Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Berlin, 1802.

Bild:
<< vorherige Seite

Du hast mehr Eltern.

Wo gehen wir denn hin?

Immer nach Hause.

Sie waren jezt auf einen geräumigen
Platz im Holze gekommen, auf welchem ei¬
nige verfallene Thürme hinter tiefen Gräben
standen. Junges Gebüsch schlang sich um
die alten Mauern, wie ein jugendlicher
Kranz um das Silberhaupt eines Greises.
Man sah in die Unermeßlichkeit der Zeiten,
und erblickte die weitesten Geschichten in
kleine glänzende Minuten zusammen gezo¬
gen, wenn man die grauen Steine, die blitz¬
ähnlichen Risse, und die hohen, schaurigen
Gestalten betrachtete. So zeigt uns der
Himmel unendliche Räume in dunkles Blau
gekleidet und wie milchfarbne Schimmer, so
unschuldig wie die Wangen eines Kindes,
die fernsten Heere seiner schweren ungeheu¬
ren Welten. Sie gingen durch einen alten

Du haſt mehr Eltern.

Wo gehen wir denn hin?

Immer nach Hauſe.

Sie waren jezt auf einen geräumigen
Platz im Holze gekommen, auf welchem ei¬
nige verfallene Thürme hinter tiefen Gräben
ſtanden. Junges Gebüſch ſchlang ſich um
die alten Mauern, wie ein jugendlicher
Kranz um das Silberhaupt eines Greiſes.
Man ſah in die Unermeßlichkeit der Zeiten,
und erblickte die weiteſten Geſchichten in
kleine glänzende Minuten zuſammen gezo¬
gen, wenn man die grauen Steine, die blitz¬
ähnlichen Riſſe, und die hohen, ſchaurigen
Geſtalten betrachtete. So zeigt uns der
Himmel unendliche Räume in dunkles Blau
gekleidet und wie milchfarbne Schimmer, ſo
unſchuldig wie die Wangen eines Kindes,
die fernſten Heere ſeiner ſchweren ungeheu¬
ren Welten. Sie gingen durch einen alten

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0369" n="23"/>
Du ha&#x017F;t mehr Eltern.</p><lb/>
              <p>Wo gehen wir denn hin?</p><lb/>
              <p>Immer nach Hau&#x017F;e.</p><lb/>
              <p>Sie waren jezt auf einen geräumigen<lb/>
Platz im Holze gekommen, auf welchem ei¬<lb/>
nige verfallene Thürme hinter tiefen Gräben<lb/>
&#x017F;tanden. Junges Gebü&#x017F;ch &#x017F;chlang &#x017F;ich um<lb/>
die alten Mauern, wie ein jugendlicher<lb/>
Kranz um das Silberhaupt eines Grei&#x017F;es.<lb/>
Man &#x017F;ah in die Unermeßlichkeit der Zeiten,<lb/>
und erblickte die weite&#x017F;ten Ge&#x017F;chichten in<lb/>
kleine glänzende Minuten zu&#x017F;ammen gezo¬<lb/>
gen, wenn man die grauen Steine, die blitz¬<lb/>
ähnlichen Ri&#x017F;&#x017F;e, und die hohen, &#x017F;chaurigen<lb/>
Ge&#x017F;talten betrachtete. So zeigt uns der<lb/>
Himmel unendliche Räume in dunkles Blau<lb/>
gekleidet und wie milchfarbne Schimmer, &#x017F;o<lb/>
un&#x017F;chuldig wie die Wangen eines Kindes,<lb/>
die fern&#x017F;ten Heere &#x017F;einer &#x017F;chweren ungeheu¬<lb/>
ren Welten. Sie gingen durch einen alten<lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[23/0369] Du haſt mehr Eltern. Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hauſe. Sie waren jezt auf einen geräumigen Platz im Holze gekommen, auf welchem ei¬ nige verfallene Thürme hinter tiefen Gräben ſtanden. Junges Gebüſch ſchlang ſich um die alten Mauern, wie ein jugendlicher Kranz um das Silberhaupt eines Greiſes. Man ſah in die Unermeßlichkeit der Zeiten, und erblickte die weiteſten Geſchichten in kleine glänzende Minuten zuſammen gezo¬ gen, wenn man die grauen Steine, die blitz¬ ähnlichen Riſſe, und die hohen, ſchaurigen Geſtalten betrachtete. So zeigt uns der Himmel unendliche Räume in dunkles Blau gekleidet und wie milchfarbne Schimmer, ſo unſchuldig wie die Wangen eines Kindes, die fernſten Heere ſeiner ſchweren ungeheu¬ ren Welten. Sie gingen durch einen alten

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/novalis_ofterdingen_1802
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/novalis_ofterdingen_1802/369
Zitationshilfe: Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Berlin, 1802, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/novalis_ofterdingen_1802/369>, abgerufen am 18.05.2022.