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Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793.

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Das letzte ist der Kardinalpunkt -- sie starb
täglich wie jede wahre Christin; nicht ihrer Keusch¬
heit wegen, sondern sogar vor ihrer Keuschheit,
ich meine ein Paar Minuten -- sie und ihre Tu¬
gend fielen hinter einander in Ohnmacht. Wenn
ich über so etwas nicht weitläuftig bin: so bin ich
nicht werth, eine Feder zu schneiden und der Hen¬
ker soll meine Produkte holen. -- Die Tugend also
war bei der Ministerin so verdammt schlimm daran
wie bei einem Kind die junge Lieblingskatze. Ich
will von Tagszeiten gar nicht reden, sondern nur
von Wochentagen: ich will setzen, an jedem Tage
hatte ein andrer Antichrist und Erbfeind ihrer Tu¬
gend statt der Visitenkarte seinen Leib geschickt: so
hätt' es etwan so gehen können: am Montag war
ihre Tugend im stralenlosen Neumond, für Herrn
v. A. -- am Dienstag im Vollmond für H. v. B.,
der sagte, "zwischen ihr und einer Devote ist kein
Unterschied als das Alter" -- am Mitwoch in letz¬
tem Viertel für H. v. C., der sagt: j'y touche
deja
, an ihr Herz nämlich -- am Donnerstag im
ersten Viertel für H. v. D., der sagt: "peut-etre
que
-- -- und so fort mit den übrigen Feinden
der Woche; denn jeder Gegner sah, wie seinen

Das letzte iſt der Kardinalpunkt — ſie ſtarb
taͤglich wie jede wahre Chriſtin; nicht ihrer Keuſch¬
heit wegen, ſondern ſogar vor ihrer Keuſchheit,
ich meine ein Paar Minuten — ſie und ihre Tu¬
gend fielen hinter einander in Ohnmacht. Wenn
ich uͤber ſo etwas nicht weitlaͤuftig bin: ſo bin ich
nicht werth, eine Feder zu ſchneiden und der Hen¬
ker ſoll meine Produkte holen. — Die Tugend alſo
war bei der Miniſterin ſo verdammt ſchlimm daran
wie bei einem Kind die junge Lieblingskatze. Ich
will von Tagszeiten gar nicht reden, ſondern nur
von Wochentagen: ich will ſetzen, an jedem Tage
hatte ein andrer Antichriſt und Erbfeind ihrer Tu¬
gend ſtatt der Viſitenkarte ſeinen Leib geſchickt: ſo
haͤtt' es etwan ſo gehen koͤnnen: am Montag war
ihre Tugend im ſtralenloſen Neumond, fuͤr Herrn
v. A. — am Dienſtag im Vollmond fuͤr H. v. B.,
der ſagte, „zwiſchen ihr und einer Devote iſt kein
Unterſchied als das Alter“ — am Mitwoch in letz¬
tem Viertel fuͤr H. v. C., der ſagt: j'y touche
dejà
, an ihr Herz naͤmlich — am Donnerſtag im
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que
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[40/0050] Das letzte iſt der Kardinalpunkt — ſie ſtarb taͤglich wie jede wahre Chriſtin; nicht ihrer Keuſch¬ heit wegen, ſondern ſogar vor ihrer Keuſchheit, ich meine ein Paar Minuten — ſie und ihre Tu¬ gend fielen hinter einander in Ohnmacht. Wenn ich uͤber ſo etwas nicht weitlaͤuftig bin: ſo bin ich nicht werth, eine Feder zu ſchneiden und der Hen¬ ker ſoll meine Produkte holen. — Die Tugend alſo war bei der Miniſterin ſo verdammt ſchlimm daran wie bei einem Kind die junge Lieblingskatze. Ich will von Tagszeiten gar nicht reden, ſondern nur von Wochentagen: ich will ſetzen, an jedem Tage hatte ein andrer Antichriſt und Erbfeind ihrer Tu¬ gend ſtatt der Viſitenkarte ſeinen Leib geſchickt: ſo haͤtt' es etwan ſo gehen koͤnnen: am Montag war ihre Tugend im ſtralenloſen Neumond, fuͤr Herrn v. A. — am Dienſtag im Vollmond fuͤr H. v. B., der ſagte, „zwiſchen ihr und einer Devote iſt kein Unterſchied als das Alter“ — am Mitwoch in letz¬ tem Viertel fuͤr H. v. C., der ſagt: j'y touche dejà, an ihr Herz naͤmlich — am Donnerſtag im erſten Viertel fuͤr H. v. D., der ſagt: „peut-être que — — und ſo fort mit den uͤbrigen Feinden der Woche; denn jeder Gegner ſah, wie ſeinen

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Zitationshilfe: Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/50>, abgerufen am 19.04.2024.