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[Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. Bd. 3. Frankfurt (Main) u. a., 1785.

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Herz war nicht darbey, und sie denkte nichts
dabey; jezt wurden sie ihr zur Lust des Men-
schen, der einem Kind aus dem Elend, das Glük
seines Lebens gründet.

Sie thut das, und giebt jezt ihren Armen
nicht mehr nur Brod und Geld, sondern sich
selber, und ihre Zeit, ihren Verstand, ihr An-
sehen und alles, so gar ihren freudigen Muth,
ihnen also zu helfen, daß ihnen würklich gehol-
fen.

Aber mitten indem sie ihnen hilft, legt sie
ihnen auch Zaum und Gebiß in den Mund,
daß sie gegen eine gute Hausordnung, auf die
sie ihre Hülfe jezt baut, nicht aufschlagen dörf-
ten, und legt nie keine Hand an, so lang ein
Armer einen Krebs im Busen verbergen will,
der ihre Hülf vereiteln, und was sie immer an
ihm thäte, ihn doch zum Tod bringen würde.

Man mag darüber sagen, was man will,
gewiß ist nur das ein wahres Allmosen, wenn
man macht, daß der so es empfangt, nicht fer-
ner betteln muß. -- Das ist wahr, oder
das Allmosen ist nicht ein Opfer der Weisheit
und Güte sondern etwas ganz anders.

Ihre Mutter ist jezt auch wieder gut mit ihr.
Da sie siehet daß der Junker mit seinen Sachen
Meister wird, so ist ihr jezt auch recht, daß
ihre Tochter ihm hilft.

Sie ist ein sonderbares Mensch, diese Mut-

Herz war nicht darbey, und ſie denkte nichts
dabey; jezt wurden ſie ihr zur Luſt des Men-
ſchen, der einem Kind aus dem Elend, das Gluͤk
ſeines Lebens gruͤndet.

Sie thut das, und giebt jezt ihren Armen
nicht mehr nur Brod und Geld, ſondern ſich
ſelber, und ihre Zeit, ihren Verſtand, ihr An-
ſehen und alles, ſo gar ihren freudigen Muth,
ihnen alſo zu helfen, daß ihnen wuͤrklich gehol-
fen.

Aber mitten indem ſie ihnen hilft, legt ſie
ihnen auch Zaum und Gebiß in den Mund,
daß ſie gegen eine gute Hausordnung, auf die
ſie ihre Huͤlfe jezt baut, nicht aufſchlagen doͤrf-
ten, und legt nie keine Hand an, ſo lang ein
Armer einen Krebs im Buſen verbergen will,
der ihre Huͤlf vereiteln, und was ſie immer an
ihm thaͤte, ihn doch zum Tod bringen wuͤrde.

Man mag daruͤber ſagen, was man will,
gewiß iſt nur das ein wahres Allmoſen, wenn
man macht, daß der ſo es empfangt, nicht fer-
ner betteln muß. — Das iſt wahr, oder
das Allmoſen iſt nicht ein Opfer der Weisheit
und Guͤte ſondern etwas ganz anders.

Ihre Mutter iſt jezt auch wieder gut mit ihr.
Da ſie ſiehet daß der Junker mit ſeinen Sachen
Meiſter wird, ſo iſt ihr jezt auch recht, daß
ihre Tochter ihm hilft.

Sie iſt ein ſonderbares Menſch, dieſe Mut-

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[366/0388] Herz war nicht darbey, und ſie denkte nichts dabey; jezt wurden ſie ihr zur Luſt des Men- ſchen, der einem Kind aus dem Elend, das Gluͤk ſeines Lebens gruͤndet. Sie thut das, und giebt jezt ihren Armen nicht mehr nur Brod und Geld, ſondern ſich ſelber, und ihre Zeit, ihren Verſtand, ihr An- ſehen und alles, ſo gar ihren freudigen Muth, ihnen alſo zu helfen, daß ihnen wuͤrklich gehol- fen. Aber mitten indem ſie ihnen hilft, legt ſie ihnen auch Zaum und Gebiß in den Mund, daß ſie gegen eine gute Hausordnung, auf die ſie ihre Huͤlfe jezt baut, nicht aufſchlagen doͤrf- ten, und legt nie keine Hand an, ſo lang ein Armer einen Krebs im Buſen verbergen will, der ihre Huͤlf vereiteln, und was ſie immer an ihm thaͤte, ihn doch zum Tod bringen wuͤrde. Man mag daruͤber ſagen, was man will, gewiß iſt nur das ein wahres Allmoſen, wenn man macht, daß der ſo es empfangt, nicht fer- ner betteln muß. — Das iſt wahr, oder das Allmoſen iſt nicht ein Opfer der Weisheit und Guͤte ſondern etwas ganz anders. Ihre Mutter iſt jezt auch wieder gut mit ihr. Da ſie ſiehet daß der Junker mit ſeinen Sachen Meiſter wird, ſo iſt ihr jezt auch recht, daß ihre Tochter ihm hilft. Sie iſt ein ſonderbares Menſch, dieſe Mut-

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Zitationshilfe: [Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. Bd. 3. Frankfurt (Main) u. a., 1785, S. 366. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard03_1785/388>, abgerufen am 17.04.2024.