Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Platen, August von: Der romantische Oedipus. Stuttgart u. a., 1829.

Bild:
<< vorherige Seite
Daß hier der schwulsteinpöcklerische Musensohn,
Der deutsche Shakespear athmet? Unter Schafen hier?
Das wundert mich!
Chor.
Warum?
Publicum.
Wer hätte das gedacht?
Chor.
Warum? Er ist Besitzer einer Schäferei:
Trieb nicht auch Paris, welchem doch Olympier
Schiedsrichteramt verliehen, trieb Adonis nicht
Haidschnucken? Was auch sollte sonst der Treffliche
Vornehmen, hier in dieser Abgeschiedenheit?
Publicum.
Wenn ich's gerade sagen soll, Scharfrichterei:
Ich las entzückt sein Trauerspiel Cardenio,
Die größte, mehr als ekelhafte, Metzelung,
Die je der fette Frosch Bombast in dunstigen
Irrlichtersumpf poetischen Wahnsinns laichete.
Denn so charakterisiren's uns die Kritiker;
Doch eben was mißfallen hat den Kritikern,
Entzückte mich. Ich flog hieher, dem Dichter selbst
Die Hand zu schütteln. Aber sprich, wo find' ich ihn?
Chor.
Er überlegt ein Trauerspiel.
Publicum.
Schon wieder eins?
Chor.
O zehn für eins! Leicht fertig sind Romantiker,
Die's laufen lassen, wie es läuft.
Daß hier der ſchwulſteinpoͤckleriſche Muſenſohn,
Der deutſche Shakeſpear athmet? Unter Schafen hier?
Das wundert mich!
Chor.
Warum?
Publicum.
Wer haͤtte das gedacht?
Chor.
Warum? Er iſt Beſitzer einer Schaͤferei:
Trieb nicht auch Paris, welchem doch Olympier
Schiedsrichteramt verliehen, trieb Adonis nicht
Haidſchnucken? Was auch ſollte ſonſt der Treffliche
Vornehmen, hier in dieſer Abgeſchiedenheit?
Publicum.
Wenn ich's gerade ſagen ſoll, Scharfrichterei:
Ich las entzuͤckt ſein Trauerſpiel Cardenio,
Die groͤßte, mehr als ekelhafte, Metzelung,
Die je der fette Froſch Bombaſt in dunſtigen
Irrlichterſumpf poetiſchen Wahnſinns laichete.
Denn ſo charakteriſiren's uns die Kritiker;
Doch eben was mißfallen hat den Kritikern,
Entzuͤckte mich. Ich flog hieher, dem Dichter ſelbſt
Die Hand zu ſchuͤtteln. Aber ſprich, wo find' ich ihn?
Chor.
Er uͤberlegt ein Trauerſpiel.
Publicum.
Schon wieder eins?
Chor.
O zehn fuͤr eins! Leicht fertig ſind Romantiker,
Die's laufen laſſen, wie es laͤuft.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <sp who="#PUB">
            <p><pb facs="#f0012" n="6"/>
Daß hier der &#x017F;chwul&#x017F;teinpo&#x0364;ckleri&#x017F;che Mu&#x017F;en&#x017F;ohn,<lb/>
Der deut&#x017F;che Shake&#x017F;pear athmet? Unter Schafen hier?<lb/>
Das wundert mich!</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#CHO">
            <speaker> <hi rendition="#c"><hi rendition="#g">Chor</hi>.</hi> </speaker><lb/>
            <p>Warum?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#PUB">
            <speaker> <hi rendition="#c"><hi rendition="#g">Publicum</hi>.</hi> </speaker><lb/>
            <p>Wer ha&#x0364;tte das gedacht?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#CHO">
            <speaker> <hi rendition="#c"><hi rendition="#g">Chor</hi>.</hi> </speaker><lb/>
            <p>Warum? Er i&#x017F;t Be&#x017F;itzer einer Scha&#x0364;ferei:<lb/>
Trieb nicht auch Paris, welchem doch Olympier<lb/>
Schiedsrichteramt verliehen, trieb Adonis nicht<lb/>
Haid&#x017F;chnucken? Was auch &#x017F;ollte &#x017F;on&#x017F;t der Treffliche<lb/>
Vornehmen, hier in die&#x017F;er Abge&#x017F;chiedenheit?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#PUB">
            <speaker> <hi rendition="#c"><hi rendition="#g">Publicum</hi>.</hi> </speaker><lb/>
            <p>Wenn ich's gerade &#x017F;agen &#x017F;oll, Scharfrichterei:<lb/>
Ich las entzu&#x0364;ckt &#x017F;ein Trauer&#x017F;piel Cardenio,<lb/>
Die gro&#x0364;ßte, mehr als ekelhafte, Metzelung,<lb/>
Die je der fette Fro&#x017F;ch Bomba&#x017F;t in dun&#x017F;tigen<lb/>
Irrlichter&#x017F;umpf poeti&#x017F;chen Wahn&#x017F;inns laichete.<lb/>
Denn <hi rendition="#g">&#x017F;o</hi> charakteri&#x017F;iren's uns die Kritiker;<lb/>
Doch eben was mißfallen hat den Kritikern,<lb/>
Entzu&#x0364;ckte mich. Ich flog hieher, dem Dichter &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
Die Hand zu &#x017F;chu&#x0364;tteln. Aber &#x017F;prich, wo find' ich ihn?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#CHO">
            <speaker> <hi rendition="#c"><hi rendition="#g">Chor</hi>.</hi> </speaker><lb/>
            <p>Er u&#x0364;berlegt ein Trauer&#x017F;piel.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#PUB">
            <speaker> <hi rendition="#c"><hi rendition="#g">Publicum</hi>.</hi> </speaker><lb/>
            <p>Schon wieder eins?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#CHO">
            <speaker> <hi rendition="#c"><hi rendition="#g">Chor</hi>.</hi> </speaker><lb/>
            <p>O zehn fu&#x0364;r eins! Leicht fertig &#x017F;ind Romantiker,<lb/>
Die's laufen la&#x017F;&#x017F;en, wie es la&#x0364;uft.</p>
          </sp><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[6/0012] Daß hier der ſchwulſteinpoͤckleriſche Muſenſohn, Der deutſche Shakeſpear athmet? Unter Schafen hier? Das wundert mich! Chor. Warum? Publicum. Wer haͤtte das gedacht? Chor. Warum? Er iſt Beſitzer einer Schaͤferei: Trieb nicht auch Paris, welchem doch Olympier Schiedsrichteramt verliehen, trieb Adonis nicht Haidſchnucken? Was auch ſollte ſonſt der Treffliche Vornehmen, hier in dieſer Abgeſchiedenheit? Publicum. Wenn ich's gerade ſagen ſoll, Scharfrichterei: Ich las entzuͤckt ſein Trauerſpiel Cardenio, Die groͤßte, mehr als ekelhafte, Metzelung, Die je der fette Froſch Bombaſt in dunſtigen Irrlichterſumpf poetiſchen Wahnſinns laichete. Denn ſo charakteriſiren's uns die Kritiker; Doch eben was mißfallen hat den Kritikern, Entzuͤckte mich. Ich flog hieher, dem Dichter ſelbſt Die Hand zu ſchuͤtteln. Aber ſprich, wo find' ich ihn? Chor. Er uͤberlegt ein Trauerſpiel. Publicum. Schon wieder eins? Chor. O zehn fuͤr eins! Leicht fertig ſind Romantiker, Die's laufen laſſen, wie es laͤuft.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/platen_oedipus_1829
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/platen_oedipus_1829/12
Zitationshilfe: Platen, August von: Der romantische Oedipus. Stuttgart u. a., 1829, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/platen_oedipus_1829/12>, abgerufen am 25.02.2024.