Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751.

Bild:
<< vorherige Seite


Entschuldigen Sie mich, gnädige Fräulein.
Jch habe die aufrichtigste Ehrfurcht gegen Sie,
und wollte Jhnen um aller Welt willen nicht mis-
fällig werden.

Jch will mir nicht herausnehmen, über die
Briefe, welche ich Jhnen schicke, und über die
Nachrichten, die ich Jhnen von dem erschreckli-
chen Ende zwoer unglücklichen und elenden Per-
sonen zu geben habe, Anmerkungen zu machen.
Die beyden Personen hatten in der Sache Jhrer
anbetenswürdigen Freundinn die meiste Schuld.
Sie sind die schändliche Sinclair und einer, von
dem Sie sonder Zweifel in den Briefen der rei-
zenden und unschuldigen Fräulein unter dem Na-
men des Capitain Tomlinson etwas gelesen
haben.

Das nichtswürdige Weib starb in der äußer-
sten Marter und Verzweifelung: der Kerl, an
Wunden, die er in seiner Vertheidigung bekom-
men hatte, als er verbotene Waaren aufbrachte.
Beyde warfen sich in ihren letzten Stunden die
Rollen, welche sie gegen das vortrefflichste Frauen-
zimmer gespielet hatten, als das Verbrechen vor,
das ihr Gewissen am meisten beunruhigte.

Erlauben Sie mir zu sagen, gnädige Fräu-
lein, daß, wo kein Mitleiden gegen den armen
Menschen, der von der Angst seines eignen Ge-
wissens, wie Sie aus seinem Briefe sehen wer-
den, so viel leidet, und gegen die unglückliche Fa-
milie, die so empfindliche Gewissensregungen füh-
let; wie Sie aus den Briefen des Obrist Mor-

dens


Entſchuldigen Sie mich, gnaͤdige Fraͤulein.
Jch habe die aufrichtigſte Ehrfurcht gegen Sie,
und wollte Jhnen um aller Welt willen nicht mis-
faͤllig werden.

Jch will mir nicht herausnehmen, uͤber die
Briefe, welche ich Jhnen ſchicke, und uͤber die
Nachrichten, die ich Jhnen von dem erſchreckli-
chen Ende zwoer ungluͤcklichen und elenden Per-
ſonen zu geben habe, Anmerkungen zu machen.
Die beyden Perſonen hatten in der Sache Jhrer
anbetenswuͤrdigen Freundinn die meiſte Schuld.
Sie ſind die ſchaͤndliche Sinclair und einer, von
dem Sie ſonder Zweifel in den Briefen der rei-
zenden und unſchuldigen Fraͤulein unter dem Na-
men des Capitain Tomlinſon etwas geleſen
haben.

Das nichtswuͤrdige Weib ſtarb in der aͤußer-
ſten Marter und Verzweifelung: der Kerl, an
Wunden, die er in ſeiner Vertheidigung bekom-
men hatte, als er verbotene Waaren aufbrachte.
Beyde warfen ſich in ihren letzten Stunden die
Rollen, welche ſie gegen das vortrefflichſte Frauen-
zimmer geſpielet hatten, als das Verbrechen vor,
das ihr Gewiſſen am meiſten beunruhigte.

Erlauben Sie mir zu ſagen, gnaͤdige Fraͤu-
lein, daß, wo kein Mitleiden gegen den armen
Menſchen, der von der Angſt ſeines eignen Ge-
wiſſens, wie Sie aus ſeinem Briefe ſehen wer-
den, ſo viel leidet, und gegen die ungluͤckliche Fa-
milie, die ſo empfindliche Gewiſſensregungen fuͤh-
let; wie Sie aus den Briefen des Obriſt Mor-

dens
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0768" n="762"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <p>Ent&#x017F;chuldigen Sie mich, gna&#x0364;dige Fra&#x0364;ulein.<lb/>
Jch habe die aufrichtig&#x017F;te Ehrfurcht gegen Sie,<lb/>
und wollte Jhnen um aller Welt willen nicht mis-<lb/>
fa&#x0364;llig werden.</p><lb/>
          <p>Jch will mir nicht herausnehmen, u&#x0364;ber die<lb/>
Briefe, welche ich Jhnen &#x017F;chicke, und u&#x0364;ber die<lb/>
Nachrichten, die ich Jhnen von dem er&#x017F;chreckli-<lb/>
chen Ende zwoer unglu&#x0364;cklichen und elenden Per-<lb/>
&#x017F;onen zu geben habe, Anmerkungen zu machen.<lb/>
Die beyden Per&#x017F;onen hatten in der Sache Jhrer<lb/>
anbetenswu&#x0364;rdigen Freundinn die mei&#x017F;te Schuld.<lb/>
Sie &#x017F;ind die &#x017F;cha&#x0364;ndliche <hi rendition="#fr">Sinclair</hi> und einer, von<lb/>
dem Sie &#x017F;onder Zweifel in den Briefen der rei-<lb/>
zenden und un&#x017F;chuldigen Fra&#x0364;ulein unter dem Na-<lb/>
men des Capitain <hi rendition="#fr">Tomlin&#x017F;on</hi> etwas gele&#x017F;en<lb/>
haben.</p><lb/>
          <p>Das nichtswu&#x0364;rdige Weib &#x017F;tarb in der a&#x0364;ußer-<lb/>
&#x017F;ten Marter und Verzweifelung: der Kerl, an<lb/>
Wunden, die er in &#x017F;einer Vertheidigung bekom-<lb/>
men hatte, als er verbotene Waaren aufbrachte.<lb/>
Beyde warfen &#x017F;ich in ihren letzten Stunden die<lb/>
Rollen, welche &#x017F;ie gegen das vortrefflich&#x017F;te Frauen-<lb/>
zimmer ge&#x017F;pielet hatten, als das Verbrechen vor,<lb/>
das ihr Gewi&#x017F;&#x017F;en am mei&#x017F;ten beunruhigte.</p><lb/>
          <p>Erlauben Sie mir zu &#x017F;agen, gna&#x0364;dige Fra&#x0364;u-<lb/>
lein, daß, wo kein Mitleiden gegen den armen<lb/>
Men&#x017F;chen, der von der Ang&#x017F;t &#x017F;eines eignen Ge-<lb/>
wi&#x017F;&#x017F;ens, wie Sie aus &#x017F;einem Briefe &#x017F;ehen wer-<lb/>
den, &#x017F;o viel leidet, und gegen die unglu&#x0364;ckliche Fa-<lb/>
milie, die &#x017F;o empfindliche Gewi&#x017F;&#x017F;ensregungen fu&#x0364;h-<lb/>
let; wie Sie aus den Briefen des Obri&#x017F;t Mor-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">dens</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[762/0768] Entſchuldigen Sie mich, gnaͤdige Fraͤulein. Jch habe die aufrichtigſte Ehrfurcht gegen Sie, und wollte Jhnen um aller Welt willen nicht mis- faͤllig werden. Jch will mir nicht herausnehmen, uͤber die Briefe, welche ich Jhnen ſchicke, und uͤber die Nachrichten, die ich Jhnen von dem erſchreckli- chen Ende zwoer ungluͤcklichen und elenden Per- ſonen zu geben habe, Anmerkungen zu machen. Die beyden Perſonen hatten in der Sache Jhrer anbetenswuͤrdigen Freundinn die meiſte Schuld. Sie ſind die ſchaͤndliche Sinclair und einer, von dem Sie ſonder Zweifel in den Briefen der rei- zenden und unſchuldigen Fraͤulein unter dem Na- men des Capitain Tomlinſon etwas geleſen haben. Das nichtswuͤrdige Weib ſtarb in der aͤußer- ſten Marter und Verzweifelung: der Kerl, an Wunden, die er in ſeiner Vertheidigung bekom- men hatte, als er verbotene Waaren aufbrachte. Beyde warfen ſich in ihren letzten Stunden die Rollen, welche ſie gegen das vortrefflichſte Frauen- zimmer geſpielet hatten, als das Verbrechen vor, das ihr Gewiſſen am meiſten beunruhigte. Erlauben Sie mir zu ſagen, gnaͤdige Fraͤu- lein, daß, wo kein Mitleiden gegen den armen Menſchen, der von der Angſt ſeines eignen Ge- wiſſens, wie Sie aus ſeinem Briefe ſehen wer- den, ſo viel leidet, und gegen die ungluͤckliche Fa- milie, die ſo empfindliche Gewiſſensregungen fuͤh- let; wie Sie aus den Briefen des Obriſt Mor- dens

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751/768
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751, S. 762. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751/768>, abgerufen am 21.02.2024.