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Rosegger, Peter: Die Schriften des Waldschulmeisters. Pest, 1875.

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Waldlilie im Srr.

Maria Himmelfahrt 1835.

Jählings ist was Unvorhergesehenes gekommen.

Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben
von meinem einstigen Schüler, unserem jetzigen
Herrn. Hermann schreibt mir, daß er jene Kräuter,
die ich ihm von einem Holzer gesandt, richtig ver-
wendet habe und seither eine große Linderung in
seinem kränklichen Zustande empfinde. Dieser Um-
stand habe ihn auf den Gedanken gebracht, das
Gebirge, welches er bisher ohnehin noch nicht kenne,
zu besuchen und in der milden Frühherbstzeit einige
Tage daselbst zuzubringen. Er beabsichtige ganz
allein zu reisen, denn die Menschen, namentlich die
Städter, seien ihm unsäglich zuwider; das sei wol
eine Eigenheit seines abgespannten Zustandes, aber
er könne sich derselben nicht entschlagen. An den
Reichthümern der Welt habe er sich krank genossen,
in der Ursprünglichkeit der Alpen, in ihren Wild-
nissen wolle er Heilung suchen. -- Er erinnere sich

Waldlilie im Srr.

Maria Himmelfahrt 1835.

Jählings iſt was Unvorhergeſehenes gekommen.

Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben
von meinem einſtigen Schüler, unſerem jetzigen
Herrn. Hermann ſchreibt mir, daß er jene Kräuter,
die ich ihm von einem Holzer geſandt, richtig ver-
wendet habe und ſeither eine große Linderung in
ſeinem kränklichen Zuſtande empfinde. Dieſer Um-
ſtand habe ihn auf den Gedanken gebracht, das
Gebirge, welches er bisher ohnehin noch nicht kenne,
zu beſuchen und in der milden Frühherbſtzeit einige
Tage daſelbſt zuzubringen. Er beabſichtige ganz
allein zu reiſen, denn die Menſchen, namentlich die
Städter, ſeien ihm unſäglich zuwider; das ſei wol
eine Eigenheit ſeines abgeſpannten Zuſtandes, aber
er könne ſich derſelben nicht entſchlagen. An den
Reichthümern der Welt habe er ſich krank genoſſen,
in der Urſprünglichkeit der Alpen, in ihren Wild-
niſſen wolle er Heilung ſuchen. — Er erinnere ſich

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[398/0408] Waldlilie im Srr. Maria Himmelfahrt 1835. Jählings iſt was Unvorhergeſehenes gekommen. Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben von meinem einſtigen Schüler, unſerem jetzigen Herrn. Hermann ſchreibt mir, daß er jene Kräuter, die ich ihm von einem Holzer geſandt, richtig ver- wendet habe und ſeither eine große Linderung in ſeinem kränklichen Zuſtande empfinde. Dieſer Um- ſtand habe ihn auf den Gedanken gebracht, das Gebirge, welches er bisher ohnehin noch nicht kenne, zu beſuchen und in der milden Frühherbſtzeit einige Tage daſelbſt zuzubringen. Er beabſichtige ganz allein zu reiſen, denn die Menſchen, namentlich die Städter, ſeien ihm unſäglich zuwider; das ſei wol eine Eigenheit ſeines abgeſpannten Zuſtandes, aber er könne ſich derſelben nicht entſchlagen. An den Reichthümern der Welt habe er ſich krank genoſſen, in der Urſprünglichkeit der Alpen, in ihren Wild- niſſen wolle er Heilung ſuchen. — Er erinnere ſich

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Zitationshilfe: Rosegger, Peter: Die Schriften des Waldschulmeisters. Pest, 1875, S. 398. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rosegger_waldschulmeister_1875/408>, abgerufen am 21.09.2021.