TEI P5 Format.

Weitere Informationen:

Siehe Dokumentation




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0669_1870
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0669_1870/2
Zitationshilfe: Der Arbeitgeber. Nr. 669. Frankfurt a. M., 25. Februar 1870, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0669_1870/2>, abgerufen am 04.07.2022.