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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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2. Nährpflanzen.
Pfirsiche, verlieren, wenn man sie nach Japan oder China verpflanzt,
bald ihr Aroma und degenerieren zum Theil auch in der Gestalt und
Grösse. Daher finden zum Beispiel die Aepfel Californiens während der
Wintermonate in allen grösseren Häfen Ostasiens von Yokohama bis Singa-
pore unter den Fremden grossen Beifall und viel Absatz. Die Ursache
jener Entartung des Obstes in Japan und China, namentlich des feh-
lenden Aromas, dürfte im Klima, vor allem in den feuchten, regen-
reichen Sommern zu suchen sein, ist jedoch nicht sicher ergründet.
Auch mit gewöhnlichem Beerenobste ist das Land recht schlecht ver-
sehen. Unsere schwarzen Maulbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren,
Himbeeren, Heidelbeeren und andere Arten fehlten bisher ganz, wäh-
rend Erdbeeren und Trauben nur spärlich und in untergeordneter Qua-
lität vorkamen. Was aber von wildwachsenden Beeren genossen wird,
entspricht meist nicht unserm Geschmack. Tropische Beerenfrüchte kom-
men aber gar nicht in Betracht; denn die wichtigste und unempfind-
lichste derselben, die Banane, reift selbst in Satsuma ihre Früchte nicht.

Bemerkenswerth ist, dass die bei Zierpflanzen in Japan so beliebte
Zwergbildung auf die Obstsorten selten Anwendung findet, ebensowe-
nig die in Europa geschätzte und verbreitete Cultur von Pyramiden-,
Cordon- und Spalierobst. Eine besondere Pflege wird überhaupt nur
wenigen Obstsorten, wie Trauben, Orangen, Pfirsichen und Birnen, und
auch diesen keineswegs allgemein zu theil. Es mag dies theilweise
von der Geschmacksrichtung abhängen, welche bei vielen Völkern von
der unsrigen auch in diesen rein materiellen Dingen abweicht. Wie
z. B. in Marokko und China, so werden auch in Japan eine Menge
Früchte im harten, unreifen Zustande gegessen, z. B. Aepfel und Pfir-
siche, oder wenigstens geerntet und zum Nachreifen aufgehoben, wie
die Biwa (Eriobotrya japonica). Dieser Geschmacksrichtung ganz ent-
sprechend, schätzt der Japaner seine schönen und saftigen, aber harten
und unaromatischen Birnen, welche De Candolle*) mit Recht "plus
beau que bon" nennt, während sie die meisten Fremden nicht mögen.

Zu den wenigen wohlschmeckenden Obstsorten Japans gehören vor
allen Dingen die Mandarinorangen, die Kaki und die Kastanien, denen
Ostasien eine uralte Heimat ist. Die Mandarinorangen hat man schon
lange, die Kaki erst in neuester Zeit aus ihrem ältesten Culturlande
China nach Südeuropa und weiter verpflanzt. Bei den Kastanien ist
die Verbreitung und Verwilderung so leicht und weitgehend, dass die
Feststellung ihres ersten Ausgangs grosse, noch nicht überwundene
Schwierigkeiten bietet. Der erfolgreiche Anbau einer vierten Obstsorte

*) L'Origine des plantes cultivees. Paris 1883. pg. 136.
Rein, Japan. II. 7

2. Nährpflanzen.
Pfirsiche, verlieren, wenn man sie nach Japan oder China verpflanzt,
bald ihr Aroma und degenerieren zum Theil auch in der Gestalt und
Grösse. Daher finden zum Beispiel die Aepfel Californiens während der
Wintermonate in allen grösseren Häfen Ostasiens von Yokohama bis Singa-
pore unter den Fremden grossen Beifall und viel Absatz. Die Ursache
jener Entartung des Obstes in Japan und China, namentlich des feh-
lenden Aromas, dürfte im Klima, vor allem in den feuchten, regen-
reichen Sommern zu suchen sein, ist jedoch nicht sicher ergründet.
Auch mit gewöhnlichem Beerenobste ist das Land recht schlecht ver-
sehen. Unsere schwarzen Maulbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren,
Himbeeren, Heidelbeeren und andere Arten fehlten bisher ganz, wäh-
rend Erdbeeren und Trauben nur spärlich und in untergeordneter Qua-
lität vorkamen. Was aber von wildwachsenden Beeren genossen wird,
entspricht meist nicht unserm Geschmack. Tropische Beerenfrüchte kom-
men aber gar nicht in Betracht; denn die wichtigste und unempfind-
lichste derselben, die Banane, reift selbst in Satsuma ihre Früchte nicht.

Bemerkenswerth ist, dass die bei Zierpflanzen in Japan so beliebte
Zwergbildung auf die Obstsorten selten Anwendung findet, ebensowe-
nig die in Europa geschätzte und verbreitete Cultur von Pyramiden-,
Cordon- und Spalierobst. Eine besondere Pflege wird überhaupt nur
wenigen Obstsorten, wie Trauben, Orangen, Pfirsichen und Birnen, und
auch diesen keineswegs allgemein zu theil. Es mag dies theilweise
von der Geschmacksrichtung abhängen, welche bei vielen Völkern von
der unsrigen auch in diesen rein materiellen Dingen abweicht. Wie
z. B. in Marokko und China, so werden auch in Japan eine Menge
Früchte im harten, unreifen Zustande gegessen, z. B. Aepfel und Pfir-
siche, oder wenigstens geerntet und zum Nachreifen aufgehoben, wie
die Biwa (Eriobotrya japonica). Dieser Geschmacksrichtung ganz ent-
sprechend, schätzt der Japaner seine schönen und saftigen, aber harten
und unaromatischen Birnen, welche De Candolle*) mit Recht »plus
beau que bon« nennt, während sie die meisten Fremden nicht mögen.

Zu den wenigen wohlschmeckenden Obstsorten Japans gehören vor
allen Dingen die Mandarinorangen, die Kaki und die Kastanien, denen
Ostasien eine uralte Heimat ist. Die Mandarinorangen hat man schon
lange, die Kaki erst in neuester Zeit aus ihrem ältesten Culturlande
China nach Südeuropa und weiter verpflanzt. Bei den Kastanien ist
die Verbreitung und Verwilderung so leicht und weitgehend, dass die
Feststellung ihres ersten Ausgangs grosse, noch nicht überwundene
Schwierigkeiten bietet. Der erfolgreiche Anbau einer vierten Obstsorte

*) L’Origine des plantes cultivées. Paris 1883. pg. 136.
Rein, Japan. II. 7
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[97/0117] 2. Nährpflanzen. Pfirsiche, verlieren, wenn man sie nach Japan oder China verpflanzt, bald ihr Aroma und degenerieren zum Theil auch in der Gestalt und Grösse. Daher finden zum Beispiel die Aepfel Californiens während der Wintermonate in allen grösseren Häfen Ostasiens von Yokohama bis Singa- pore unter den Fremden grossen Beifall und viel Absatz. Die Ursache jener Entartung des Obstes in Japan und China, namentlich des feh- lenden Aromas, dürfte im Klima, vor allem in den feuchten, regen- reichen Sommern zu suchen sein, ist jedoch nicht sicher ergründet. Auch mit gewöhnlichem Beerenobste ist das Land recht schlecht ver- sehen. Unsere schwarzen Maulbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und andere Arten fehlten bisher ganz, wäh- rend Erdbeeren und Trauben nur spärlich und in untergeordneter Qua- lität vorkamen. Was aber von wildwachsenden Beeren genossen wird, entspricht meist nicht unserm Geschmack. Tropische Beerenfrüchte kom- men aber gar nicht in Betracht; denn die wichtigste und unempfind- lichste derselben, die Banane, reift selbst in Satsuma ihre Früchte nicht. Bemerkenswerth ist, dass die bei Zierpflanzen in Japan so beliebte Zwergbildung auf die Obstsorten selten Anwendung findet, ebensowe- nig die in Europa geschätzte und verbreitete Cultur von Pyramiden-, Cordon- und Spalierobst. Eine besondere Pflege wird überhaupt nur wenigen Obstsorten, wie Trauben, Orangen, Pfirsichen und Birnen, und auch diesen keineswegs allgemein zu theil. Es mag dies theilweise von der Geschmacksrichtung abhängen, welche bei vielen Völkern von der unsrigen auch in diesen rein materiellen Dingen abweicht. Wie z. B. in Marokko und China, so werden auch in Japan eine Menge Früchte im harten, unreifen Zustande gegessen, z. B. Aepfel und Pfir- siche, oder wenigstens geerntet und zum Nachreifen aufgehoben, wie die Biwa (Eriobotrya japonica). Dieser Geschmacksrichtung ganz ent- sprechend, schätzt der Japaner seine schönen und saftigen, aber harten und unaromatischen Birnen, welche De Candolle *) mit Recht »plus beau que bon« nennt, während sie die meisten Fremden nicht mögen. Zu den wenigen wohlschmeckenden Obstsorten Japans gehören vor allen Dingen die Mandarinorangen, die Kaki und die Kastanien, denen Ostasien eine uralte Heimat ist. Die Mandarinorangen hat man schon lange, die Kaki erst in neuester Zeit aus ihrem ältesten Culturlande China nach Südeuropa und weiter verpflanzt. Bei den Kastanien ist die Verbreitung und Verwilderung so leicht und weitgehend, dass die Feststellung ihres ersten Ausgangs grosse, noch nicht überwundene Schwierigkeiten bietet. Der erfolgreiche Anbau einer vierten Obstsorte *) L’Origine des plantes cultivées. Paris 1883. pg. 136. Rein, Japan. II. 7

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 97. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/117>, abgerufen am 13.06.2021.