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Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894.

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schichte auch dadurch, dass hier, im Gefolge des Heroenglaubens,
die alterthümlich rohe, bei allen der Idololatrie ergebenen Völ-
kern vorkommende Vorstellung, dass die Macht eines "Geistes"
in seinem Abbilde wohne, so unbefangen wie selten hervortritt.
Sie liegt noch manchen Sagen von der Rache stummer Bilder
an ihren Beleidigern zu Grunde1). Die Standbilder des Thea-
genes übrigens heilten noch in späten Zeiten Fieberkranke2),
ebenso die eines anderen berühmten Faustkämpfers, des Poly-
damas von Skotussa3). Ein achäischer Olympionike, Oibotas
von Dyme, hatte durch einen Fluch Jahrhunderte lang4) Siege
der Achäer im Wettkampf verhindert; als er versöhnt war,
knüpfte an sein Standbild sich die Verehrung der Achäer, die
in Olympia sich zu einem Wettkampf anschickten5).

12.

Der Heroenglaube nahm doch auch einen höheren Schwung.
Nicht nur in freien Kampfspielen, auch in wahrer Noth, in den
Kämpfen um alle höchsten Güter, um Freiheit und Bestand
des Vaterlandes waren die Heroen den Griechen zur Seite.
Nirgends tritt uns so deutlich entgegen, wie wahr und lebendig
damals unter den Griechen der Heroenglaube war, als in dem
was uns von Anrufung der Heroen und ihrer Einwirkung in den

1) Bekannt ist, aus Aristoteles Poet. 9, p. 1452 a, 7 ff. (mirab. ausc.
158), die Geschichte von Mitys (oder Bitys) in Argos. Noch einige solche
Legenden verzeichnet Wyttenbach, Plut. Moral. VII, p. 361 (Oxon.); vgl.
noch Theocrit. idyll. 23. -- Wie in der Geschichte vom Theagenes das
Standbild als des Mordes schuldig bestraft wird, so liegt in der That die
Vorstellung von fetischartiger Beseelung lebloser Körper dem alten Brauch
des athenischen Blutrechts, im Prytaneion zu richten peri ton apsukhon ton
empesonton tini kai apokteinanton (Poll. 8, 120 nach Demosth. Aristocr. 76),
zu Grunde. Von Anfang an nur symbolisch kann ja solches Gericht nicht
gemeint gewesen sein.
2) Lucian deor. concil. 12. Paus. 6, 11, 9.
3) Lucian a. a. O. Ueber Polydamas s. Paus. 6, 5 und, ausser vielen
anderen, Euseb. Olympionic. Ol. 93, p. 204 Sch.
4) Sein Sieg war in Ol. 6 (s. auch Euseb. Olympionic. Ol. 6, p. 196)
errungen, das Standbild wurde ihm erst Ol. 80 gesetzt: Paus. 7, 17, 6.
5) Paus. 7, 17, 13. 14.

schichte auch dadurch, dass hier, im Gefolge des Heroenglaubens,
die alterthümlich rohe, bei allen der Idololatrie ergebenen Völ-
kern vorkommende Vorstellung, dass die Macht eines „Geistes“
in seinem Abbilde wohne, so unbefangen wie selten hervortritt.
Sie liegt noch manchen Sagen von der Rache stummer Bilder
an ihren Beleidigern zu Grunde1). Die Standbilder des Thea-
genes übrigens heilten noch in späten Zeiten Fieberkranke2),
ebenso die eines anderen berühmten Faustkämpfers, des Poly-
damas von Skotussa3). Ein achäischer Olympionike, Oibotas
von Dyme, hatte durch einen Fluch Jahrhunderte lang4) Siege
der Achäer im Wettkampf verhindert; als er versöhnt war,
knüpfte an sein Standbild sich die Verehrung der Achäer, die
in Olympia sich zu einem Wettkampf anschickten5).

12.

Der Heroenglaube nahm doch auch einen höheren Schwung.
Nicht nur in freien Kampfspielen, auch in wahrer Noth, in den
Kämpfen um alle höchsten Güter, um Freiheit und Bestand
des Vaterlandes waren die Heroen den Griechen zur Seite.
Nirgends tritt uns so deutlich entgegen, wie wahr und lebendig
damals unter den Griechen der Heroenglaube war, als in dem
was uns von Anrufung der Heroen und ihrer Einwirkung in den

1) Bekannt ist, aus Aristoteles Poet. 9, p. 1452 a, 7 ff. (mirab. ausc.
158), die Geschichte von Mitys (oder Bitys) in Argos. Noch einige solche
Legenden verzeichnet Wyttenbach, Plut. Moral. VII, p. 361 (Oxon.); vgl.
noch Theocrit. idyll. 23. — Wie in der Geschichte vom Theagenes das
Standbild als des Mordes schuldig bestraft wird, so liegt in der That die
Vorstellung von fetischartiger Beseelung lebloser Körper dem alten Brauch
des athenischen Blutrechts, im Prytaneion zu richten περὶ τῶν ἀψύχων τῶν
ἐμπεσόντων τινὶ καὶ ἀποκτεινάντων (Poll. 8, 120 nach Demosth. Aristocr. 76),
zu Grunde. Von Anfang an nur symbolisch kann ja solches Gericht nicht
gemeint gewesen sein.
2) Lucian deor. concil. 12. Paus. 6, 11, 9.
3) Lucian a. a. O. Ueber Polydamas s. Paus. 6, 5 und, ausser vielen
anderen, Euseb. Olympionic. Ol. 93, p. 204 Sch.
4) Sein Sieg war in Ol. 6 (s. auch Euseb. Olympionic. Ol. 6, p. 196)
errungen, das Standbild wurde ihm erst Ol. 80 gesetzt: Paus. 7, 17, 6.
5) Paus. 7, 17, 13. 14.
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[182/0198] schichte auch dadurch, dass hier, im Gefolge des Heroenglaubens, die alterthümlich rohe, bei allen der Idololatrie ergebenen Völ- kern vorkommende Vorstellung, dass die Macht eines „Geistes“ in seinem Abbilde wohne, so unbefangen wie selten hervortritt. Sie liegt noch manchen Sagen von der Rache stummer Bilder an ihren Beleidigern zu Grunde 1). Die Standbilder des Thea- genes übrigens heilten noch in späten Zeiten Fieberkranke 2), ebenso die eines anderen berühmten Faustkämpfers, des Poly- damas von Skotussa 3). Ein achäischer Olympionike, Oibotas von Dyme, hatte durch einen Fluch Jahrhunderte lang 4) Siege der Achäer im Wettkampf verhindert; als er versöhnt war, knüpfte an sein Standbild sich die Verehrung der Achäer, die in Olympia sich zu einem Wettkampf anschickten 5). 12. Der Heroenglaube nahm doch auch einen höheren Schwung. Nicht nur in freien Kampfspielen, auch in wahrer Noth, in den Kämpfen um alle höchsten Güter, um Freiheit und Bestand des Vaterlandes waren die Heroen den Griechen zur Seite. Nirgends tritt uns so deutlich entgegen, wie wahr und lebendig damals unter den Griechen der Heroenglaube war, als in dem was uns von Anrufung der Heroen und ihrer Einwirkung in den 1) Bekannt ist, aus Aristoteles Poet. 9, p. 1452 a, 7 ff. (mirab. ausc. 158), die Geschichte von Mitys (oder Bitys) in Argos. Noch einige solche Legenden verzeichnet Wyttenbach, Plut. Moral. VII, p. 361 (Oxon.); vgl. noch Theocrit. idyll. 23. — Wie in der Geschichte vom Theagenes das Standbild als des Mordes schuldig bestraft wird, so liegt in der That die Vorstellung von fetischartiger Beseelung lebloser Körper dem alten Brauch des athenischen Blutrechts, im Prytaneion zu richten περὶ τῶν ἀψύχων τῶν ἐμπεσόντων τινὶ καὶ ἀποκτεινάντων (Poll. 8, 120 nach Demosth. Aristocr. 76), zu Grunde. Von Anfang an nur symbolisch kann ja solches Gericht nicht gemeint gewesen sein. 2) Lucian deor. concil. 12. Paus. 6, 11, 9. 3) Lucian a. a. O. Ueber Polydamas s. Paus. 6, 5 und, ausser vielen anderen, Euseb. Olympionic. Ol. 93, p. 204 Sch. 4) Sein Sieg war in Ol. 6 (s. auch Euseb. Olympionic. Ol. 6, p. 196) errungen, das Standbild wurde ihm erst Ol. 80 gesetzt: Paus. 7, 17, 6. 5) Paus. 7, 17, 13. 14.

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Zitationshilfe: Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894, S. 182. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rohde_psyche_1894/198>, abgerufen am 04.03.2024.